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Jokica Rasinka

Über die Brücke

Die Sehnsucht

Eine wunderschöne Zeit hinterlässt Erinnerungen, die mit dem Gefühl von Erfolg und Glück verbunden sind. Und wer möchte nicht glücklich sein, ob Mensch oder Tier?

Das Gefühl von Liebe erfüllt jedes Herz mit Freude und stärkt es. Doch manchmal geraten wir im Leben an Stolpersteine, die den Weg zum Erfolg erschweren, und meist kommen sie gleich zuhauf. Das fordert Kraft, Mut und viel Geduld, bis der Weg wieder frei ist. Veränderungen im Leben können das emotionale Gleichgewicht beeinflussen mit dem Ziel, es einfacher zu gestalten oder durchzustehen.

Egal, was kommt: Jeder steuert sein Leben selbst. Sinnloses Leiden oder anhaltende Traurigkeit bringen einen nicht weiter. Wenn wir ein Ziel klar vor Augen haben, im Dritten Auge, können wir alles erreichen. Man nennt es die Macht der Anziehung. Da fällt mir Milka ein. Sie wurde unter ärmlichen Verhältnissen auf dem Balkan geboren und wuchs dort von klein auf. Schon früh musste sie hart arbeiten und die Familie unterstützen, zum Beispiel in der kärglich ausgestatteten Küche oder auf dem Feld, um Vorräte für den Winter zu sichern. Kind sein durfte sie kaum. Als Erwachsene gelang es ihr dann, in die Schweiz einzureisen. Sie wurde Mutter zweier gesunder Söhne und hatte wie ihr Mann eine Anstellung. Trotz dieser positiven Wende war sie ständig unzufrieden. Sie hatte Schmerzen und fühlte sich krank.

Durch unsere gemeinsamen Verwandtschaft konnte ich Milka über längere Zeit beobachten. Oft besuchte ich sie im Spital, weil sie wieder einmal an Armen oder Beinen operiert werden musste. Oder sie erzählte mir von ihren Arztbesuchen, wegen einer Grippe oder anderer Beschwerden. Zuhause hielt sie ständig ein Taschentuch in der Hand, fast wie angeklebt. Ihre Haltung war durchwegs negativ. Die Gespräche kreisten um ihre Probleme, finanziell wie gesundheitlich. Alles war schlecht.

Ich besuchte sie ungern, ihr ständiges Jammern machte mich müde und zog mich herunter. Milka war offenbar unglücklich. Als Kind war sie von einem Traktor angefahren worden und hatte sich beide Knie gebrochen. Ich spürte ihre Trauer, als sie mir davon erzählte. Es war offensichtlich, dass sie sich schon damals einredete, vom Pech verfolgt zu sein. Sie hätte jemanden gebraucht, der ihr Mut machte und sie zu einer klareren Sichtweise führte.

Sie hat eine Tragödie erlebt, ja, und Operationen waren wohl unvermeidbar. Aber was wäre in ihrem Fall eine gesunde Lebenseinstellung gewesen? Sich aufzubauen, zu regenerieren und den Weg zurück ins Glück zu finden. Es ist ein weiter Weg, aber wer sich aufgibt, gewöhnt sich daran. Der Kreislauf bestätigt den Glauben: Wenn man glaubt, unglücklich zu sein, wird man es auch sein.

Ein weiteres Beispiel ist meine gute Freundin Natalia. Sie hatte eine ähnlich geprägte Kindheit wie Milka und einen vergleichbaren Blick aufs Leben. Natalia ist Mutter von drei Kind und stammt auch aus dem Balkan. Sie und ihr Mann hatten gut bezahlte Jobs, jedes Jahr fuhren sie in die Ferien. Trotz allem war auch sie unglücklich. Ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter belastete sie zusätzlich. Der soziale Aufstieg in den Mittelstand begann in Österreich und führte später in die Schweiz. Es mangelte ihnen an nichts: gutes Essen, moderne Elektronik für die Kids.

Ich dachte lange, ihr Unglück läge daran, dass sie in ihrer Familie keine Entscheidungsgewalt hatte. Obwohl sie sich als eine starke und temperamentvolle Frau zeigte, zog sie sich respektvoll zurück, sobald ihre Schwiegereltern auftauchten. Oft fragte ich sie, warum sie ihre Wünsche nicht äusserte oder klare Regeln im Haushalt durchsetzte. Zum Beispiel durften die Kinder essen, was sie wollten, bis sie völlig an Süsses und Fettiges gewöhnt waren. Sport trieben sie kaum. Sie verbrachten Stunden vor dem Fernseher. Für mich war das schwer mitanzusehen. Kochen, Tisch decken, abräumen, abwaschen, alles lag auf ihren Schultern. Hinzu kam ihr Vollzeitjob. Ich fand das nicht in Ordnung und konnte nicht verstehen, wieso sie sich so ausnutzen liess. Natürlich war sie selbst unzufrieden mit der Situation, aber sie resignierte immer wieder, lebte von Tag zu Tag. Mit der Zeit nahm sie niemand mehr ernst. Ihre Probleme häuften sich.

Heute hat sie einen chronisch verletzten Arm, Folge der Überbelastung. Erst war es eine Entzündung, dann eine Operation, gefolgt von weiteren Komplikationen. Sie kann kaum noch etwas unternehmen, leidet seit Jahren unter Schmerzen und fürchtet die nächste Operati on. Nie zeigte sie eine optimistische Einstellung. Dass es ihr heute so schlecht geht, wundert mich deshalb nicht.

«Ich bin eben ein Pechvogel», sagt sie, «und muss damit leben. Weisst du noch die Operation an der Gebärmutter? Ich war eine von den wenigen Fällen mit Komplikationen. Das Glück steht nicht auf meiner Seite.»

«Unsinn», entgegnete ich. «Du hast es überlebt. Kannst du das nicht als Glück sehen?»

Ich redete auf sie ein und versuchte auf jede erdenkliche Weise, ihr zu helfen. Ich war für sie da, doch sie selbst hätte aktiv werden müssen. Wenn sie nichts unternahm, würde sich nichts verändern. Das konnte ihr niemand abnehmen, auch ich nicht.

Solche Situationen erlebte ich bei vielen Menschen, und mir wurde bewusst, dass es zu nichts führt, in der eigenen Trauer zu versinken. Es wird dadurch nicht besser, im Gegenteil: Alles Negative wird angezogen wie Metall von einem Magneten. Bei gewissen Menschen, denen ich begegnete, wurde dieser Magnet so stark, dass nur noch eine medikamentöse Behandlung infrage kam. Bei meiner Mutter half nicht einmal mehr das.

Mein Lebensweg war alles andere als gerade, sprunghaft wie die Alpen, mit vielen Hindernissen, Geröll, Erdrutschen und wackligen Hängebrücken. Das Ziel ist der Weg, und wenn der Weg immer einfach wäre, könnte man schwere Zeiten kaum überstehen. Das lernt man, indem man mit jemandem redet und sich verstanden fühlt. So kann sich eine Tür zu einer neuen Sichtweise öffnen. Es könnte auch etwas geschehen, das eine Veränderung anstösst.

In meinem Leben lernte ich schon als junges Mädchen eine andere Ebene kennen: eine Zufriedenheit, die aus einer positiven Einstellung entsteht. Das Wichtigste für mich war damals, alles ertragen zu können, egal, was geschah oder noch kommen würde. Ich wusste, dass es morgen nicht besser sein würde, aber vielleicht übermorgen. Also begab ich mich in mein Unterbewusstsein und lernte, meine Gefühle in meinen Gedanken zu entdecken. So begann ich, wieder gut zu schlafen.

Sonntagmorgens um halb zehn ging ich ins Freibad. Die Sonne schien, die Temperaturen waren angenehm. Obwohl der Sommer «of fiziell» noch nicht begonnen hatte, war es bereits heiss. Ich holte mir als Erstes einen Kaffee an der Theke. Bevor ich mich auf die Bank setzte, las ich die Menükarte und war überrascht, einige vegane Produkte im Angebot zu sehen. Das freute mich. Das andere Freibad in meiner Nähe hatte leider keine solche Auswahl.

Ich setzte mich auf die Bank und genoss die Ruhe. Schön schattig war es hier, und noch waren kaum Menschen da. Ich blickte zum Pool mit dem Fünf-Meter-Sprungbrett und lächelte. Schon lange war ich nicht mehr im Freibad gewesen. Ich musste lachen, denn das Sprungbrett weckte Erinnerungen in mir. Ich war damals vierzehn und hatte es voller Mut gewagt zu springen. Alle um mich herum schauten zu mir, als ich laut schrie. Beim Aufprall aufs Wasser tat es mir zwischen den Beinen sehr weh. Als ich aus dem Pool stieg, sah ich, wie Blut über meine Beine floss. So schnell ich konnte, rannte ich zur Toilette und stellte fest, dass ich mich an meiner Vagina verletzt hatte. Es war nicht schlimm, aber zwei Jahre später, als ich zum ersten Mal Sex hatte und es weder schmerzte noch blutete, erinnerte ich mich sofort an den Sprung vom Brett und musste lächeln: Ich hatte mich bei dem Sprung quasi selbst entjungfert.

Ich genoss meinen Kaffee, dampfte ein IQOS und dachte an den vorherigen Abend. Er war nicht besonders gut gelaufen.

Gestern war ich völlig aufgelöst von der Arbeit nach Hause gekommen. Natürlich sah Brabant sofort, dass ich nicht bereit war, in den Swingerclub zu gehen. Wir redeten darüber und waren uns einig, zu Hause zu bleiben. Ich war so aufgeregt, mein Kopf kam nicht zur Ruhe. Was, wenn wir ständig gefragt würden, ob ein Partnerwechsel möglich sei? Und wie würde ich mich fühlen, wenn er eine andere Frau sieht und sich von ihr angezogen fühlt? Es war mir zu viel. Ich wollte lieber Raum für uns allein, unsere Sinnlichkeit, unsere Gelüste und Fetische ganz für uns geniessen. Ob mit einem Mann oder einer Frau, meine Treue stand mir ins Gesicht geschrieben.

Brabant und ich waren offiziell kein Paar, aber hatten bereits ein halbes Jahr ein Verhältnis. Er war ein toller Freund, wir unterhielten uns gern und verstanden uns gut. Zudem war er ein hemmungsloser, leidenschaftlicher Mann. Ich liebte es, mit ihm neue Dinge auszupro bieren, vieles, was für ihn längst vertraut war. Er war wie ein Lehrmeister für mich.

Bei manchen seiner Vorlieben machte ich mit, bei anderen nicht, sie überschritten meine Grenzen. Ich wusste, dass wir nie eine richtige Beziehung führen konnten aufgrund der Probleme zwischen uns, wegen unsere verschiedenen Bedürfnisse. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zu Ende sein würde. Doch solange es weiterging, versuchte ich, ihm auf eine andere Art entgegenzukommen, deshalb schlug ich ihm auch den Besuch im Swingerclub vor. Aber es ging leider nicht, weil ich es nicht konnte. Es gab da noch eine Option, den Cruise zu besuchen, um dort seine Wünsche erfüllen zu können. Also entschieden wir uns an diesem Abend, dorthin zu fahren.

Ich machte mich hübsch, zog ein schwarzes, lockeres Kleid an, schminkte mich stärker als sonst und wählte Sandalen mit glänzenden Steinchen. Wir fuhren los. Zuerst gingen wir in ein Restaurant, um zu Abend zu essen. Ich bestellte grilliertes Gemüse mit Rosmarinkartoffeln, was sehr lecker war. Auf der Gartenterrasse der Pizzeria bemerkte ich, wie die Blicke der anderen auf mich fielen. Anscheinend blühte ich auf und sah schön aus. Auch Brabant sah sehr gut aus. Er bezahlte die Rechnung wie ein wahrer Gentleman. Dann machten wir uns auf den Weg zur «Sauna». Am Eingang bekamen wir Masken ausgehändigt, es fand ein Maskenball statt.

Mir wurde zunehmend unwohl in diesem seltsamen Raum. Die Frau an der Kasse wirkte gelangweilt, unmotiviert und verärgert. Es war dunkel und feucht. An den Wänden hingen Schilder mit der Aufschrift «Respektiert ein NEIN!». Nachdem wir den Eintritt bezahlt hatten, gingen wir zur Garderobe für Paare und schlossen uns in einem kleinen Raum ein. Ich wurde immer aufgeregter, hüpfte nervös umher wie ein Kaninchen im Käfig.

Fragen tauchten in mir auf: Soll ich mich ganz ausziehen oder nicht? Muss ich die Schuhe anlassen oder barfuss in die feuchte Zone gehen? Je länger Brabant brauchte, um sich fertig zu machen, desto nervöser wurde ich. Endlich war er soweit, und wir machten uns langsam auf den Weg durch die Hallen.

Es war schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Maskierte Männer standen herum, manche nackt, andere mit Tuch um die Hüften.

Sie erwarteten uns bereits. Brabant hielt meine Hand fest, ich klammerte mich an das Tuch. Einer hatte sein Glied in der Hand, befriedigte sich schamlos selbst und lief uns sogar nach, die anderen ebenfalls. Wir wollten uns eigentlich nur umsehen, doch fünf oder sechs Männer folgten uns gierig.

What the fuck …, dachte ich und schaute zu Brabant. Er meinte: «Was meinst du, wollen wir zuerst an die Bar und etwas trinken?»

Ich nickte nur. Wir setzten uns, wollten etwas bestellen, doch kaum sassen wir, kamen die Dreibeiner in Scharen und setzten sich zu uns. Ihre Energie war überwältigend.

Ich schaute Brabant an und fragte ihn, ob ihm die Stimmung im Raum auch komisch vorkomme. Weil die Bedienung nicht auftauchte und wir nichts bestellen konnten, waren wir uns einig, dass wir uns einen geschlossenen Raum ohne Gucklöcher suchen wollten. Als wir aufstanden, erhob sich die Schar Männer um uns ebenfalls, wie auf Befehl eines Oberkommandanten. Ich musste lachen, und Brabant versuchte, ihnen mit einem klaren «Nein» zu sagen, dass es bei uns nichts zu holen gab. Nach drei Zurückweisungen gaben sie auf und gingen. Diese Männer waren offenbar so verzweifelt und in ihrer Fantasiewelt gefangen, dass sie keinen Respekt und keinen Anstand mehr kannten.

Mir wurde schnell klar, warum überall diese Schilder aufgestellt waren, auch wenn sie offenbar nichts nützten.

Brabant und ich fanden dann endlich einen Raum, der abschliessbar war und keine Einblicke zuliess, und gingen hinein. Darin stand ein rundes, mit rotem Kunstleder überzogenes Hochbett und ein Spiegel an der Decke. Die Beleuchtung war grell. Brabant begann, mir das Tuch zu lösen, da klopfte es bereits an der Tür. Ich hörte Geräusche.

«Sag n-nicht …», stotterte ich. «Oh doch, meine Kleine», erwiderte Brabant lächelnd. «Die warten jetzt alle schön vor der Tür, bis wir fertig sind.»

Ich begann zu lachen. Ich konnte die ganze Situation nicht ernst nehmen. Es wurde mir zu blöd, auch wenn der Spiegel an der Decke eine neue Erfahrung gewesen wäre. Ich hatte mir diesen Ort anders vorgestellt. Es war hell, unruhig, die Klimaanlage funktionierte nicht, wir schwitzten, und sein Teil wurde nicht richtig hart. Ich hatte null Bock auf Sex und so beschlossen wir, nach Hause zu gehen.

Draussen musste ich schmunzeln. Zu den gierigen Männern sagte ich, sie seien selbst schuld, sie hätten mit einer Partnerin kommen sollen. Auch Brabant musste lachen. So machten wir uns auf den Heimweg. Er meinte, so etwas hätten wir im Swingerclub nicht erlebt. Dort wären nur Paare, und es würde ganz anders, viel angenehmer ablaufen. Ich dachte nur: Schlimmer kann es ja nicht werden, sagte dann zu ihm «Für den Moment habe ich es gesehen. Danke.»

Langsam machte ich mich auf den Weg zum Schwimmbad, legte mich auf den Rasen, leerte meine Tasche und zog mein Kleid aus. Ich brauchte eine Abkühlung und sprang ins Wasser. Im Pool sah ich einen Arbeitskollegen, grüsste ihn freundlich und schwamm weiter. In strengen Zügen zog ich meine Bahnen, gab volle Leistung und versuchte, keine Gedanken fliessen zu lassen. Dann stieg ich aus dem Pool, ging zu meinem Strandtuch zurück und legte mich hin.

Ich dachte zu viel nach; das mochte ich gar nicht, denn so kamen Zweifel in mir auf. Ich musste herausfinden, was nicht stimmte, nahm mein Schreibbuch aus der Tasche und begann aufzuschreiben, was mich beschäftigte, eine Art Aufklärung aus meinem Innersten. Ich notierte Punkte, die mich verunsicherten und mir fehlten. Dabei wurde mir klar, dass diese Art von Beziehung mit Brabant nicht meinen Vorstellungen entsprach. Ich begann, ihm eine Nachricht zu schreiben:

« Jeder Mensch hat Depressionen, auch ich. Vor allem durch meine Vorfahren bin ich psychisch stark belastet. Aber ich habe das gut im Griff, ohne Medikamente und ärztliche Hilfe. In mir wirkt ein jahrelang eingeprägtes System, das mich glücklich macht. Das versuche ich, an dich weiterzugeben, indem ich dir meine gute Laune schenke. Wenn du aber immer öfter unmotiviert zu mir kommst, mir meine Energie raubst, du dich danach gut fühlst und ich zugleich den Bach runtergehe, kann ich das bei aller Liebe nicht mehr aushalten. Auch wenn du das gar nicht willst, es ist schon so oft passiert. Ich bin nun mal keine Tankstelle. Natürlich liegt es an mir, denn es ist mein Problem und ich muss es lösen. Du hast auch eine andere Art von Erotik, die ich dir leider nicht geben kann. Es tut mir leid, aber ich kann so nicht mehr.»

Brabant hatte in seinem früheren Leben ein massives Drogen- und Spielproblem. Durch den Rausch aktivierte er verstärkt Dopamin, Noradrenalin und Serotonin, was bei dem langen Konsum zu Schäden führte. Diese Glücksgefühle waren bei ihm irgendwann wie verkalkt. Im Alltag zeigte es sich: Er war emotionslos und monoton. Beim Fallschirmspringen suchte er nach Adrenalinkicks, manchmal auch beim Klettern. Mir wurde klar, dass ich ihm nicht helfen konnte, also beschloss ich, die Beziehung zu beenden.

In mir war ein Gefühlswirrwarr. Das kannte ich schon und hatte mich schon vor Brabant in ungute Beziehungen gestürzt. Diese Schwäche konnte ich einfach nicht überwinden. Es fiel mir unheimlich schwer, ihr zu widerstehen, und ich wusste nicht, warum.

Emotionen lassen sich schlecht steuern, sie kommen und gehen. Eigentlich müsste es mir egal sein, was andere denken. Bei Freunden, bei meiner Familie hatte ich keinerlei Probleme, loszulassen, aber bei Geliebten fiel es mir umso schwerer.

Dann war diese Angst wieder da. Woher kam sie nur? Ich bin doch sonst positiv, stark und mutig.

Diesmal musste ich handeln, bevor sie mich einholte und eine Panik auslöste. Also ging ich zur kalten Dusche. Sie kühlte meinen Gedankenfluss regelrecht ab. Danach legte ich mich wieder auf mein Handtuch und dachte weiter nach.

Immer und immer wieder kam ich in diesen Kreislauf. Anscheinend wollte es nicht aufhören. Ich musste mir mehr Zeit geben, eine Brücke bauen, um über sie zu gehen, nicht immer wieder um sie herum. Keine komplizierten Umwege mehr, denn dann fiel ich immer wieder ins Wasser.

Zuerst musste ich mit Brabant abschliessen, damit er sein Leben weiterführen konnte, ohne mich quasi «betreuen» zu müssen, worin auch immer diese Betreuung bestand. Es gefiel mir zwar sehr mit ihm, jedoch fehlte etwas Entscheidendes, sodass wir zusammen glücklich sein konnten. Wir hatten schöne gemeinsame Momente, und er war oft für mich da. Es fühlte sich intensiv an, aber empfand nur ich das so?

Ich hätte ihn schon damals verlassen sollen, als wir uns weinend voneinander verabschiedet hatten, nachdem wir über Gefühle ge sprochen hatten. Es tat wohl uns beiden weh, also wagten wir es, weiter zu gehen miteinander. Doch wie man es nun sah, es ging nicht gut.

Es lag also an mir, nicht an ihm. Wieso musste ich mich noch mehr an ihn binden, obwohl er gesagt hatte, dass er nicht dieselben intensiven Gefühle für mich hatte wie ich für ihn? Wieso machte ich trotzdem weiter und verliess ihn nicht? Das hätte mir vieles erspart.

Nun gut, jetzt sollte es endgültig sein. Ich verabredete mich mit ihm, um alles ein für alle Mal zu klären.

Wir trafen uns noch am selben Tag und machten einen Spaziergang im Wald. Er verstand, was ich ihm sagen wollte. Das Gespräch dauerte nicht lange, und wir verabschiedeten uns kollegial mit einer Umarmung. Nachdem ich ihn nach Hause gefahren hatte, fuhr ich ebenfalls heim und war sehr erleichtert, dass er die Trennung so entspannt aufgenommen hatte. Ich grübelte zu viel, wieder mal.

Aber nun ist Schluss!, sagte ich mir. Meine Schwäche musste ich in den Griff bekommen. Die Zeit lief mir davon. Wenn ich noch eine bleibende Liebe erleben wollte, musste ich stark bleiben. So nahm ich meinen Laptop, um zu schreiben. Da erschien plötzlich eine schwarze Feder auf dem Bildschirm.

Eine Feder symbolisiert den richtigen Zeitpunkt, Sensibilität für Synchronizität, sowie Feinheit und Kreativität. Sie kann aber auch eine Botschaft sein und tiefe Heilung auslösen. Einer spirituellen Sichtweise zufolge kann eine gefundene Feder eine besondere Erfahrung ankündigen, vor allem, wenn sie an einem unerwarteten Ort auftaucht, etwa zuhause oder in einer Handtasche, wo es keine logische Erklärung für ihre Anwesenheit gibt. Besonders dann gilt sie als Zeichen von Engeln oder einem verstorbenen geliebten Menschen.

Der Satz «Federn erscheinen, wenn Engel in der Nähe sind» kam mir in den Sinn, als ich sie auf meiner Tastatur sah. Ich dachte sofort an meinen Opa. Es war wie eine Bestätigung meiner Intuition, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Noch dazu war es eine schwarze Feder, was mochte das bedeuten? Die Farbe Schwarz steht für Schutz, verbindet sich mit allen anderen Farben und verstärkt deren Kraft.

Ich musste diesen Hinweis ernst nehmen und tief in mein Innerstes eintauchen, mich fragen, wie ich meine Potenziale und Kräfte wecken konnte, die in der Dunkelheit ausserhalb meines Bewusstseins schlummerten. Nachdem ich einige erklärende Zeilen über schwarze Federn gelesen hatte, musste ich schmunzeln. Mir wurde klar, warum diese Feder aufgetaucht war: Ich musste endlich handeln und den Weg einschlagen, der mir bestimmt war, sonst würde ich nie aus diesem Teufelskreis herauskommen. Ich bedankte mich in Stille bei der schönen Feder.

Einige Monate vergingen, ohne dass wir etwas voneinander hörten. Doch es ging kein Tag zu Ende, an dem ich nicht an ihn dachte. Das war neu für uns. Bisher hatten wir uns täglich Guten- Morgen-Sprachnachrichten geschickt, oft mit Fotos vom Sonnenaufgang. So begann unser Tag in einer hellen Energie, die uns durch den Arbeitsalltag trug. Natürlich hoffte ich, auch ihm mit meiner positiven Stimmung etwas mitgeben zu können. Diese Haltung lebte stark in mir, sie liess mich bewusster leben, gesund bleiben und gut schlafen.

In den Träumen der Nacht verarbeiten wir die Geschehnisse des Tages. Viele Menschen haben Mühe einzuschlafen, weil sie ihren Kopf nicht frei bekommen, so auch Brabant, der immer wieder mit depressiven Phasen kämpfte.

Mein Rat in solchen Fällen lautet: den Tag mit positiven Gedanken abschliessen, Freude empfinden und das Innere auf eine ruhige Frequenz bringen.

Eines liess mir aber keine Ruhe. Ich wollte wissen, wie es ihm ging. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und schrieb ihm. Meine Frage, wie es ihm mit der Trennung gehe und ob er auch darunter leide, beantwortete er prompt. Er schrieb, sein Gefühl habe ihn ebenfalls dazu gebracht, mir schreiben zu wollen. Es gehe ihm ganz gut, obwohl er oft an mich denke. Als er mit dem Fallschirm gesprungen ist sah er meine Wohnung, aber nicht mein Auto. Ich spürte, wie ihm das aufgefallen ist, da wärmte sich mein Herz.

Ich freute mich, dass es ihm gut ging, und rief ihn kurzerhand an. Wir unterhielten uns liebevoll, das hatte mir so gefehlt. Er war immer lustig, verständnisvoll und kommunikativ. Seine Geschichten fand ich schon immer spannend, und ich mochte ihn sehr. Ich liebte auch seine sinnlichen Berührungen, sein Wissen, aus dem ich viel lernte, und seine erotische Ausstrahlung war ein Genuss für mich. Eigentlich war er der Mann meiner Träume. Was also fehlte mir?

Er hatte einen Job, Hobbys und wohnte in der Nähe. Er sprach Deutsch und war eine Bombe im Bett.

«Es sieht so aus, als würden bei uns ständig diese Wellen auftreten. Wollen wir uns ihnen stellen? Ohne Gefühlschaos?», fragte er mich am Telefon.

Ich hatte keine Antwort darauf. Denn es gab auch viele unschöne Zeiten mit ihm. Immer wieder zogen über ihn dunkle Wolken der Trauer. Diese schlechten Erinnerungen überwogen. Ich fragte mich, ob er sich überhaupt noch ändern konnte, doch ich wollte ihm diese Zeit nicht mehr geben. Nicht schon wieder. Mein Ziel war es, endlich voranzukommen und mein Liebesleben in den Griff zu bekommen. Ich sehnte mich danach, durchatmen zu können und zu wissen, dass mein Schatz stets an meiner Seite war.

Meinen treuen Mann, der mich liebt und beschützt. Ich hatte keinen Bock mehr auf diese Wellen. Ich bin ein Höhenmensch. Wenn ich Berge besteige und zum Gipfel will, dann sicher nicht, indem ich bewusst nach einem brüchigen Felsen greife. Stütze ich mich darauf ab, riskiere ich zu stürzen, und das tut weh. So sah ich unsere Beziehung. Wir wussten beide, dass sie bereits Risse hatte. Und wenn es schon damals nicht funktionierte, wollte ich nicht denselben Fehler immer wieder machen.

Zudem musste ich ein gutes Gefühl dabei haben, uns noch einmal eine Chance zu geben. Doch dieses Gefühl blieb aus. Respektvoll teilte ich ihm meine Entscheidung mit und bat ihn, mich in Ruhe zu lassen. Tränen kamen, aber ich war mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich alles wieder einpendeln würde.

Ich nahm mir die Zeit, mich wieder meinen eigenen Themen zu widmen, mich innerlich zu reinigen und ein neues Leben zu beginnen, erstmals ganz für mich allein.

Eine tief verankerte Vorstellung begleitete mich schon seit meiner Kindheit. In meinem Unterbewusstsein hatte sie sich festgesetzt, und ohne Partner, so glaubte ich, würde ich sie kaum loswerden. Da rüber zu sprechen, war schwierig. Manche Menschen verstanden es nicht und hielten mich für krank oder «anders». Andere hingegen konnten damit umgehen, so auch Brabant.

Durch seine Vergangenheit mit Spielsucht und Drogen hatte er als junger Mann alles andere als ein leichtes Leben gehabt. Er erzählte mir, wie er, wenn er seinen Lohn erhalten hatte, ihn noch am selben Abend vollständig verspielte. Anfangs verstand ich diese Sucht nicht, sie war mir fremd. Auch mit Drogen hatte ich keine Erfahrung. Doch durch seine Offenheit begann ich zu verstehen. Ich hörte ihm gern zu, so wie er es auch bei mir tat.

Es war mir wichtig, dass meine Gedankenflüsse zu mir gehörten und damit, dass ich so, wie ich war, geliebt wurde. Eine Therapie oder mich mit irgendwelchen Stimmungsaufhellern vollzustopfen, kam für mich nicht infrage. Ich hatte als Mädchen genug gesehen, was solche Medikamente bewirken können. Meine Mutter nahm sie täglich, und sie verschlimmerten ihre Probleme nur.

Nach der Trennung war mein Ziel klar: Ich wollte meinen eigenen Weg gehen, auch wenn er holprig werden würde. Ich musste es selbst in die Hand nehmen. Aber ich wollte es wagen.

Denn sonst wäre ich mein Leben lang in irgendwelchen Fantasien feststecken geblieben, ohne je zu erfahren, wie es sich anfühlt, sie Realität werden zu lassen. Ob sie mir überhaupt gefielen oder ich sie doch lieber nur in meinen Träumen lebte. Es war an der Zeit, das endlich herauszufinden. Vielleicht würde es funktionieren, vielleicht aber auch nicht. Aber es musste irgendwie.

An einem Abend nahm ich meine Autoschlüssel und fuhr zu einem Imbiss in der Nähe. Nach einem anstrengenden Arbeitstag hatte ich keine Lust mehr zu kochen, schon gar nicht für mich allein. Es bereitete mir Freude, jemand anderem etwas Gutes zu kochen. Ich war experimentierfreudig mit Gewürzen, und mit meinen Kochkünsten brachte ich ein leckeres Essen zustande. Aber für mich allein lohnte es sich nicht, also bestellte ich mir diesmal eine Falafelbox und ging zurück zum Auto. Gerade als ich losfahren wollte, trat plötzlich ein Mann an mein Fenster. Ich erschrak.

«Mach auf!», rief er mit bedrohlichem Blick. Er war gross, kräftig gebaut, schwarz gekleidet. Sein Gesicht lag im Schatten seines Caps, doch ich konnte seinen Bart und seine dunklen Augen erkennen.

Ich legte den Gang ein und machte ihm durch meine Körpersprache klar: Wenn er nicht zur Seite tritt, garantiere ich für nichts.

Er wurde noch wütender, beugte sich näher ans Fenster. «Hast du mich nicht verstanden?», knurrte er. Ich lächelte und sagte nur: «Doch.» Dann gab ich Gas.

Er sprang zurück, kurz darauf war er im Rückspiegel verschwunden.

Während der Heimfahrt atmete ich mehrmals tief ein und aus. Das Adrenalin begann langsam nachzulassen. Die Vorstellung, was er mit mir hätte tun können, die Gewaltfantasien, die sich in meinem Kopf festsetzten, das alles machte mich nervös und wühlte mich auch körperlich auf.

Diese intensiven Momente, in denen Endorphine, diese Glückshormone, aber auch natürlichen Schmerzmittel - durch meinen Körper schossen, kannte ich seit meiner Kindheit. Und genau das beunruhigte mich. Warum fühlte ich mich gerade in Extremsituationen lebendig?

Bevor ich hinauf in meine Wohnung ging, hielt mich meine liebe Nachbarin Elsa auf und bat mich, kurz bei ihr reinzukommen. Elsa ist pensioniert und lebte seit der Trennung von ihrem Mann in unserem kleinen Dreifamilienhaus. Wir mochten uns sehr.

Oft erzählte sie mir Geschichten aus früheren Zeiten. Wir sprachen über Gott und die Welt, und wenn eine von uns Hilfe brauchte, waren wir füreinander da, auch wenn es meist ich diejenige war, die profitierte. Diese über vierzig Jahre ältere Frau war stark, körperlich und emotional. Ihr schweres Leben hatte sie geprägt und gleichzeitig gestärkt. Sie trug ihr Leben mit Würde, wie einen Orden.

Heute war sie aufgebracht. Sie berichtete mir von einer Begegnung mit ihrem Exmann im Supermarkt: «Der Idiot hat mich nicht einmal erkannt! Ich muss mir ein neues Geschäft suchen. Ich will ihm nicht mehr begegnen!»

Seit seinem Hirnschlag war er kaum wiederzuerkennen. Er wurde aggressiv, schlug sie und sogar den kleinen, weissen Terrier, den sie gemeinsam gehabt hatten. Der Hund hatte lange ein regelrechtes Trauma. Ich war froh, dass Elsa den Mut hatte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. So etwas hatte sie nicht verdient. Ich sprach ihr Mut zu, wies auf mein inzwischen kaltes Essen hin und verabschiedete mich. Oben angekommen wollte ich gerade die Tür abschliessen, da krachte sie mit voller Wucht auf. Das Essen flog über mich hinweg. Der Mann vom Parkplatz stand plötzlich in meiner Wohnung. Ich hatte keine Ahnung, wie er herausgefunden hatte, wo ich wohnte, aber das war mir in diesem Moment egal.

Er drückte mich gewaltsam gegen die Wand, frontal, presste sich so fest an mich, dass ich mich kaum bewegen konnte. Sein Gesicht war ganz nah an meinem, ich konnte seinen Atem riechen. Ich spürte seine Absichten, ohne sie hören zu müssen. Der Schock machte mich stumm. Aber die Schmerzen spürte ich deutlich.

Er verdrehte meinen Arm hinter meinen Rücken. Seine Hand griff unter mein Shirt in Richtung meiner Brust. Ich fühlte seine groben Finger, wie sie zupackten, rieben, kniffen. Ich schrie: «Nein, bitte! Hör auf!»

Er drehte mich um, stand Nase an Nase mit mir, starrte mich an wie ein ausgehungerter Wolf. Dann zog er mir mein Shirt über den Kopf, ich sah nichts mehr und, meine Brust lag frei.

Ich hörte keuchende Geräusche, spürte seine gierigen Bewegungen … Dann klingelte es.

Ich hoffte auf Hilfe. Das Klingeln hörte nicht auf. Plötzlich wurde mir klar: Das war nicht die Türklingel. Es war der Wecker.

Reise in eine andere Welt

Der Wecker, welcher mich soeben aus meinem intensiven Traum holte war derselbe, der mich in den Urlaub rief. Endlich rückte dieser Urlaub näher, den ich alleine verbringen wollte, und niemand wunderte sich darüber. Durch meine Erfahrungen mit meinen Ex-Partnern hatte ich ohnehin mehr Spass, wenn ich alleine reiste. Ich durfte spontaner sein, frei mit allen kommunizieren, die mich interessierten. Ich durfte einfach ich selbst sein.

Heute war es endlich so weit, ich konnte es kaum erwarten. Dort, wo ich hinreisen würde, sollte die Sonne wieder sommerlich scheinen und meine Haut bräunen. Ich hatte diesen Traum schon eine Weile im Auge, denn Kultur, Geschichte und die historische Infrastruktur dieser Region hatten mich immer fasziniert. Dies einmal real zu erleben, zu spüren, wie der warme, südliche Wüstenwind durch meinen Körper strömt, darauf freute ich mich besonders. Auch auf die kulinarischen Spezialitäten war ich gespannt.

Ich stand ziemlich schweissgebadet vom Bett auf und blickte zurück. «Nun lass uns gehen, Tigi!» Ich schnappte mir meinen kleinen Plüschtiger, der mir immer Mut beim Einschlafen gegeben hatte. Mit ihm waren die Nächte allein angenehm. So landete er im Rucksack, und ich brach, nach einem Kaffee, in Richtung Flughafen auf. Mein Flug ging ziemlich früh, sodass der Weg ruhig war. Auch der Flughafen war angenehm und Menschenleer. Problemlos kam ich durch den Check-in und die Passkontrolle. Wie immer stieg ich als eine der Letzten ins Flugzeug.

Als ich früher noch verheiratet war, fiel es mir schwer, mich auf etwas anderes zu konzentrieren als auf meinen Ehemann, der unter Flugangst litt. Ich übernahm diese Angst unbewusst und fühlte mich dadurch unwohl. Nach der Trennung fand ich dann wieder Stabilität in mir selbst. Ich erinnerte mich an einen Nachtflug von Manaus nach Fortaleza. Amazonas, Regenwald, starke Regenfälle. Als meine Cousi ne neben mir Angst wegen der vielen Blitze hatte, schaute ich vergnügt hinaus. Bei ihr konnte ich gelassen bleiben, bei meinem Lebenspartner hingegen nicht.

Ich hatte also einen angenehmen Flug, ich war ja alleine unterwegs. Neben mir sass ein mazedonisches Pärchen, beide waren sehr gesprächig. Er erzählte mir, es sei bereits ihr fünfter Aufenthalt und garantiert nicht der letzte. Die Destination gefalle ihnen sehr, und sie gaben mir Tipps: «Mach unbedingt einen Quad-Ausflug in die Wüste oder geh schnorcheln. Und wenn dich jemand fragt, ob es dein erster Trip ist, sag einfach, du warst schon hier.» Es klang, als sei die Kultur von einer gewissen Aufdringlichkeit geprägt. «Die Frauen haben dort nicht denselben gesellschaftlichen Status wie bei uns. Sei vorsichtig und halte die Augen offen!»

Ich spürte seine Besorgnis, weil ich alleine unterwegs war, liess mich davon aber nicht einschüchtern. Mit einem selbstbewussten Lächeln sagte ich: «Mein Hotel liegt in einem gut geschützten Viertel. Ohne Bewilligung kommt dort niemand rein.»

Ich freute mich riesig bei dem Gedanken, wie schön es dort sein würde: der weite Strand, das leckere Essen und vor allem die Wärme. Am Pool Cocktails trinken, mich sonnen, mich verwöhnen lassen, einfach abschalten, kurzum: mich fühlen wie eine Königin. Obwohl ich letztens noch eine Grippe gehabt hatte, die ich mit Antibiotika behandelte, fühlte ich mich jetzt grossartig.

Nach knapp vier Stunden Flug lag eine neue, mir unbekannte Landschaft vor meinen neugierigen Augen. Die Sonne ging gerade auf. Die weite Wüste glänzte wie die goldene Schatzkulisse eines Sultans, umgeben vom klaren, blauen Wasser, eine überaus schöne, einladende Gegend. Ich blickte aus dem Fenster und jubelte innerlich: Ja, endlich da! Wir landeten in Hurghada, Ägypten.

Als ich aus dem Flugzeug stieg, spürte ich die 25 Grad warme Luft, wie ein Spätsommertag im Süden Europas. Ich genoss den Wind, der durch mein Haar strich.

Mit meinem Gepäck machte ich mich gleich auf den Weg nach draussen. Schon sah ich viele hochgehaltene Taxischilder. Geschäftiges Treiben, rücksichtslos und laut. Da ich bereits über mein Hotel einen Shuttle gebucht hatte, ignorierte ich die Angebote und hielt nach meinem Namensschild Ausschau. Es war nirgends zu sehen. Also wartete ich.

Nach mehr als einer Stunde kam endlich mein lang ersehnter Transport. Gut organisiert, dachte ich leicht frustriert, aber ich liess mir nichts anmerken. Der Fahrer war freundlich und entschuldigte sich. Kein Grund, sich aufzuregen und sich den Tag verderben zu lassen. Ich lächelte entspannt. Auf der Fahrt lief Musik ganz nach meinem Geschmack, der Fahrer bemerkte es und drehte sie mit einem Lächeln etwas lauter.

«Das erste Mal hier?», fragte er. Ich unterdrückte ein Schmunzeln, dachte an das mazedonische Paar zurück und antwortete: «Nein, schon das fünfte Mal.»

Zum Glück fragte er nicht weiter nach. Als wir beim Hotelareal ankamen, wurde unser Wagen zunächst von bewaffneten Männern durchsucht, erst dann durften wir weiter. Auf dem Weg sah ich zahlreiche Skulpturen, die wie Pharaonen aus Sand geformt waren und eine bezaubernde Kulisse bildeten.

Voller Euphorie kam ich im Hotel an. Nach dem Einchecken ging ich direkt ins Zimmer. Ganz nach meinem Standard stellte ich den Koffer ab, zog die Vorhänge zur Seite, öffnete die Balkontür und bewunderte die wunderschöne Aussicht.

Das weite Meer, strahlender Sonnenschein und eine nahezu endlose Weite. Ich atmete tief durch. Eine innere Ruhe durchströmte mich, ein Gefühl von Freiheit, das mich in den nächsten Tagen begleiten würde, frei von Arbeit, Terminen, Verpflichtungen, frei von allem.

Egal, wie sich der Urlaub entwickeln würde: Mein Zeitgefühl war verschwunden, und ich war glücklich, entspannt. Ich machte mich direkt auf den Weg zum Pool. Unterwegs kam ich an der Bar vorbei und erkundigte mich nach der Cocktailkarte. «Entschuldigung, aber so etwas führen wir nicht», erklärte mir der Barkeeper. Ich versuchte dennoch, etwas meinem Geschmack Entsprechendes zu bestellen, erfolglos. Schliesslich ging ich mit einem kühlen Eistee davon und legte mich auf eine freie Liege. Nun konnte ich die herrliche Aussicht bei strahlendem Sonnenschein geniessen.

Bevor ich mir einen erfrischenden Schluck gönnen konnte, kam bereits ein Mann auf mich zu. Er sprach Französisch und erklärte mir, dass er beruflich Poet sei und ich mit dem Kauf seines Buches zu seiner Existenzsicherung beitragen würde. Mein Urlaubsbudget war aber klar definiert, ich konnte ihm nicht helfen, auch wenn ich es gerne getan hätte. Enttäuscht und traurig zog er weiter. Kurz darauf kam der nächste, und ich stellte langsam fest, dass es offenbar die Tagesbeschäftigung dieser Männer war, ihre Talente anzupreisen und möglichst viele Hotelgäste anzusprechen.

Ein Visagist erregte dann meine Aufmerksamkeit. Warum nicht einmal mein Gesicht professionell reinigen lassen? Der junge, gesprächige Mann strahlte Lebensfreude aus. Wir lernten uns ein wenig kennen, und die Sympathie stimmte. Kurz entschlossen reservierte ich für den kommenden Abend.

Der Eistee war inzwischen durch die Mittagssonne lauwarm geworden, und mein Magen meldete sich. Ich setzte mich draussen in den Schatten an einen Tisch, und schon kam die Bedienung.

«Guten Tag, Madame. Möchten Sie zu Ihrem Wasser vielleicht ein Glas unseres Hausweins? Den kann ich wärmstens empfehlen», meinte er etwas übertrieben.

«Nun, da ich Weisswein liebe, hoffe ich, dass Sie etwas Passendes für mich haben.»

«Aber natürlich, kommt sofort.» Er brachte mir eine ganze Flasche. «Ich dachte eher an ein Glas. Wollen Sie mich abfüllen?» scherzte ich.

«Selbstverständlich dürfen Sie die Flasche für das Abendessen behalten, Madame. Soll ich sie gleich zur Seite stellen?»

Ich nickte und genoss den Riesling, eine leichte Süsse am Gaumen, fruchtig, passend zum Tag.

Etwas später, vor dem Abendessen, begab ich mich in den Beauty- Salon. Dort arbeiteten drei Personen: zwei junge Männer und eine Frau. Sie war spezialisiert auf Haare und Make-up, einer der Männer auf Maniküre und Pediküre, und natürlich gab es den Visagisten. Die Atmosphäre war locker und angenehm. Von Natur aus bin ich offen und gesprächig, die Stunde verging also unterhaltsam.

Housam, der Visagist, beherrschte eine besondere Technik: Mit einem Faden entfernte er geschickt die feinen Haare im Gesicht. An schliessend trug er eine kühlende Gesichtsmaske auf, die mit einer speziellen Anlage temperiert wurde. Mein Gesicht fühlte sich danach besonders weich und glatt an. Etwas später bekam ich Durst und fragte nach einem Glas Wasser. Ich nahm einen Schluck und bemerkte zu spät, dass es sich um Reinigungswasser handelte. Ich begann zu husten, und die Angestellten dort erkannten sofort, dass etwas nicht stimmte. Nach einem kurzen Durcheinander musste ich so sehr lachen, dass die Stimmung rasch wieder entspannt war. Als Entschuldigung bot mir der Nagelmeister eine Fussbehandlung an. So blieb ich länger als gedacht und freundete mich zudem noch mehr mit Housam an.

Als ich mich verabschiedete, begleitete er mich bis zum Aufzug. Er schlug mir einen Ausflug in die Grossstadt am nächsten Abend vor, da er mich sehr sympathisch finden würde. Mit grosser Vorfreude auf ein kleines Abenteuer nahm ich das Angebot an. Doch er bat mich, darüber zu schweigen, da er aus beruflichen Gründen nicht privat mit Gästen ausgehen dürfe.

Natürlich war ich vorsichtig, liess mir aber nichts anmerken. Ein gewisses Misstrauen war da, wir kannten uns schliesslich erst seit ein paar Stunden. Aber ich wollte wenigstens einmal die Anlage verlassen, die ohne Genehmigung nicht betreten oder verlassen werden durfte. Alles war abgesperrt und bewacht. Die Anlage, Sahl Hasheesh, war eine gesicherte Zone für Touristen wie mich. Ich aber wollte das reale Leben draussen erleben. Wie so oft mochte ich Herausforderungen; mein Leben war voller Abenteuer, und meine Neugier war geweckt.

Der nächste Abend rückte näher. Ich zog ein sommerlich-leichtes, bodenlanges Kleid an, ärmellos mit einem reizvollen Ausschnitt. Dazu einen schwarzen Blazer, hohe goldene Sandalen und mein Auftritt für die Nacht war perfekt. Ich steckte mein Haar hoch und schminkte mich dezent. Die Vorfreude war gross, denn wie vereinbart würde Housam mich vor dem Hotel abholen. Ein kurzer Blick in den Spiegel und da war sie: eine hübsche, leicht aufgeregte Frau. «Gibt es etwas Besseres?» dachte ich und machte mich auf den Weg hinaus.

Am Hoteleingang wurde ich prompt angesprochen, der Wachtmeister fragte mich: «Halt! Wo möchten Sie hin?»

Er trug einen blauen Anzug mit Hut, fast wie ein Polizist. Sein Blick wanderte immer wieder zu meinem Dekolleté, bis ich meinen Blazer schloss.

«In die Stadt», sagte ich kühl. «Madame, natürlich, Sie sind unser Gast, und wir legen höchsten Wert auf Ihre Sicherheit», kam plötzlich ein zweiter, aufgebrachter Herr aus dem Wachraum hinzu.

«Danke», entgegnete ich freundlich. «Dürften wir wissen, wer Sie begleitet? Nur aus Sicherheitsgründen.»

«Der Taxifahrer Imad, sehen Sie, da ist er ja schon.» Ich wünschte den beiden einen schönen Abend und ging selbstbewussten Schrittes zum Auto.

Wir fuhren mit dem Taxi durch die Stadt. Seine Idee war, mich zum Abendessen auszuführen und mir einheimische Spezialitäten zu zeigen, davon war ich natürlich begeistert. In den Strassen herrschte reger Verkehr, so viel, dass einige ziemlich aggressiv fuhren. Das bunte Treiben zu beobachten war spannend und abwechslungsreich zugleich. Aus den vielen Autos drang arabische Musik, und die fremden Gesichter zu mustern, war für mich äusserst unterhaltsam.

Plötzlich begannen der Fahrer und Housam hastiger und lauter miteinander zu sprechen. Ich verstand kein Wort, spürte jedoch eine gewisse Unruhe. Kurz darauf hielten wir an und stiegen aus. Auf meine Nachfrage hin erklärte er: «Der Fahrer wollte wegen des Verkehrs einen Umweg machen, das will ich aber nicht. Wir haben sowieso nur ein paar Gehminuten.»

Als wir bei einem Imbiss ankamen, merkte ich sofort, wie sich sämtliche Blicke auf mich richteten. Ich stand da, den Blazer umklammert, und wusste nicht, ob ich selbst streng zurückstarren oder mich unbeeindruckt geben sollte. Die Blicke wichen nicht von mir, im Gegenteil, sie wurden immer intensiver. Da ich nicht abschätzen konnte, was geschehen würde, wenn ich mich anders verhalten würde, blieb ich einfach regungslos.

Nachdem wir das Essen erhalten hatten, gingen wir wieder hinaus. Housam sagte zu mir: «Ich habe gesehen, dass du dich dort drinnen unwohl gefühlt hast. Deshalb habe ich unser Essen zum Mitneh men parat machen lassen. Wir gehen jetzt zu mir, ich wohne gleich um die Ecke.» Ich nickte nur und folgte ihm. Ich hatte den Verdacht, dass er diesen Verlauf geplant hatte.

Das Gebäude war veraltet, der Flur dunkel und kaum beleuchtet, die Wände wirkten seit Jahrzehnten ungestrichen. Auf mich machte das Ganze den Eindruck eines Ortes, wie man ihn aus Erzählungen über Drogenmilieus kennt. Housam öffnete die Tür zu seiner Wohnung: eine kleine Küche, nur ein Waschbecken und ein mobiler Herd; das Badezimmer war überschwemmt, die Dusche defekt, ein Rohrschaden hatte das Wasser überall verteilt. Im Schlafzimmer stand ein schlichtes, grosses Bett. Wir setzten uns auf die Couch und begannen zu essen.

Er schenkte uns Wein ein. Ich betrachtete meinen Teller: in Weinblätter gerollter Reis mit Erbsen, scharf gewürzt, dazu Kofta und Falafel. Besonders die vegetarischen Spezialitäten schmeckten mir hervorragend. Wir lachten, redeten sogar etwas italienisch, erzählten einander Geschichten, Wünsche und Träume. Es war ein schöner Abend und ich fand Housam sympathisch und witzig.

Nach einer Weile beugte er sich vor, um mich zu küssen. Ich wich leicht zurück. Er sah mich überrascht an: «Was ist?»

Ich versuchte, ihm zu erklären, dass sich das für mich nicht richtig anfühlte. Wir hätten uns auf freundschaftlicher Basis getroffen. Es tue mir leid, wenn ich ihm nicht das geben könne, was er sich erhofft habe.

Es folgte ein Moment der Stille. Dann lächelte er und sagte: «Doch, du kannst es mir geben, ich zeige dir gleich, wie.»

In diesem Augenblick durchfuhr mich Angst, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte. Er kam aufdringlich näher. Ich erstarrte, unfähig, mich zu bewegen. Er packte meinen Kopf und küsste mich. Seine Küsse waren hart, nass, seine Zunge drang in meinen Mund. Ich war wie gelähmt, spürte, wie seine zweite Hand sich meiner Brust näherte.

Da schob ich ihn energisch weg und sah ihn mit festem, aber enttäuschtem Blick an. «Lass es einfach», sagte ich bestimmt. Doch er liess nicht locker, packte mich noch heftiger und versuchte erneut, mich zu küssen. Ich stiess ihn nochmals zurück und sagte schnell, fast flehend: «Willst du deinen Job behalten?»

Er hielt inne, sah mich erschrocken an. «Hast du etwa …?» Ich nickte. «Ich bin nicht dumm. Vergiss das nicht. Nutze jetzt deine Chance und bring mich sofort zurück ins Hotel. Dann ist das Ganze nie passiert.»

Ich sammelte all meinen Mut, um meine Angst nicht zu zeigen. Hätte ich jetzt sprechen müssen, hätte meine Stimme wohl gezittert. Meine Knie drohten nachzugeben, nur durch Muskelspannung konnte ich mich aufrecht halten.

Zum Glück willigte er ein und rief ein Taxi. Wir gingen schweigend hinaus, warteten, ohne ein Wort zu sagen. Als das Taxi kam, begleitete er mich noch bis zur Wagentür, öffnete sie und blickte mir in die Augen. Er entschuldigte sich: «Ich habe deine Gutmütigkeit völlig falsch verstanden.» Ich stieg wortlos ein.

Als der Wagen losfuhr, konnte ich endlich wieder atmen. Auf der Fahrt zum Hotel dachte ich daran, was hätte geschehen können, wenn er meine Lüge bemerkt hätte. Vielleicht hätte er mich in sein Schlafzimmer gezerrt, mich bedroht, mit einer Waffe vielleicht, und mich zu Boden gedrückt. Er hätte mich ausgezogen und sich an mir vergangen.

Ich war dankbar für meinen Einfall und meinen Instinkt, sie hatten mich vor Schlimmerem bewahrt.

Silvester stand vor der Tür. Seit dem Vorfall mit Housam hatte ich ihn nicht mehr gesehen und fragte mich, wie ich zu meinem Beauty-Termin am Abend gehen sollte, dort würde ich ihn ja treffen. Es gab nur diesen einen Salon in der gesamten Hotelanlage. Mit meinen Haaren konnte ich nie wirklich etwas anfangen, darum wollte ich unbedingt eine schöne Frisur. Zum neuen Jahr wünschte ich mir ein Gefühl, hübsch und attraktiv zu sein. Da dachte ich: Na und? Ich gehe dort ganz selbstbewusst rein. Der kann mir sowieso nichts anhaben, schliesslich habe ja ich etwas in der Hand und zeige ihm, wer am längeren Hebel sitzt.

Ich lief nach dem Mittagessen zur Rezeption, um einen Sitzplatz zu buchen. Beim Reservieren meinte die Assistentin, es sei nur noch ein Tisch frei, ich hätte vorher da sein sollen. Ich war ja sowieso allein, somit passte die Situation für mich.

Mein Blick richtete sich auf die Vorbereitungen für den Silvesterabend. Wunderschön dekorierte Tische, bunt und mit Schleiern verziert. Oben an der Decke stand ein Arbeiter hoch auf einer Leiter und befestigte Ballone. Ein reichhaltiges Buffet, das zusammengestellt wurde wie eine Bildergalerie voller farbiger Eindrücke. Auf dem Podest bereitete eine Musikband die Instrumente vor, und Akrobaten sah ich auch noch beim Aufwärmen. All das wird meine Stimmung in Schwung bringen, dachte ich. Die Vorfreude stieg also.

Später dann, auf dem Weg zum Salon, war der Vorfall mit Housam jedoch noch in meinen Gedanken. Als ich den Raum betrat, begrüssten mich alle mit einem netten Lächeln, bis auf Housam. Er wirkte ziemlich unsicher, und man konnte seine Angst sehen, denn er wusste nicht, was nun geschehen würde. Gar nichts geschah. Natürlich wollte ich ihn nicht blossstellen, nur ein wenig spüren lassen, wie schwach er war. Mit grosser Freude am Ausschmücken genoss ich es regelrecht, und es machte mir Spass. Auch zu sehen, wie Housam immer ängstlicher wurde, brachte mir eine gewisse Genugtuung.

Nachdem die junge Dame meine Haare und mein Make-up fertig hatte, nahm sie den Spiegel und zeigte mir meine Frisur. Sie hatte sich sehr Mühe gegeben mit meinem Haar, wunderschön, arabischer Stil, auf einer Seite lockig nach hinten geföhnt, voluminös, dazu ein Smokey-Eyes-Effekt und tolles Make-up. Ihre Arbeit war sehr zufriedenstellend. Ich bezahlte, wünschte allen einen guten Rutsch und stolzierte aus dem Salon. Kurz danach bemerkte ich, wie mir jemand nachging. Ich drehte mich um, da stand er.

«Warte kurz!» Es war Housam. Ich hielt an. «Bitte, ich sah dich heute, wie nett und gelassen du bist. Ich habe so ein schlechtes Gewissen. Ich wollte dich wirklich nicht belästigen. Es tut mir von Herzen leid.»

Ich nahm die Entschuldigung an und sagte: «Schon gut, aber ich muss jetzt wirklich los und mich noch umziehen. Das Buffet wird gleich eröffnet.»

Er fragte mich, was ich nach dem Essen vorhabe, und schlug vor, zusammen in eine der bekannten Partylocations in der Stadt zu ge hen. Er würde mit ein paar Freunden unterwegs sein und mich gerne mitnehmen. «Ich melde mich später», sagte ich und ging weiter.

Im Zimmer angekommen, wusste ich bereits, was ich anziehen wollte: ein beiges, knielanges Kleid, dazu die passenden roten Pumps. Ich zog mich um, nahm meine Handtasche und ging zum Restaurant. Alle hatten sich für diesen Silvesterabend hübsch gemacht. So fiel ich nicht gross auf unter all den festlich gekleideten Anwesenden. Absolut passend für mich, ich wollte kein Aufsehen erregen, für mich stimmte es.

Da wandte ich mich an die Bedienung und fragte nach meiner Reservation. «Bitte folgen Sie mir.» Unterwegs im festlich geschmückten Saal kam ich an einem Tisch vorbei, an dem nur ein einziger Mann mittleren Alters sass. Ich hoffte, diesen Tisch zu bekommen, von dort aus schien der Blick auf die Show überwältigend. Wir gingen vorbei, ganz nach hinten in eine Ecke mit einem freien Tisch. Von dort aus hatte man überhaupt keine Aussicht. Was soll‘s, dachte ich, gibt Schlimmeres.

Langsam füllte sich die Halle. Von meinem Platz aus schaute ich ständig auf den vorderen, immer noch fast leeren Tisch, an dem nur dieser eine Mann sass. Nach einer Weile schien mir zudem, als hätte die Bedienung meinen abgelegenen Tisch vergessen. So holte ich mir am Buffet erstmal selbst ein erfrischendes Getränk. Danach ging ich zu dem vereinsamten Mann und sprach ihn auf Englisch an: «Are you alone?»

Er antwortete: «Ich verstehe kein Wort, Mädchen, aber wenn du Gesellschaft magst, darfst du dich gerne zu mir setzen.»

Ich freute mich. Toll, er spricht Deutsch, das wird unterhaltsam!, dachte ich.

«Mein Name ist Vladimir, und woher kommst du?» Sein russisch-deutscher Akzent machte ihn sehr sympathisch und vor allem für mich interessant. Ich mag diese speziellen Sprachnuancen aus den verschiedenen Ländern. Ich verstand mich blendend mit ihm. Seine kurzen, grauen Haare und leichte Altersfalten zeigten seine Reife. Er war ein anständiger, unterhaltsamer Mann mit viel Intelligenz. Da er wie ich allein unterwegs war, beschlossen wir, den Abend gemeinsam zu verbringen.

Er bestellte ganz typisch einen Wodka, und wir redeten und redeten. Wir verpassten so die Vorspeise und griffen danach direkt zur Hauptspeise. Es war toll, wir verstanden uns auf Anhieb. Wir lachten und hatten viel Spass. Plötzlich klingelte mein Handy.

«Oh, den hab ich ja total vergessen», sagte ich und steckte es wieder in die Tasche.

«Falls du wegen mir nicht abnehmen kannst, so will ich nicht stören.»

Ich erklärte ihm, dass dies nicht an ihm liege, sondern mich ein paar Leute aus der Umgebung in eine Partylocation eingeladen hätten. Er lächelte: «Ja, dann tob dich dort schön aus. Eine solche Gelegenheit in Ägypten hast du nicht alle Tage. An deiner Stelle würde ich das tun.»

Mein Bauchgefühl sagte mir jedoch, dass ich mich nicht trennen sollte von diesem Mann. Lieber mit ihm, anstatt mit Housam. Ich überlegte kurz und fragte ihn, ob er mich vielleicht begleiten wolle. «Was, ich? Für so etwas bin ich schon etwas zu alt», meinte er mit einem Grinsen über sein reifes Gesicht. Doch dann entschied er sich um, nachdem ich ihm das Gefühl gegeben hatte, ihn gerne dabeizuhaben.

Ich fragte Housam über Nachricht, ob es ihm recht sei, wenn noch jemand mitkäme. «Ja, wieso nicht», meinte er, und kurz darauf wurden wir abgeholt.

Housams Freunde waren ein Pärchen. Mein erster Gedanke war: Er hat sicher die Absicht, mich als seine hübsche Begleitung dabeizuhaben und es wieder irgendwie zu versuchen. Nun bist du halt das fünfte Rad am Wagen.

Zum Glück war Vladi mit dabei. Während der Fahrt unterhielten sich er und Housam ziemlich gelassen. Ich war positiv überrascht, und schnell hatte Vladi einen eigenen Eindruck von ihm. «Scheint ein netter Kerl zu sein.»

«Ja, das ist er», sagte ich, aber meine Meinung war weniger blumig. Wenn er nur wüsste, dachte ich, und schon waren meine Gedanken wieder bei dem unangenehmen Abend.

Beim Club angekommen, liess ich alle Sorgen hinter mir. «Bald beginnt das neue Jahr. Vieles werde ich anpacken und ändern», sagte ich zu Vladi.

«Was hast du denn für Pläne?», fragte er.

Bei der Warteschlange für den Eintritt erzählte ich ihm von meinen Träumen, die nicht jeder verstehen konnte. Auch dass ich mich gerade mitten in einer Weiterbildung befand, teilte ich ihm mit.

«Für deinen Beruf wünsche ich dir viel Erfolg», sagte er. «Aber das mit den Träumen musst du mir mal genauer erzählen. Aber erst, wenn wir allein sind. Jetzt sind wir sowieso gleich drin.» Er sah, wie ich zu meinem Portemonnaie griff. «Ich werde den Eintritt bezahlen, lass mal», meinte er.

Im Lokal nahmen wir uns eine VIP-Lounge, die fast nichts kostete. Dann bestellten wir eine Flasche Rum mit Cola und warteten auf den Countdown. Es war eine mittelgrosse Halle, doppelstöckig und nicht zu überfüllt. Hip-Hop & R‘n‘B lief.

«Voll meine Musik!» sagte ich zu Vladi und ging schon auf die Tanzfläche. Diese war noch vollkommen leer. Niemand traute sich zu tanzen. Alle standen vor der Theke und langweilten sich. Ich dachte: Ach was, steifer als ein Baum, und begann mitten in der Halle allein zu tanzen. Damit wollte ich weder auffallen noch Aufmerksamkeit auf mich ziehen, sondern meiner Lebensfreude freien Lauf lassen, den Moment geniessen und dabei Spass haben.

Die Stimmung begann langsam zu steigen. Ein Haufen Augen war auf mich gerichtet. Ich spürte die Sehnsucht aller, die mittanzen wollten, meine Bewegungen nachzuahmen, mit der Musik in Bewegung zu bleiben. Schon näherten sich die Ersten auf der Tanzfläche. Auch Housam und seine Freunde tanzten mit. Nur Vladi nicht.

«Ach Mädchen, ich kann nicht tanzen», sagte er. «Höchstens nach drei Flaschen Wodka der kleine Kosake wie auf einer Hochzeit.» Mit dieser herzlichen Art brachte mich Vladi immer wieder zum Lachen.

Ich setzte mich zu ihm, und wir unterhielten uns. Die laute Musik zwang uns, nahe beieinander zu sein. Manchmal spürte ich seine Hand an meiner Taille, doch sehr anständig und mit Respekt.

«Alles Gute im neuen Jahr!» Was? Ich hatte den Countdown verpasst. Nun gut, nach ein paar Gläsern zu viel konnte man es mir nicht übelnehmen, und ich gratulierte ihm fröhlich zurück. Ich hörte in dem Moment einen meiner Lieblingssongs im Hintergrund und war sofort wieder freudig auf der Tanzfläche.

Kurz darauf kam mir in den Sinn, noch den anderen aus der Gruppe zu gratulieren. «Wie unverschämt von mir!» sagte ich, und umarmte das Pärchen. Aber wo war Housam?

Ich schaute nach allen Seiten in der Hoffnung, ihn zu sehen, um mit ihm den Jahresanfang zu feiern. Doch ich fand ihn in der Menschenmenge nicht, da mittlerweile alle tanzten. Da fragte ich Vladi. «Klar, da ist er», sagte er und sah ihn durch den Eingang drängeln.

«Hey, alles Gute», meinte er mit einem fröhlichen Lächeln. «Ich musste kurz raus. Komm, lass uns tanzen!»

Er packte mich, zog mich mitten in die bereits überfüllte Tanzfläche zwischen viele Männer. Zuerst hatte ich Spass und tanzte. Kurz darauf bemerkte ich aber, dass keine einzige Frau in der Nähe war. Ich fühlte mich plötzlich komisch, also beschloss ich, schnell von der Tanzfläche zu verschwinden.

Housam begleitete mich bis zu unserer Lounge, verschwand jedoch schnell wieder. «Da bist du ja, Mädchen!» Vladi kam herangerannt mit einem besorgten Blick. «Du siehst erschöpft aus. Ich glaube, jetzt ist es Zeit zu gehen, meinst du nicht?» fragte er mich.

Müde, jedoch bestätigend, nickte ich ihm zu. «Das Verhalten deines Freundes scheint eigenartig. Was will er bloss erreichen, wenn er ständig das Lokal verlässt und wieder betritt?»

«Er ist nicht mein Freund», korrigierte ich ihn. «Für mich ist es Zeit zu gehen Vladi, meine Kräfte sind aufgebraucht.»

Wir verabschiedeten uns von dem Pärchen, das total verliebt mit Herumknutschen beschäftigt war. Da Housam aber nicht in der Nähe war, beschlossen wir, ihm einen Gruss ausrichten zu lassen.

So stiegen wir draussen in eines der vielen Taxis, die bereits bereitstanden.

«Nach Sahl Hasheesh, bitte», sagte Vladi. Dem Fahrer war die Vorfreude anzusehen, gutes Taschengeld von zwei Touristen verdienen zu können. Er nickte, startete sofort den Motor, um loszufahren, als plötzlich Housam an meine Scheibe hart klopfte und mich fast zu Tode erschreckte.

Ich liess die Scheibe etwas herunter. «Wo wollt ihr hin? Weggehen, ohne sich zu verabschieden?» Sein Gesichtsausdruck versprühte keine Freude, im Gegenteil, er wirkte wütend. Dann setzte er einen furchteinflössenden Blick auf, der mir erneut Angst einjagte. «Du dreckige Hure, willst du diesen alten Mann etwa durch mich ersetzen?» Seine Augen wurden noch röter. «Du würdest von mir alles bekommen. Ich hätte dir alle deine Löcher vollgestopft, bis du mich angebettelt hättest, aufzuhören. Und nun sehe ich dich verschwinden mit einem, der ihn nicht einmal mehr hochkriegt? Schäm dich!» Er spuckte auf den Boden.

Sofort entstand um das Auto ein verwirrendes Geschrei, ein Durcheinander aggressiver arabischer Männerstimmen. Sie schienen nicht glücklich darüber zu sein, dass er auf den Boden gespuckt hatte. Es konnte aber auch sein, dass sie ihn kannten und auf seiner Seite waren. Manche schrien den Taxifahrer an, er schrie zurück. Ich verstand kein Wort von dem, was geredet wurde.

«Vladi, was geht hier ab?», fragte ich den ruhigen und gelassenen Russen, traute mich aber nicht, den Kopf zu drehen, denn unser Taxi war von ungefähr zehn Männern umzingelt. «Ganz ruhig bleiben, kommt alles gut», sagte er mit Zuversicht. «Solange wir nicht wegfahren können, sag lieber nichts.»

Ich blieb so ruhig, wie ich konnte. Nach ein paar Minuten wurde es tatsächlich ruhiger, und Housam kam wieder ans Fenster. «Du enttäuschst mich», sagte er mit glänzenden Augen. Mir kam es in dem Moment so vor, als wäre da nicht nur Alkohol im Spiel gewesen. Anscheinend hatte er vergessen, was zwischen uns geschehen war. Ganz sicher schaute ich ihn nicht als einen Freund an. Dieses Szenario bestätigte mir einmal mehr, dass sein Verhalten mir gegenüber respekt- und anstandslos war.

Die Meute fing an, sich zu beruhigen, endlich konnten wir in aller Ruhe losfahren. Vladi meinte darauf, etwas verschwitzt: «Ganz ehrlich, für sowas bin ich schon etwas zu alt.»

Da musste ich laut loslachen. Meine Angst war wie fortgespült, doch nun fingen meine Hormone an, verrückt zu spielen. Ich sagte zu Vladi: «Soeben dachte ich, wir würden in die Luft gejagt, das war abgefahren.» Er lachte ebenfalls und meinte humorvoll: «Es fühlte sich auf jeden Fall so an.»

Wir sahen uns mit grosser Erleichterung an.

Am nächsten Morgen musste ich bereits packen, denn meine Rückreise stand an. Nach dem Frühstück schaute ich mich nach Vladi um. Ich erfuhr jedoch, dass er seinen Kater noch ausschlafen würde. Dass ich bereits abreiste, wusste er nicht. Mit guten Gedanken checkte ich aus.

«Wie fanden Sie die Unterkunft, Madame?», wurde ich freundlich gefragt. «Alles bestens», antwortete ich dankend. So machte ich mich mit vielen Erinnerungen auf den Weg zum Flughafen-Shuttle, der bereits vor dem Hotel auf mich wartete.

«Halt, wo willst du hin?!» Etwas verschlafen, noch wackelig auf den Beinen und im Morgenmantel stand Vladi plötzlich vor mir.

«Vladi, es tut mir leid», sagte ich. «Ich habe gestern völlig vergessen, dir von meiner Abreise zu erzählen.»

Während mein Gepäck vom Fahrer in den Kofferraum verstaut wurde, redeten wir noch kurz zusammen.

«Ich habe mich sehr gefreut über den unterhaltsamen Silvesterabend sowie den Beginn des neuen Jahres mit dir. Danke für die Zeit.» Vladi blickte etwas traurig. Er kam näher und umarmte mich. «Sehr schade, dass du schon gehen musst. Ich habe mich bereits an dich gewöhnt, aber was sein muss, muss sein. Gute Reise, Mädchen.»

Er legte noch ein Papierstück in meine Tasche, und so trennten sich unsere Wege.

2020

Wie jede Reise ein Ende findet, war auch ich wieder zurück. Wie gerne wäre ich noch etwas länger bei meinem neuen Freund geblieben. Immerhin bleiben all die Erinnerungen, in denen er mich stets zum Lächeln brachte. Es war eine lange Rückreise, wegen eines Zwischenstopps, den ich noch kurz in Istanbul verbrachte. Gedanklich war ich zwar noch in Ägypten, und doch sah ich im Flugzeug durchs Fenster, wie riesig diese Stadt auch von oben aussah. Es wirkte, als würde sie kein Ende haben. Ein trüber, kalter Januartag begrüsste mich hier, wettertechnisch das pure Gegenteil von dem Ort, aus dem ich gerade kam.

Zuhause angekommen, während ich meinen Koffer auspackte, klingelte es an meiner Tür.

«Willkommen zurück. Wow, bist du braun geworden.» Meine liebe Nachbarin Elsa. In der Hand hielt sie ihren bekannten, sehr leckeren selbstgemachten Zopf. So neugierig wie sie war, wollte sie gleich alles über meine Reise wissen.

«Sicher hast du dort einen Mann kennengelernt, hoffentlich nicht wieder einen, der dir nur Kosten verursacht.» Ich erzählte ihr von all den schönen Dingen, die ich erleben durfte: das schöne Land, das leckere Essen, meine Einkäufe und die Schönheitsbehandlungen.

«Ich sage dir: Such dir endlich einen Mann mit Vernunft und gutem Job, sonst bleibst du ewig in Schulden, junge Dame!»

Wie recht sie hatte. Mein Herz war jedoch anderer Meinung. Ich half, wo man mich brauchte. Leider wurde ich auf diesem Weg oft enttäuscht, weil meistens nichts zurückkam. Hauptsächlich betraf das meine Beziehungen, in die ich viel gab, die aber ausgenutzt wurden. Wenn ich verliebt war, fiel ich hinein in Besorgnis und vergass mich selbst dabei. Doch ich lernte, damit zu leben, auch mit wenig Geld. Für Luxusartikel oder einen Aufenthalt in einem Fünf-Sterne-Hotel wollte ich niemanden ausnutzen. Das war nicht ich. Nach meiner ge scheiterten Ehe und noch der Versuch mit Brabant war ich nicht bereit für etwas Neues. Ich liess die Frau weiterreden, ohne zu argumentieren. Elsa war lange erfüllt von Wut und Enttäuschung. Ihr damaliger Ehemann hatte Spuren hinterlassen. Einige prägende Schicksale lagen hinter ihr. Dennoch hatte sie ihren treuen Hund Speedy, er nahm ihr das Gefühl der Einsamkeit. Und Kreativität war ihr idealer Ausgleich.

«Komm, ich muss dir meine neuen Schneemänner zeigen.» Ich ging also mit ihr nach unten.

Sie zeigte mir ihre selbstgemachten Schneemänner, die sie aus Altpapier und Karton gebastelt hatte. Sie schnitt eine Vorlage aus Karton, die sie mit gerollten Zeitungen beklebte. Es sah aus wie Strohhalme, die sie weiss bemalte. Befestigt wurden sie auf die Fensterläden, wodurch der Aussenbereich winterlich wirkte.

«Ich sag dir, das war eine Riesenarbeit.» Ich lachte. Mir gefiel ihre Art, mit voller Überzeugung und Freude von dem zu erzählen, was sie tat. So konnte ich auch viel über günstige, selbstgemachte Dekoration von ihr lernen. Ihre Erzählungen waren spannend. Sie berichtete letztens von ihrer Krankheit, durch die sie allein gehen musste, obwohl sie verheiratet war. Auch viele andere Geschichten erzählte sie, über ihre Arbeit in der Disposition, über ihre geringe Rente trotz lebenslanger Arbeit, über ihre vielen Hunde und wie sie sie erzogen hatte. Ich mochte und respektierte sie, auch wenn wir in gewissen Dingen nicht immer einer Meinung waren. Vor allem beim Thema Männer hatte sie eine sehr konservative Sichtweise. Ich erzählte ihr dennoch von meinem neu gewonnenen Freund Vladi. Natürlich schaute sie mich dabei sehr skeptisch an, gab aber keinen Kommentar. Nachdem wir uns kurz über den Alltag ausgetauscht hatten, ging ich wieder hoch in meine Wohnung.

Als ich vor Gier direkt den Zopf probieren musste, klingelte mein Handy bereits.

«Hey, wieder zu Hause?» wurde ich von Aleks gefragt. Vor meinem Trip nach Ägypten hatte ich mit ihm ein gewisses sexuelles Abenteuer begonnen. Wir lernten uns durch meine Mutter kennen. Damals war sie eng mit seiner Schwester befreundet. Irgendwann tauchte mein Foto in den sozialen Medien auf, und er sprach meine Mutter darauf an. So begann unser Kennenlernen. Dann trafen wir uns, und schon begann unsere kleine gemeinsame Reise. Der Mann war unglaublich leidenschaftlich und entspannte mich mit seiner Art völlig. Durch seine humorvolle und entspannte Art hatte ich auch gute Gespräche mit ihm. Er war ein toller Kerl, doch ich fühlte keine Liebe für ihn. Das wollte ich ja auch nicht, mich verlieben.

In seinen jüngeren Jahren konsumierte er übermässig Drogen, was ihn heute verändert hatte. Er hatte einige Schwierigkeiten, unter anderem Sprachprobleme. Manchmal, wenn er redete, wanderten seine Augen nach oben. Trotz allem akzeptierte ich ihn, wie er war. Er hatte eine interessante und harte Kur hinter sich. Anstelle einer Entzugsklinik setzte er auf eine angepasste Ernährung. Zwei volle Jahre zog er dieses Programm durch, mit vielen Vitaminen, Ballaststoffen, komplett vegan. Diese eiserne Disziplin hatte ihn gerettet. Für diesen Durchhaltewillen bewunderte ich ihn.

Mittlerweile fing er zwar wieder mit dem Rauchen und Trinken an. Da wir aber keine Beziehung hatten, störte mich das nicht, es war sein Leben und seine Entscheidung.

«Was machst du heute noch?», fuhr er fort. «Hm, lass mich mal überlegen. Da ich seit über einer Woche keinen Sex mehr hatte, werde ich mir wohl ein Spielzeug aussuchen müssen. Ach warte, muss es zuerst laden. So ein Mist!»

Im Hörer hörte ich ein Lachen. «Kommst du mich in einer Stunde am Bahnhof abholen? Schneller schaffe ich es gerade nicht zu dir», hatte er gesagt. Ich war unter die Dusche gesprungen, hatte mich frisch gemacht und holte ihn wie vereinbart ab. Doch die Freude, ihn wiederzusehen, wich schlagartig, als er die Autotür öffnete, der Alkoholgeruch schlug mir sofort entgegen. Auch sein Verhalten bestätigte, dass er nicht nur ein Glas getrunken hatte.

Trotzdem fuhr ich mit ihm nach Hause. Aber innerlich hatte sich bereits etwas verändert. Solche Überraschungen mochte ich nicht. Unterwegs spürte ich, wie mein Inneres zu brodeln begann. Meine Ohren wurden heiss. Ein ungutes Gefühl stieg auf. Der starke Alkoholgeruch, seine lallende Stimme, alles erinnerte mich an meine Kindheit, an meine Mutter, die sich Tag für Tag betrank und dabei manchmal mit dem Leben spielte.

Er begann über ein altes Thema zu reden, über unsere Gefühle, über das, was uns angeblich fehlte. Ich sagte ruhig: «Lass uns erst zu Hause ankommen. Dann reden wir in Ruhe.»

«Was für Ruhe? Ich bin nicht ruhig!», lallte er und alberte herum. Ich hörte nicht mehr hin. Ich konzentrierte mich aufs Fahren. Er redete weiter, unkontrolliert, laut. Als wir ankamen, stieg er hastig aus und schlug die Tür zu. Ohne auf mich zu warten, lief er hoch zur Wohnungstür. Ich liess mir Zeit und parkte in aller Ruhe.

Warte nur, dachte ich wütend. Dieses Verhalten sollte ihm zeigen, dass ich nicht mitspielte.

Als ich ankam, sass er auf der Treppe, den Kopf gesenkt, schwer atmend. Ich sagte nichts, schloss die Tür auf, ging hinein. Er folgte mir.

«Hast du was zu trinken?» fragte er, mit leerem Blick. «Ich hätte Wasser oder Tee. Oder Kaffee?» Er lachte laut auf. «Du weisst doch, wonach mir ist.» Ich erklärte ruhig, dass er genug gehabt habe. Doch plötzlich kippte die Stimmung. Er schrie, wurde laut, warf einen Stuhl um, stürmte durch die Wohnung. Im Schlafzimmer durchsuchte er meine Sachen. Ich erkannte den Typen nicht wieder.

«So verhält man sich nicht bei mir zu Hause!» rief ich. «Und du sagst mir nicht, was ich trinken darf!» Er trat mir bedrohlich nahe. Die Augen voller Wut.

Ich spürte, wie mir das Herz raste. «Hast du nach all dem wirklich nichts dazugelernt?» fragte ich. Doch ich konnte den Satz nicht beenden.

Was dann geschah, war wie ein Film, aus dem ich innerlich auszusteigen versuchte.

Etwas Dunkles übernahm die Kontrolle. Er kam auf mich zu, packte und drückte meinen Hals zu. Ich versuchte, mich zu wehren, aber meine Kräfte reichten nicht. Ich fühlte mich wie betäubt. Mein Körper war da, meine Seele nicht.

Erst als er schliesslich losliess, konnte ich wieder atmen. Ich lag da, ausgeliefert, erschöpft und sprachlos.

In seinen Augen keine Reue. Nur Groll, die sich auf mich richteten. «Hm, irgendetwas fehlt noch.», murmelte er und schaute sich im Raum um. «Jetzt weiss ich’s.» Er griff in eine Schublade und zog ein schwarzes Band hervor. Mit einem kalten Lächeln band er mir damit den Mund zu. Dabei sprach er mit ruhiger Stimme: «So, jetzt hole ich mir etwas zu trinken. Du wirst schön brav zusehen.»

Er stand auf und liess mich für einen Moment allein. Ich versuchte mich zu befreien, doch es gelang mir nicht, so sehr ich mich auch anstrengte. Kurz darauf kam er mit einem Glas Rum zurück. Er trank vergnügt vor meinen Augen, stellte das Glas beiseite und klatschte in die Hände. «Nun, bist du bereit?» Ich schüttelte hastig den Kopf.

«Ab jetzt wirst du gehorsam sein», sagte er, während er sich auszog und sich auf mich setzte. Er wirkte wie in Gedanken versunken, als wüsste er selbst nicht genau, was er tun wollte. Immer wieder wanderte sein Blick zu seinem Intimbereich, offenbar war er frustriert. Plötzlich packte er meine Brüste, drückte sie fest, rieb daran, und ich versuchte, vor Schmerz aufzuschreien, was durch das Band kaum möglich war. Tränen schossen mir in die Augen.

Dann nahm er sein Geschlecht in die Hand und starrte es verbittert an. «Ich stecke ihn dir jetzt in den Mund, und du wirst dafür sorgen, dass er funktioniert. Hast du verstanden?»

Als er einen spitzen Gegenstand nahm und ihn an meinen Hals hielt, geriet ich in Panik. Er näherte sich meinem Kopf, entfernte das Band von meinem Mund und drängte mir seinen schlaffen Penis hinein. Ich versuchte, mich in Gedanken zu schützen, stellte mir vor, es wäre der meines Partners. Nur so konnte ich die Übelkeit unterdrücken.

«Oh ja …», stöhnte er. Sein Becken bewegte sich näher an meinen Hals, er versuchte tiefer einzudringen. Allmählich bekam er eine Erektion. Er packte meinen Kopf, hielt ihn fest, um weiterzumachen. Ich schloss innerlich ab, funktionierte einfach nur noch. Als er schliesslich befriedigt war, zog er sich zurück und band mir den Mund wieder zu. Dann löste er meine Fesseln an den Beinen. «Denk daran ….» Ich blieb regungslos, zu verängstigt, um mich zu rühren.

Er packte mich, drehte mich auf den Bauch und hob mein Becken an. Mit der einen Hand knetete er meine Pobacken, mit der anderen berührte er mich. Ich spürte seine Finger, wie er versuchte, sich Zugang zu verschaffen. Wieder und wieder feuchtete er sie an und schob sie hinein. Er schien sich darauf vorzubereiten, weiterzugehen.

Wieder zogen sich seine Hände zu meinen Brüsten, wobei er parallel sein Glied zwischen meinen Beinen gerieben hat. Doch plötzlich hörte er auf.

Ich war wie betäubt. Gerade noch hatte ich mich in einem Zustand völligen Ausgeliefertseins befunden, in dem Versuch, das Unfassbare zu ertragen. In Gedanken stellte ich mir vor, es sei ein Rollenspiel mit meinem Partner: Er, der dominante Part, ich die Unterworfene. Doch nichts daran fühlte sich richtig an. Es war erniedrigend, schmerzhaft, ekelhaft. Ich fühlte mich leer und missbraucht.

Aleks war in diesem Moment nicht mehr der, den ich zu kennen glaubte. Nicht der leidenschaftliche, lustige Mann. Ich fragte mich, warum er plötzlich so anders geworden war. Als ich langsam in die Realität zurückkehrte, fiel mir der üble Geschmack in meinem Mund auf. Mir wurde bewusst, dass ich gezwungen worden war, etwas so Intimes zu tun, ohne jede Würde. Die Übelkeit überkam mich.

Plötzlich spürte ich seine zitternden Hände an meinem Kopf. Er löste das Band, dann die Fesseln an meinen Handgelenken. Ich setzte mich auf und blickte ihm direkt in die Augen. Vor mir stand ein verängstigter, gebrochener Mann. Ich rieb meine schmerzenden Handgelenke, an denen sich dunkle Druckstellen abzeichneten.

Er begann zu sprechen: «Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Es ist unverzeihlich, was ich getan habe. Dieser verfluchte Alkohol!» Er schrie sich selbst an. «Du verdammter Idiot! Wie konntest du nur!»

Mir wurde noch übler. Mein Mund roch noch immer nach ihm. Ich flüsterte: «Verschwinde.»

Meine Stimme war kaum hörbar, meine Atmung schwer. «Bitte, ich wollte das nicht … lass mich dir nur noch etwas sagen.» «VERSCHWINDE!» Dieses Mal schrie ich so laut, dass ich mich selbst erschrak.

Er zog sich an und ging zur Tür. Ich folgte ihm, um sofort abzuschliessen. Er hielt inne, drehte sich um. «Ich will dir noch etwas sagen.»

«Ja, ich auch: Ich will dich nie wiedersehen!» Ich knallte die Tür zu. Unter der Dusche kamen die Erinnerungen hoch. Was war da eben geschehen? Wie konnte es so weit kommen? Ich dachte daran, wie ich mich besser hätte schützen können, ein Verteidigungswerkzeug im Schlafzimmer etwa. Doch ich hatte nie damit gerechnet, dass mir ein Bekannter so etwas antun würde.

Ich schrubbte mich, als hätte ich etwas Abscheuliches auf der Haut. Danach trocknete ich mich ab und fühlte mich ein wenig besser. Doch beim Anziehen spürte ich, wie Flüssigkeit an meinen Oberschenkeln hinunterlief. Ich dachte: Oje, nicht noch ein Problem.

Ein Teil von mir fragte sich erschrocken, ob mir das irgendwie gefallen haben könnte, dieses Erzwingen, diese Gewalt. Aber das konnte nicht sein. Ich spürte Angst, Ekel, Schmerz. Ich legte mich hin und versuchte zu schlafen.

Hulka

Am nächsten Morgen, als ich aufwachte, schien es zunächst ein ganz normaler Tag zu sein. Bis auf ein paar Schürfwunden am Körper hatte ich zum Glück keine weiteren Verletzungen davongetragen. Wie üblich machte ich mir einen Kaffee und setzte mich mit einer Wolldecke auf den Balkon, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Der Geschmack des ersten Kaffees am Morgen war für mich der beste des Tages, und ich genoss ihn in vollen Zügen.

Natürlich konnte ich den gestrigen Abend nicht einfach vergessen, aber ich liess mich davon nicht unterkriegen. Klar war ich neugierig, was Aleks mir noch hatte sagen wollen. Wahrscheinlich hätte er wieder betrunken über seine Gefühle geschwafelt, der Idiot. Ich hatte keine Lust, auch nur eine Minute an so einen wertlosen Menschen zu verschwenden.

Während ich meinen Kaffee trank und die schöne Aussicht genoss, notierte ich mir, was ich fürs Kochen brauchte. Kurz darauf machte ich mich bereit, um einkaufen zu gehen. Als ich zur Haustür kam, sah ich auf dem Boden einen Brief liegen. Ich hob ihn auf, er war von Aleks.

«Ich bin dir diese eine Nachricht noch schuldig, nach der wohl dümmsten Tat meines Lebens. Ich werde dich bei allem unterstützen, wo auch immer du Hilfe brauchst. Verzeihen kann man so etwas nicht, aber bitte tu mir einen Gefallen: Lass deine Brüste beim Gynäkologen kontrollieren.»

Mir fiel der Brief aus der Hand, und ich stellte sofort die Tasche ab, zog mir hastig die Jacke aus und tastete meine Brust ab. War er einfach nur betrunken und fantasierte, oder hatte er wirklich etwas bemerkt? Und tatsächlich: Ein harter Knoten in meiner linken Brust. Ich erschrak, zog mich wieder an und machte mich auf den Weg. So ein Arsch, dachte ich wütend und griff nach dem Telefon, um meinen Gynäkologen anzurufen. Dann fiel mir ein, dass ich ohnehin in einer Woche einen Termin hatte. Also liess ich es dabei und ging erst mal einkaufen.

In den Tagen bis zum Termin machte ich mir nicht allzu grosse Sorgen. Man liest ja viel, vielleicht war es nur eine Zyste, nichts Bösartiges. Also ging ich mit einem ruhigen Gefühl zu meinem Frauenarzt, der eigentlich längst hätte pensioniert sein sollen, aber seinen Beruf wohl zu sehr liebte.

Als er meine Brüste untersuchte, fand er zuerst nichts Auffälliges. Erst als ich ihn direkt darauf hinwies, tastete er gezielter.

«Wir machen eine Ultraschalluntersuchung, sicher ist sicher.» Mit Gel beschmiert fuhr er mit dem Gerät über die Stelle und sagte: «Da ist tatsächlich etwas. Aber machen Sie sich keine Sorgen, es sieht gutartig aus. Ich überweise Sie zur Mammographie, um sicherzugehen.»

Weniger als eine Woche später hatte ich den nächsten Termin. Im Spital angekommen, wurde ich vorbereitet, und die Untersuchung wurde durchgeführt. Nachdem die Aufnahmen gemacht worden waren, kam der Chefarzt hinzu und empfahl zusätzlich eine Biopsie. «Wir entnehmen kleine Gewebeproben, die im Labor genauer analysiert werden.»

Ein wenig Angst überkam mich, als ich die Nadel sah, wie eine kleine Pistole. Doch ich beruhigte mich rasch, weil die Assistentin mit mir über ihren Urlaub plauderte. Ich erzählte ihr von meinem Trip nach Hurghada, von der Buggyfahrt durch die Wüste, und wie ich mich geweigert hatte, auf ein Kamel zu steigen, aus Rücksicht auf die Tiere.

Während ich sprach, hörte ich plötzlich einen Knall. «Kein Grund zur Sorge», sagte der Arzt. «Ich habe gerade ein Gewebestück entnommen. Zwei brauchen wir noch.»

Ich sah auf dem Bildschirm, wie tief die Nadel in meine Brust eindrang. Es wurde nun geradezu faszinierend. Ich wollte etwas fragen, aber der Arzt wehrte ab: «Ich muss mich konzentrieren. Danach können Sie mich gern alles fragen.»

Nach den drei Entnahmen zeigte er mir die hellen Gewebestückchen. Ich hatte immer gedacht, Tumore seien dunkel, aber damit hatte ich mich offenbar nie richtig beschäftigt. Die Spannung blieb.

«So, wir wären fertig. Haben Sie noch Fragen?»

«Herr Doktor, können Sie mir bitte direkt und ehrlich sagen, was Sie vermuten?»

Sein Blick senkte sich. «Wenn es nichts Ernstes wäre, hätte die Mammographie ausgereicht. Sie erhalten in zwei bis drei Tagen von Ihrem Gynäkologen das Ergebnis. Es tut mir leid, dass ich Ihnen jetzt nicht mehr sagen kann.»

Langsam wurde mir klar, dass es wohl nichts Harmloses war. Trotzdem versuchte ich, mir die nächsten Tage keine Gedanken zu machen. Solange ich nichts wusste, hatte ich keinen Grund, mich verrückt zu machen. Also arbeitete ich wie gewohnt weiter, ohne dass jemand etwas merkte.

Ein paar Tage später griff ich zum Hörer und rief in der Praxis an, sie hatte sich bis dahin nicht gemeldet. Immer noch ging ich davon aus, dass es harmlos war. Wenn es ernst wäre, hätten sie sich bestimmt gemeldet, dachte ich. Die Empfangsdame sagte: «Ja, die Unterlagen sind eingetroffen. Sobald der Arzt frei ist, wird er Sie zurückrufen.» Also wartete ich bis zum Feierabend.

Später am Nachmittag bei der Arbeit, kurz bevor ich nach Hause gehen wollte, fragte mich die junge Lehrtochter Missy, ob sie mit mir bis zum Bahnhof fahren könne. Ich verstand mich gut mit ihr. Auch sie hatte keine einfache Kindheit. Eine Zeit lang war sie von ihrer Mutter getrennt worden und lebte im Heim. Ich wusste selbst, wie tief solche Brüche wirken können. Nur wenigen Menschen gestattete sie Zugang zu ihrem Herzen.

In der Firma, in der wir arbeiteten, hatte Missy keine Freunde. Sie wirkte auf viele wie eine arrogante Jugendliche, immer in dunkler, weiter Kleidung, mit einem Blick wie eine Medusa, der einen zu versteinern schien. Doch unter dieser Fassade verbarg sich eine bildhübsche, junge Frau, gefangen in Wut und Misstrauen. Sie hielt die Welt auf Abstand, vertraute nur sehr wenigen. Umso mehr bedeutete es mir, dass ich zu diesen wenigen gehörte.

Solche Menschen sprechen aus der Seele heraus, und ihnen kann man blind vertrauen. Ich verspürte eine Art Verantwortung, ihr das Beste zu geben, ihr eine Richtung zu zeigen. Doch sie war tief in ihrer eigenen Dunkelheit gefangen. Ihre Arme und Beine waren übersät mit alten Schneidwunden. Es war nicht leicht mit ihr, aber wir mochten uns. Unsere Gespräche waren ehrlich, manchmal tiefgründig. Und oft war sie erstaunlich reif für ihr Alter.

Als wir beim Bahnhof ankamen, klingelte plötzlich mein Handy. «Guten Tag, hier spricht Dr. Panelo, Ihr Gynäkologe. Wir haben die Laborresultate erhalten. Frau Ilic, es ist tatsächlich so, dass …»

Er redete von irgendwelchen medizinischen Begriffen, die ich kaum verstand. Seine Stimme klang nicht besorgt, was mich erst einmal beruhigte.

«Also, Herr Doktor, wenn ich Sie richtig verstehe, handelt es sich nicht um Brustkrebs?»

«Doch!» rief er plötzlich laut. Mir stockte der Atem. «Es ist ein bösartiger Tumor. Sie müssen ihn entfernen lassen.»

Ich wollte sofort einen Termin vereinbaren, am liebsten gleich am nächsten Tag. Doch seine Antwort war fassungslos machend:

«Ich kann diese Woche keine Patientinnen mehr empfangen. Ich habe eine Grippe und brauche etwas Ruhe.»

Wie bitte? Er braucht Ruhe? Und ich, mit dieser Diagnose? Ich atmete tief durch und sagte mit wütender Stimme, dass ich jetzt persönlich vorbeikomme, die Unterlagen abhole und ihn dann für immer in Ruhe lasse. Ich legte auf.

Erst danach fiel mir auf, dass Missy neben mir sass, sie hatte das ganze Gespräch mitgehört.

«Was ist das für ein Befund?» «Ich weiss es nicht genau», antwortete ich. «Er hat mir nichts erklärt, sondern nur gesagt, er sei krank. Ich fahre jetzt direkt hin und hole die Unterlagen selbst ab.»

Ich verabschiedete mich von Missy, die mich mit einer festen Umarmung tröstete, und fuhr los. Auf dem Weg rief ich meinen Hausarzt an und schilderte ihm die Situation. Er gab mir spontan für den nächsten Tag einen Termin.

In der Praxis angekommen, lag ein Umschlag an der Theke. «Ist der für mich?» fragte ich die Sprechstundenhilfe aufgeregt. «Ja, der Doktor hat ihn für Sie hinterlegt, bevor er gegangen ist.» Ich bedankte mich und fuhr nach Hause. Dort öffnete ich sofort den Umschlag und begann zu lesen: Befund:

Regelrechte Darstellung von Cutis und Subcutis. Geringgradige Fettgewebsinvolution. Auf der linken Seite zeigt sich oben bei ca. 12 Uhr eine Weichteilgewebsvermehrung (max. 1,7 cm) mit multiplen polymorphen Mikrokalzifikationen (max. Ausdehnung 3,5 cm).

Beurteilung:

Histologisch gesichertes invasiv-duktales Mammakarzinom links, oberer innerer Quadrant. Verdacht auf ipsilaterale lymphogene Metastase.

Diagnose:

B-Klassifikation: B5b (maligne) HER2 positiv, ER 99 %, PR 10 %

Je mehr ich las, desto unsicherer wurde ich. Die medizinischen Begriffe waren mir fremd, aber maligne, das wusste ich, bedeutete nichts Gutes.

Ich suchte online nach Erklärungen. Doch je mehr ich herausfand, desto trauriger wurde ich. Irgendwann legte ich das Handy weg und ging ins Bett. Diese Nacht wurde eine der schlimmsten meines Lebens.

Ich weinte. Die ganze Nacht. Ich hatte so viele Fragen. Und keine Antwort.

Meine üblichen Strategien, die sonst halfen, am nächsten Tag alles wieder in Ordnung zu bringen, funktionierten diesmal nicht. Normalerweise beginnt ein neuer Tag, bringt neue Herausforderungen, und was gestern war, bleibt in der Vergangenheit. Aber dieses Mal war es anders. Die Last des Vorabends war geblieben, und ich wusste nicht, was auf mich zukam. Ich versuchte, wie immer, meine Morgenroutine durchzuziehen: Kaffee kochen, mich anziehen, die Gedanken beiseiteschieben. Doch es funktionierte nicht. Ich konnte die Wahrheit nicht verdrängen, auch wenn ich es noch so sehr versuchte. Nach einem halben Becher Kaffee machte ich mich auf den Weg zum Hausarzt. Ich hatte grosses Vertrauen zu ihm und die Hoffnung, dass er mir alles besser erklären konnte.

Und tatsächlich: «Ja», sagte er, während er den Bericht durchging, «das sieht nicht besonders gut aus. Hier steht: maligner Tumor. Das bedeutet bösartig. Und so etwas muss raus, der gehört da nicht hin.»

Ich fragte ihn, was nun auf mich zukommen würde, obwohl ich am Vorabend schon einiges gelesen hatte und es mir denken konnte.

«Ich bin kein Onkologe», meinte er, «aber ich gehe davon aus, dass Sie eine Chemotherapie machen müssen. Dann eine Operation. Und wahrscheinlich auch Bestrahlung.»

Ich nickte nur. Keine Worte. «Sie sollten sich an eine Fachärztin oder einen Facharzt wenden. Möchten Sie, dass ich jemanden für Sie suche?»

«Oh ja, bitte, Herr Doktor.» Er schaute auf seinem Computer nach und meinte, er werde mir Bescheid geben, sobald er einen passenden Kontakt gefunden habe. Ich bedankte mich, verabschiedete mich und fuhr los, zurück zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin konnte ich kaum noch klar sehen. Ich wusste nicht, ob die Scheibenwischer zu langsam liefen oder ob es meine Tränen waren, die die Sicht verschwimmen liessen. Ich war verzweifelt. Warum? Warum das alles? Was hatte ich falsch gemacht? Lag es an der Trennung von meinem Mann? An all dem Stress, der mein Immunsystem schwächte und meinen Hormonhaushalt durcheinanderbrachte? Oder war es einfach nur Pech? Vielleicht war es die Zeit, aus dieser Welt zu gehen. Oder wieder einmal so ein Schlag ins Gesicht, um mich noch härter zu machen? Hatte ich denn nicht schon genug einstecken müssen in meinem Leben? In diesem Moment fühlte ich mich alles andere als stark. Ich hatte einfach nur Angst.

Doch ich ging zur Arbeit, und die Ablenkung half mir für ein paar Stunden, das Erlebte zu vergessen.

Am Abend nahm ich wieder Missy mit. Sie hatte sich Mühe gegeben und ein paar medizinische Artikel ausgedruckt.

«Schau mal», sagte sie, «die Sterblichkeitsrate bei Brustkrebs ist in den letzten Jahren um 15 Prozent gesunken, dank moderner Medizin und unzähligen Studien.»

Sie wollte mich aufmuntern, das merkte ich. Das junge Mädchen gab sich Mühe. Aber ich sah in ihren Augen, dass sie sich Sorgen machte.

«Hör auf damit», sagte ich. «Denkst du etwa, dass mich das jetzt verändert? Ich will, dass du mich weiterhin genauso siehst wie vorher, klar?»

Zuerst schaute sie mich an, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Doch dann, als ich sie anlächelte, kam auch ein zartes Schmunzeln über ihr Gesicht. Wir umarmten uns, und sie stieg aus meinem Auto. Wieder zu Hause in meiner Wohnung, klingelte mein Handy. Eine unbekannte Nummer. Es war die Praxis, die mir mein Hausarzt empfohlen hatte, und sie wollten mich bereits am nächsten Tag sehen. Ich war erleichtert, dass es so schnell voranging.

Am nächsten Morgen machte ich mich also auf den Weg dorthin. Kurz informierte ich meinen Chef, dass ich später kommen würde. Dann trat ich in die Praxis ein. Im Wartezimmer hingen verschiedene Diplome der Gynäkologin. Offenbar war sie auf Brustchirurgie spezialisiert. Ich war nicht allein im Raum. Eine Frau Mitte fünfzig sass mir gegenüber, kurze, graue Haare, etwas kräftiger, gepflegtes Make- up. Sie wirkte selbstbewusst, fast dominant. Sie sprach mich an, als sie sah, dass ich einen Flyer über Brustkrebs in der Hand hielt.

«Ich hatte das auch», sagte sie. «Vor fünf Jahren zum ersten Mal.» Diese Worte gaben mir kein gutes Gefühl. «Bei mir ist es genetisch. Ich habe mir eine Brust entfernen lassen, und es sieht ganz so aus, als müsste bald auch die zweite weg. Ich habe wieder starke Schmerzen.»

Ich konnte nicht viel dazu sagen, fragte aber vorsichtig: «Wie haben Sie sich motiviert? Wenn ich Sie so ansehe, würde ich nie denken, dass Sie krank sind.»

Sie lächelte. «Bananen!» Ich sah sie irritiert an. «Ich habe vor und nach der Behandlung Bananen gegessen. Meine Ärzte meinten, ich bekäme Verstopfung. Ach was!» Sie lachte laut.

Im Gespräch wurde mir klar, wie viel Kraft diese Frau ausstrahlte.

«Wenn dir die Wimpern ausfallen, nimm Liciniusöl. Wirkt Wunder», sagte sie noch und zwinkerte mir zu, als sie bereits aufgerufen wurde.

Kurz darauf wurde auch ich ins Behandlungszimmer gerufen. Ich setzte mich, und wenig später trat die Ärztin ein. Sie schaute mich bei der Begrüssung mit ernstem Blick an.

«Frau Ilic, ich bin Dr. Thierstein, Fachärztin für Gynäkologie mit Spezialisierung auf Brustchirurgie. Deshalb sind Sie heute hier.» Dann hielt sie kurz inne. «Sind Sie allein gekommen?»

Die Frage überraschte mich. Offenbar war das nicht üblich. Ich spürte sofort, wie sich in meinem Kopf neue Fragen formten. Hätte ich Angst haben sollen? War es schlimmer, als ich dachte?

«Ich habe Ihre Befunde hier und würde sie gern mit Ihnen durchgehen.»

Ich setzte mich aufrechter hin, gespannt darauf, endlich zu erfahren, woran ich war.

«Ich muss sagen, Frau Ilic: Laut den Laboruntersuchungen hatten Sie Glück. Haben Sie den Knoten selbst entdeckt?»

Die Frage überforderte mich. Glück? Hatte ich das richtig verstanden?

«Nun ja», fuhr sie fort, «der Tumor ist zwar bösartig, aber noch im ersten Stadium. Er ist nicht winzig, hat sich bereits in die Milchdrüsen eingelagert und wächst schnell, aber wir bekommen ihn unter Kontrolle. Ihr HER2-Status ist positiv, was bedeutet, dass wir die medikamentöse Therapie gezielt anpassen können, und der Tumor darauf meist gut anspricht.»

Ich war so dankbar, dass mein Hausarzt mich zu ihr geschickt hatte. Diese Frau, sie war meine Lebensretterin. Mit Zeichnungen erklärte sie mir die Ergebnisse der Biopsie, die Funktion der Hormone und die nächsten Schritte.

«Da die Milchdrüsen sehr dicht und komplex sind, starten wir mit einer neoadjuvanten Chemotherapie.»

Neoadjuvant, das klang für mich wie Science-Fiction. Ich dachte kurz: Werde ich bald grün leuchten? Ich verstand kaum etwas, aber sie bemerkte es.

«Zuerst versuchen wir, den Tumor mit Medikamenten zu verkleinern oder ganz verschwinden zu lassen. Danach folgt die Operation.»

Alles klar, also erst Gift, dann Schnitt. Na toll, dachte ich, liess es mir aber nicht anmerken.

«Nach der Operation», fuhr sie fort, «kommt noch eine Bestrahlung. Damit gehen wir sicher, dass keine Reste bleiben, die ich bei der OP vielleicht nicht vollständig entfernen konnte. Haben Sie bis hierhin alles verstanden?»

Ich nickte, etwas erleichtert. «Wegen Ihres sehr hohen Östrogenspiegels, wie wir hier sehen, werden Sie anschliessend eine Antihormontherapie machen müssen, für fünf Jahre.»

In dem Moment lief mir eine Kälte den Rücken hinunter. Ich spürte tief in mir: Das würde eine harte Prüfung. Und ich wusste noch nicht, ob ich diese Therapie am Ende wirklich durchziehen würde. Nach dem Gespräch klärte mich Frau Thierstein darüber auf, dass sie noch einen Ultraschall machen wolle, um die genaue Grösse des Tumors zu bestimmen. Während der Untersuchung sprach sie beruhigend mit mir.

«Sie sind noch jung, 33 Jahre. Ihre Zellen sind aktiv, nicht wie bei älteren Menschen. Sie werden das verkraften. Ihr Mann unterstützt Sie bestimmt.»

Ich erzählte ihr kurz von der Trennung. «Oh, das tut mir leid, Frau Ilic. Trotz allem muss ich Sie darauf hinweisen: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ihre Eizellen durch die Behandlung nicht mehr funktionsfähig sein werden. Deshalb empfehlen wir in solchen Fällen, sie vorher einzufrieren.»

Sie wollte mir gerade erklären, wie das ablaufen würde, doch ich schüttelte den Kopf.

«Sind Sie sicher?» fragte sie nach, als sie merkte, dass ich gar keinen Kinderwunsch hatte.

«Nun gut. Überlegen Sie es sich in Ruhe, danach gibt es kein Zurück.»

Für mich war die Entscheidung klar. Ich hatte nie Kinder gewollt und sah keinen Grund, es mir jetzt anders zu überlegen. Nach dem Ultraschall setzten wir uns wieder an den Tisch.

«Der Tumor misst 13 Millimeter. Wir sollten keine Zeit verlieren.» Sie drückte mir drei Termine in die Hand. «Übermorgen haben Sie einen Termin für eine PET-CT-Untersuchung hier im Spital in Bern. Danach kommen Sie wieder zu mir zur Besprechung. Bitte erscheinen Sie nüchtern, das ist wichtig. Ich habe schon andere Fälle erlebt. Da kenne ich kein Pardon. Es geht um Ihre Gesundheit, Frau Ilic.»

Ich nickte, für mich war das selbstverständlich. Sie schien zu spüren, dass ich es ernst nahm.

«Und der dritte Termin: Nächste Woche. Ich habe einen Kollegen, der neu in einem Onkologiezentrum bei Ihnen in der Nähe arbeitet. Ich empfehle ihn sehr. Ein guter Mann, ich arbeite gern mit ihm zusammen. Was meinen Sie?»

Ich war sofort einverstanden. Diese Ärztin gab mir von Anfang an ein gutes Gefühl.

«Herr Siragusa wird Sie beraten, welche Medikamente in welchem Rhythmus verabreicht werden. Die Kommunikation zwischen uns funktioniert bestens. Wir schaffen das, Frau Ilic.»

Obwohl mich ihre Energie und Fürsorge berührten, zeigte ich keine Träne. Ich wollte ihr beweisen, dass mein Optimismus nicht zu erschüttern war. Ich bedankte mich herzlich für ihre Offenheit und ging.

Am Tag der PET-CT-Untersuchung war ich nüchtern, wie vereinbart. Die sogenannte Positronen-Emissions-Tomographie ist ein bildgebendes Verfahren der Nuklearmedizin. Dabei wird eine schwach radioaktive Substanz verwendet, um lebende Vorgänge im Körper sichtbar zu machen.

Diese Untersuchung empfand ich am angenehmsten. Ich musste nichts tun, nur liegen. Man spritzte mir das Mittel, dann sollte ich eine Stunde ruhen. Danach wurde ich zur CT gebracht, ein riesiges Gerät, das meinen ganzen Körper erfasste. Ich lag ruhig da, das Gerät arbeitete so leise, dass ich einschlief.

Als das Licht wieder anging, war die Untersuchung vorbei. «Frau Ilic, wir sind fertig. Unsere Spezialisten schauen sich die Aufnahmen gleich an, dann dürfen Sie gehen.»

Ich sagte ihr, wie angenehm ich die Untersuchung empfunden hatte. «Das freut uns zu hören. Vermeiden Sie heute bitte den Kontakt mit Kleinkindern und schwangeren Frauen.»

Ich zog mich an und setzte mich ins Wartezimmer. Kurz darauf kam ein junger Mitarbeiter zu mir.

«Frau Ilic, alles abgeschlossen. Sie dürfen gehen.» Die Antwort war mir zu kurz. Ich wollte mehr wissen. «Natürlich dürfen Sie Ihre Bilder sehen. Kommen Sie mit.» Er führte mich in einen dunklen Raum, in dem mehrere Mitarbeitende vor Bildschirmen sassen. Auf den Monitoren leuchteten Körperbilder.

«Wie Sie sehen, haben wir Ihren gesamten Körper untersucht.» Ich erkannte meinen Körper, dunkel und schemenhaft, nur ein heller Punkt an der linken Brust.

«Es sieht nahezu perfekt aus», sagte er. Ich verstand nichts mehr, wollte aber nicht weiter nachfragen. Ich verabschiedete mich freundlich, doch auf dem Weg zum Auto hallten seine Worte nach: nahezu perfekt.

Was heisst das? Ich habe Krebs, wie kann man das als «perfekt» bezeichnen? Wollen die mich verarschen? Krebs ist doch eine schlimme Krankheit, Menschen sterben daran, sie leiden entsetzlich, haben Angst. Und ich? Ich war völlig verwirrt. Mit so einer Aussage hatte ich nicht gerechnet.

Bei der Gynäkologin angekommen, wurde ich aufgeklärt. «Tolles Ergebnis, das habe ich mir schon gedacht», sagte Frau Thierstein.

Ich lachte, und sie lächelte zurück. «Ja, ich meine es ernst. Der Tumor ist lokal begrenzt, hat nicht gestreut, keine Metastasen. Das ist ein gutes Zeichen.»

Endlich verstand ich, wozu diese Untersuchung gut war. «Wir sehen uns in drei Wochen wieder. Dann prüfen wir, ob sich der Tumor bereits verkleinert hat. Ich wünsche Ihnen bis dahin alles Gute. Ich stelle Ihnen gern ein Arztzeugnis aus.»

Doch ich lehnte ab. Ich fühlte mich arbeitsfähig und wollte mich nicht in Trauer oder Angst verlieren.

Sie war zwar überrascht, aber akzeptierte meinen Entscheid. «Sie dürfen sich jederzeit bei mir melden.»

Die nächsten Tage vergingen wie im Fluss. Immer wieder dachte ich darüber nach, zu Hause, bei der Arbeit. Was wäre gewesen, wenn Aleks damals nicht über mich hergefallen wäre?

Ja, er war ein Vollidiot. Ja, er hat versucht, gegen meinen Willen mit mir zu schlafen. Und ja, er war in diesem Moment ein verdammtes Drecksstück.

Aber irgendwie hatte er mir auch wahrscheinlich das Leben gerettet. Vielleicht hätte ich den Knoten irgendwann selbst entdeckt. Aber vielleicht zu spät, zu spät, um von einer Ärztin noch zu hören, dass ich «Glück» hatte.

Ich rief ihn an. Er klang nüchtern. Ich erzählte ihm vom Befund und bedankte mich respektvoll dafür, dass er, wenn auch auf grauenvolle Weise, zur Entdeckung beigetragen hatte. Ich bot ihm an, mit nach Interlaken zu kommen. Ich würde die Übernachtung bezahlen, er könnte mich zum Abendessen einladen, und wir würden noch einmal in Ruhe über alles reden.

Er stimmte zu also buchte ich für das kommende Wochenende. Ich hatte das Gefühl, es ihm irgendwie schuldig zu sein, ihn nicht einfach aus meinem Leben zu streichen. Ich sah noch etwas Gutes in ihm.

Das Wochenende kam. Es war Februar, kalt, die Sonne hinter Nebel versteckt. Ich packte ein paar Sachen für den Kurztrip in die Berge und fuhr zum Bahnhof. Dort holte ich Aleks ab. Er konnte mir nicht in die Augen schauen. Ich begrüsste ihn mit einer Umarmung, nahm ihm damit ein Stück seiner Scham. Unterwegs gab ich ihm Raum, sich zu öffnen. Wir redeten viel, über meine Diagnose, was ich beachten sollte, über Möglichkeiten und Wege. Später kamen wir auch auf die Nacht zu sprechen, in der er mich verletzt hatte. Er sagte, er habe sich nicht unter Kontrolle gehabt, sei betrunken gewesen, habe die Situation nicht bewusst wahrgenommen. Mir war es mittlerweile egal, was genau passiert war. Ich wollte nur noch mein Leben, mich auf meine Gesundheit fokussieren. Das war alles, was zählte. Ich bemühte mich, ihm zu zeigen, dass er sich in meiner Nähe nicht schämen musste. In Interlaken war es schon dunkel, als wir ankamen. Das Hotel war traumhaft: alt, mit antikem Charme, wie aus einer anderen Zeit. Skulpturen an den Decken, Gesichter von Engeln und Menschen. Im Saal stand ein schwarzer Flügel, elegant und mächtig. Nach dem Einchecken wollte ich kurz in die Zigarrenlounge, ich kannte sie.

«Was, du warst schon mal hier?» fragte Aleks überrascht. Ich erzählte ihm, dass ich mit meiner Cousine hier gewesen war. Sie hatte im Reisebüro gearbeitet und günstige Tickets organisiert. Doch dieser Trip war … anders.

Er sah mich fragend an, aber ich winkte ab. «Das erzähle ich dir ein andermal.»

Oben im Zimmer zog ich mich um. Als ich aus dem Bad kam, hatte sich Aleks auf der Couch eingerichtet. Ich sagte nichts. Hätte ich ihm das Bett angeboten, hätte er es vielleicht falsch verstanden. Ich legte mich hin und schlief ein.

Am nächsten Tag, nach dem Frühstück und dem Check-out, machten wir uns auf den Weg zur Jungfraujoch. Das war mein Wunsch. Ich wollte dieses Erlebnis unbedingt, koste es, was es wolle.

Wir besorgten uns noch eine Flasche selbstgebrannten Rum in einem kleinen Laden und kauften die Tickets. Die Fahrt hinauf auf über 3‘500 Meter war atemberaubend, ein Panoramablick, der alles andere vergessen liess. Oben angekommen liefen wir durch einen Tunnel zum Aussichtspunkt.

«Hast du auch Mühe beim Atmen?» fragte ich Aleks. Er konnte kaum noch sprechen. «Das liegt an der Höhe. Weniger Sauerstoff, tieferer Luftdruck.» Wir machten kurz Pause zum Durchatmen. Dann betraten wir das mehrstöckige Gebäude, fuhren mit dem Lift nach oben. Natürlich fehlten auch hier nicht die Shops mit Luxusuhren, Lindt-Schokolade und Touristenangeboten. Eine kleine Schokoladenfabrik war sogar vor Ort.

Top of Europe, normalerweise überfüllt mit asiatischen Touristen. Doch heute war es fast menschenleer. Wir konnten uns frei bewegen. Als wir nach draussen traten, wurde mein Körper ganz leicht. Der Nebel der letzten Tage war verschwunden. Wir standen im strahlenden Sonnenlicht. Ende Februar. Sonnig. Ein perfekter Tag. Wir setzten uns an einen Fensterrahmen, spielten Musik, tranken den fruchtigen Rum und blickten auf den Aletschgletscher. Was für ein Panorama. Wir sassen über eine Stunde dort. Dann kamen ein paar tschechische Männer, heiter, offenbar leicht angetrunken, mit nacktem Oberkörper und Bierdosen in der Hand. Sie sangen, lachten, feierten. Aleks liess sich mitreissen, zog sich ebenfalls oben aus. Wir lachten. Feierten mit. Bis die Sonne langsam hinter den Bergen sank. Eine Bise kam auf, wehte Eiszapfen von der Decke, manche so gross wie mein Arm.

Es war Zeit zu gehen. Ich atmete tief ein. Verabschiedete mich innerlich von dieser imposanten Natur. Ich wusste ja nicht, ob ich jemals wieder hierherkommen würde. Ob ich es lebend tun würde. Da kamen die Tränen. Auch Aleks weinte. Ein sehr emotionaler Moment. Ein wunderbarer Tag. Er hat etwas mit mir gemacht. Trotz aller Ungewissheit, trotz aller Angst … ich spürte da etwas Neues: eine Ahnung von Wiederkehr. Von Hoffnung. Von einem Danach.

Lockdown

Der Tag war endlich gekommen. Ich ging zu meinem Onkologen, um die letzten und wichtigsten Informationen zu erhalten. Dr. Siragusa war ein sympathischer Mann, Mitte vierzig, erfahren und ruhig. Er erklärte mir genau, wie die Chemotherapie ablaufen würde und mit welchen Nebenwirkungen ich rechnen musste.

«Frau Ilic, da Sie HER2-positiv sind, beginnen wir gezielt mit Paclitaxel, auch bekannt unter dem Namen Taxol. Sie erhalten wöchentliche Infusionen, und wir kontrollieren regelmässig Ihr Blut auf Veränderungen. Zusätzlich überprüfen wir verschiedene Organfunktionen und tasten die Brust immer wieder ab.»

Taxol, allein das klang schon giftig. Ich wusste, dass das kein leichtes Spiel werden würde.

«Insgesamt bekommen Sie zwölf Infusionen mit Taxol. Danach wechseln wir zu einem stärkeren Protokoll: EC, Epirubicin und Cyclophosphamid. Diese Kombination wird viermal im Abstand von jeweils zwei Wochen verabreicht. Ein effektiveres Medikament.»

Plötzlich durchzuckte mich ein Gedanke wie ein Blitz. Ich erinnerte mich an den Tag, als ich etwa ein halbes Jahr nach der Trennung beim Gynäkologen war, damals hatte ich wegen hormoneller Störungen fast verblutet. Mir wurde ein Medikament verschrieben, angeblich wirksamer als die Antibabypille. Jetzt, im Rückblick, wurde mir schwindlig.

«Ich hab den Tumor von dem Zeug bekommen … ich wusste es!», flüsterte ich.

Dr. Siragusa blickte auf. «Alles in Ordnung, Frau Ilic?» Ich musste mich sammeln und erzählte ihm von diesem Erlebnis. «Das lässt sich so nicht eindeutig sagen. Wichtig ist jetzt, dass Sie wieder gesund werden», sagte er sachlich.

Doch die Erinnerung liessen mich nicht los. Ich wusste es genau. Trotzdem hörte ich Dr. Siragusa weiter zu.

«Wir starten am Donnerstag. Zusätzlich erhalten Sie alle drei Wochen eine Antikörpertherapie. Damit wären wir fürs Erste am Ende. Haben Sie noch Fragen?»

Ich lächelte schwach. «Bestimmt nächste Woche, Doktor.» Wir standen auf. «Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen, wo Sie die Infusionen erhalten werden.»

Ein Stockwerk höher führte er mich in den Infusionsbereich. Die Krankenschwestern begrüssten mich herzlich. Er erklärte ihnen die Behandlung und verabschiedete sich.

«Bis Donnerstag, Frau Ilic.» Eine der Pflegerinnen begleitete mich durch den Raum. Ungefähr zehn Liegen standen da, etwa zwei Drittel waren belegt. Die meisten Patient*innen waren älter. Einige schliefen, andere lasen oder hörten Musik. Wir gingen weiter zu einem kleinen Raum, der leer war.

«Bitte setzen Sie sich schon mal auf die Liege, einfach, um ein Gefühl dafür zu bekommen.»

Ich setzte mich. Kaum sass ich, gab sie mir ein Taschentuch. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Alles wurde plötzlich real. Die Angst überkam mich von allen Seiten. Ich fühlte mich hilflos. Wie sollte ich das nur durchstehen? Ich hatte keine Ahnung, wie mein Körper auf die Chemie reagieren würde. Keine Vorstellung, wie schlimm die 16 Infusionen sein würden. Fast ein halbes Jahr… würde mein Körper das aushalten? Würde ich die Tage zählen müssen bis zum Tod? Würde der Tumor schrumpfen, oder würde das Gift meine Organe angreifen? Würde ich meine Lebensqualität verlieren? Würde meine Weiblichkeit verschwinden? Würde ich je wieder lachen können?

Ich brauchte Antworten. Aber niemand konnte sie mir geben. Später zu Hause fiel mir das Wort «effektiv» wieder ein. Ich suchte in meinem Medikamentenschrank und fand die alte Packung jenes hormonellen Mittels. Ich las sie noch einmal sorgfältig durch. Ganz oben bei den häufigsten Nebenwirkungen: Brustkrebs.

«Pah. Ich wusste es!», rief ich laut, voller Wut. Wie konnte man so etwas verschreiben, ohne vorher gründlich zu prüfen, ob die Patientin das überhaupt verträgt? Wie konnte man mir dieses Medikament geben, ohne mich über die Risiken aufzuklären? Ich fühlte mich betrogen. Und ausgeliefert.

«So. Jetzt reicht’s. Es muss aufhören.» Ich stand vor dem Spiegel, sprach laut: «Ich bin bereit, etwas zu verändern. Kein Tag mehr wie heute. Bis zur vollständigen Entfernung des Tumors wird keine einzige Träne mehr fliessen. Ich bin eine Kämpferin. Ich werde das schaffen. Ich bin mutig, kein Angsthase und keine Heulsuse!»

Nach einem kurzen Moment der Sammlung überlegte ich mir, was mein Ziel war: Gesund werden. Den Tumor so schnell wie möglich loswerden. So wenig Nebenwirkungen wie möglich. Ich entschied mich, aufzustehen und etwas dafür zu tun. Ich fragte meine Tante Teta um Rat. Sie und ihre Tochter, meine Cousine Anya, waren Ärztinnen. Anya war zudem eine leidenschaftliche Aktivistin gegen Tierleid. Teta erzählte mir, dass in unserer Heimat viele Ärzt*innen eine «Fastenzeit» als unterstützende Methode empfahlen, nicht als Ersatz für Medikamente, sondern als zusätzliche Stärkung von innen. Man müsse aktiv gegen den Erreger arbeiten. Motivation und Wille seien genauso wichtig wie Chemotherapie.

«Du bist ein starkes Mädchen, mein Schatz», sagte sie. «Was du alles durchmachen musstest, du schaffst auch das.»

Ihre Worte gaben mir Kraft. Ich spürte meinen Optimismus wieder aufleben. Wenig später, wie durch ein Zeichen, sah ich eine Dokumentation im Fernsehen: Eine Frau erzählte, wie sie gegen Gebärmutterhalskrebs kämpfte. Trotz unzähliger Chemotherapien, trotz Entfernung der Gebärmutter und Eierstöcke, trotz allem keine Besserung. Die Ärzte gaben sie auf, erklärten sie zur Palliativpatientin.

Sie hatte nur noch wenige Monate. Doch plötzlich, kurz vor dem Ende, hatte sie eine Vision: ein Lichtbild, wie sie selbst fröhlich, gesund und frei durch ihren Alltag ging, ohne Schmerz, ohne Leid.

Sie entschied sich, alles aufzulösen: Medikamente, Krankenhausbesuche, Chemie, alles weg. Stattdessen: ein veganer Ernährungsplan, Sport, Entgiftung, Eigenverantwortung. Und heute? Sie sass dort, vor der Kamera, gesund, strahlend. Für mich war klar: Meine Intuition war richtig.

Ich schlug diesen Weg ein, bewusst, überzeugt, bereit. Ich nahm mein Schicksal an. Meine Zukunft. Mein Leben. Wieder einmal war ich bei null. Und musste mich auf hundert bringen. Es war ein beängstigendes Spiel, aber ein machbares. Was es brauchte: Mut. Selbstvertrauen. Stärke. Geduld. Mut, diesen Schritt zu wagen, obwohl man weiss, es könnte alles vorbei sein. Selbstvertrauen, um sich selbst zu lieben und für dieses Leben zu entscheiden. Stärke, um zu kämpfen und zu gewinnen.

Geduld, um auszuhalten, bis das Ziel erreicht ist. Diese vier Kräfte in sich zu aktivieren, das geht nicht von heute auf morgen. Aber jeder Mensch kann sie erlernen. Und fühlen. Ich wusste: Ich schaffe das. Mit links. Das wird mich nicht umbringen. Ich wollte noch so viel erleben. Vor allem Dinge, die ich früher nie sehen durfte. In meiner Kindheit gab es selten sowas. Später die Beziehungen, Männer, die mich immer wieder verliessen. Immer rannte ich hinter ihren Wünschen her. Ich hatte die Nase voll. Mein Leben war an mir vorbeigeflossen. Und meine Träume hatten sich nur gestaut. Der sehnlichste davon war lange: ein Partner, der mich sieht und begleitet. Doch das hatte sich geändert. Seit fast zwei Jahren war ich Single. Und an eine Beziehung zu denken war in meiner Situation schlicht unmöglich. Ich wollte mich nicht verlieben. Ich musste meine Energie für mich selbst behalten und nicht, wie so oft, in die Liebe stecken. Ich hatte meinen Mann verlassen, und er war daran zerbrochen. Er konnte keiner Frau mehr nah sein, wollte immer noch zurück zu mir. Der Gedanke, jemanden noch einmal so zu verletzen, war für mich unerträglich. Ich liess das Thema Männer los. Ich fokussierte mich aufs Neue. Da war etwas in mir und das musste

Wuhan wurde weltberühmt, nicht etwa für etwas Positives, sondern wegen der plötzlichen Masseneinsperrung der Bevölkerung. Ein kompletter Lockdown. Niemand durfte das Haus verlassen. Strenge Überwachung. Wie konnte so etwas plötzlich passieren? Dass die Welt in eine Pandemie schlittert, und das so blitzartig? Es dauerte nicht lange, und Europa steckte sich an. Womit auch immer. Ich bemerkte rasch: Das alles war übertrieben. Ich sah keine Leichen auf der Strasse, nicht in meinem Dorf, nicht anderswo. Was ich allerdings sah: wie die Menschen panisch Vorräte horteten, als stünde eine Hungersnot bevor. Das hätte ich ja noch verstanden, aber dass man kein Klopapier mehr bekam, verwirrte mich. Ein leichter Husten reichte, und man wurde eine Woche lang isoliert. Mir war das alles egal. Mitten im weltweiten Chaos machte ich mich auf den Weg ins Spital. Mit einem Rucksack über der Schulter meldete ich mich am Empfang. «Frau Ilic? Ihr erster Tag. Kommen Sie bitte mit.» Wir gingen ins Labor. Mein BMI wurde erfasst, es gab einen kleinen Piks am Finger für die Blutentnahme. Kurz darauf erschien auch schon mein Onkologe zur Begrüssung. Ich fühlte mich wohl, die Menschen waren freundlich, aufrichtig zugewandt. Ich folgte ihm ins Büro. Er bemerkte meine stabile Verfassung, verlor keine Zeit mit aufmunternden Floskeln, sondern kam gleich zur Sache.

Er notierte meine Blutwerte auf einer Karte und erklärte sie mir. Dann informierte er mich nochmals detailliert, was die Medikamente in meinem Körper bewirken würden. Ich hörte aufmerksam zu.

«Da Sie unter 35 Jahre alt sind, Frau Ilic, werden wir Sie zu einem Genetiker schicken. Es geht darum abzuklären, ob ein Gendefekt vorliegt, also eine erbliche Form des Brustkrebses. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten aufgrund Ihres Alters.»

Ich verspürte kein Unbehagen und liess mir einen Termin geben. Nach allen Informationen und Untersuchungen begleitete er mich zum oberen Stockwerk.

Dort wartete bereits das Team auf mich, mit einer spürbar positiven Ausstrahlung. Ich fühlte mich rundum gut betreut.

«Möchten Sie lieber in einem separaten Raum allein liegen, oder … hier wäre noch eine Liege frei», fragte mich eine Schwester.

Neben mir sass ein älterer Herr, der mir bereits freundlich zunickte.

«Ich setze mich gern neben den Herrn», antwortete ich mit einem Lächeln.

Wir begrüssten uns, und er fing sofort an zu erzählen. «Ich liege schon seit zwei Stunden hier, aber gleich ist’s geschafft.» Wir unterhielten uns, als kämen wir uns seit Jahren entgegen. Dann kam die Pflegerin mit den Medikamenten. Sie legte mir die Infusion in den rechten Arm. Nach kurzer Zeit spürte ich die kühle Flüs sigkeit in meinen Venen. Ich sprach weiter mit dem Herrn, als wäre nichts. Wir sprachen über unsere Krankheiten, und natürlich auch über das neuartige Virus.

«Dieser Humbug», sagte er, «die machen den Leuten nur Angst. Ich glaube, wir haben gerade andere Sorgen, oder nicht, Fräulein?»

Er hob seinen mit Schläuchen versehenen Arm und lachte. Der Beutel war leer, und die Schwester kam.

«Herr Müller, das war’s, super gemacht!» Sie entfernte die Infusion, und er verabschiedete sich etwas müde, aber freundlich. Mir wurde ein Kaffee angeboten, mein Lieblingskaffee, wie ich überrascht feststellte. Er schmeckte grossartig.

Ich holte mein mitgebrachtes Brunch-Sandwich heraus: mit Cherrytomaten, veganem Aufstrich und Zitronenwasser. Dazu mein Tagebuch und einen Stift.

Tag 1:

Zuerst erhielt ich eine Antiallergikum-Injektion: Tavegyl. Sie soll mögliche Reaktionen verhindern. Dann: NaCl 0.9%, 13 ml, danach 25.1 ml. Bisher alles gut, nur leichtes Jucken am Arm. Blutdruck zu Beginn: 124/84, Puls 70. Während der Paclitaxel-Infusion (Dauer: 1 Stunde): nach 30 Minuten 127/79, Puls 66, am Ende 128/82, Puls 72. Hinweise der Ärztin: Keine Grapefruit, kein Grüntee. Auf Hygiene achten. Bei Sonne gut schützen. Weiche Zahnbürste verwenden. Ich fühle mich gut. Ich trinke viel.

Die ersten Wochen vergingen ohne grosse Veränderungen. Ich arbeitete weiterhin Vollzeit, mit Ausnahme der Donnerstage, an denen ich meine Infusionen erhielt. Die Nebenwirkungen waren kaum spürbar. Ich war optimistisch, genoss jeden Tag und lebte voller Überzeugung. Ich entwickelte meine Kochkünste gezielt weiter, um meinem Körper mit Ernährung zu helfen, das Gift wieder zu neutralisieren. Ich arbeitete regelrecht kontraeffektiv: Mein Körper wurde zur obersten Priorität, und meine Gedanken wichen keinen Moment von diesem Fokus ab. Antioxidantien, Vitamine, Nährstoffe, ich recherchierte alles, stellte Rezepte zusammen, versorgte mich selbst mit dem, was ich wirklich brauchte. Und irgendwie … war ich glücklicher denn je. Das klingt verrückt, ich war krank, mitten in einer Chemotherapie, am Anfang eines schwierigen Prozesses. Und doch: Der Krebs hatte meine Lebensweise verändert. Ich wurde mir selbst wichtig. Und das fühlte sich richtig gut an. Ich begann zu leben.

Der Besuch beim Genetiker verlief beinahe heiter. Dr. Bernd war überzeugt, dass meine frühe Erkrankung erblich bedingt sein musste. Er erklärte mir anhand von Zeichnungen, wie sich ein Gendefekt auf die Lebensqualität auswirken könnte, und welche vorbeugenden Massnahmen möglich wären: Entfernung der Brüste, der Gebärmutter, der Eierstöcke. Implantate. Hormontherapien. Ich hörte aufmerksam zu und lächelte. All das kam für mich nicht infrage. Ich wusste es. Eine Woche später kam dann das Ergebnis und ich fuhr wieder zu ihm.

«Ich habe gute Nachrichten für Sie», sagte er, doch ich unterbrach ihn mit einem wissenden Lächeln:

«Ich weiss.» Er war kurz irritiert, dann lächelte auch er. «Dann kann ich bestätigen: Sie haben Glück. Ihre Lebensqualität ist als normal einzustufen. Ihre Gene sind einwandfrei. Hier ist der Bericht, und ein paar Tipps für ein gesundes Leben.»

Wir verabschiedeten uns. Ein sehr angenehmer Mann. Kein Vollzeitjob, zwei Tage Sprechstunde pro Woche. Wohl ein gut bezahlter Beruf, dachte ich und musste innerlich schmunzeln.

Woche für Woche ging ich zur Onkologie. Die Ärzt*innen und Pflegekräfte liebten meine ruhige Ausstrahlung. Ich wurde mit Komplimenten überschüttet: Wie ich so positiv bleiben konnte, so gut aussah, so ausgeglichen wirkte, und das, obwohl ich mitten in der Therapie steckte. Beim nächsten Ultraschalltermin bei Dr. Thierstein zeigte sich: Das Medikament wirkte. Der Tumor wurde kleiner. Alles schien wie am Schnürchen zu laufen. Und ich wollte in diesem Zustand bleiben. Ich wollte mehr: Mehr Leben. Mehr Erleben. Mehr Momente. Also lud ich meine Cousine Anya über Ostern zu einem kleinen Ausflug in die Alpen ein, eine Auszeit für die Seele.

Nach meiner sechsten Infusion holte ich Anya mit gepacktem Koffer ab. Wir fuhren los ins Wallis, nach Naters. Ein kleines Städtchen mitten in den Bergen. Unser Hotel war alt, direkt an der Strasse ge legen, von aussen schien es wie ausgestorben. Was heisst, das Hotel, alles war wie tot. Die Massnahmen wegen des Coronavirus hatten das Land verunsichert. Niemand wusste, wie damit umzugehen war. Es war kein offizieller Lockdown, aber viele blieben aus Angst zu Hause oder aus Rücksicht, um andere nicht anzustecken. Das Hotel war vorbereitet, mehr oder weniger. Die Rezeption war nur telefonisch erreichbar, niemand stand hinter dem Tresen. «Ob wir auch selbst kochen müssen?» fragte Anya und sah sich um. Die Halle war im leicht verspielten Jugendstil eingerichtet. In der Ecke stand eine grosse, lächelnde Statue eines Mannes, der eine Infotafel hielt. Da wir völlig allein waren, wurde unsere Fantasie wach. Ich griff zum Handy und filmte, wie Anya dem Steinmann an den Po fasste und übertrieben zu stöhnen begann. Plötzlich ging die Tür auf. Ein junger Mann stand vor uns.

«Wir dachten schon, der Abendbrunch ist Selfmade», begrüsste ich ihn lachend.

«Wir fühlten uns ein wenig allein und haben Ihrem Türsteher ein paar Worte gesagt», fügte ich an und zeigte zur Statue.

Anya zog verlegen die Hand zurück. Ihre Wangen waren gerötet. Der Mann lachte und stellte sich als unser Kellner vor.

«Endlich wieder Leben in der Hütte. Willkommen, die Damen!» Der Kellner beugte sich leicht nach vorne, als wäre er ein Butler aus einem alten Film. «Aber seid gewarnt! Unsere Gäste erzählen, dass die Gründerin des Hauses Maria noch immer hier herumspukt, obwohl sie längst tot ist.»

Er zeigte auf einen Fotorahmen an der Glastür des Saals. Ein uraltes Foto einer Dame, schick gekleidet, mit vollem, lockigem Haar. Ihr Blick ernst, wie auf so vielen Fotos aus jener Zeit. Wir lächelten, fragten, ob es noch etwas zu essen gäbe.

«Aber gewiss, meine Damen. Folgen Sie mir.» Er führte uns ins Restaurant. Auf der anderen Seite des Saals sassen ein paar Leute, sonst war es menschenleer. Nach der dreistündigen Fahrt genossen wir das Abendessen sehr. Etwas befremdlich war es schon, dass der grosse Saal so leer war.

«Daran werden wir uns wohl gewöhnen müssen. Das ist für eine Weile unser letzter Urlaub», sagte ich.

Nach dem Essen kam der Kellner erneut und bot uns zum Dessert einen Fruchtsalat an. Er prahlte ein wenig mit seiner Kunst. Ein Fruchtsalat im Cocktailglas, eingelegt in Pflaumenschnaps. Wir nahmen neugierig an, und es schmeckte wirklich hervorragend. Später im Zimmer wurde mir allerdings komisch. Ich wusste, dass ich jetzt nicht in Panik geraten durfte. Ich hatte nicht daran gedacht, dass Alkohol und Chemotherapie am selben Tag nicht gerade die beste Kombination sind. Mein Herz schlug spürbar, ich spürte den Puls bis in den Hals. Ich stellte mich unter die Dusche, kühlte meinen Kopf und fühlte mich danach besser. «Der Typ mit seinen Künsten hätte mich fast vergiftet», sagte ich zu Anya.

«Der wusste ja nichts. Man sieht dir ja auch nichts an. Und hast du gemerkt, wie er dich angehimmelt hat? Er fand deine Kurzhaarfrisur heiss.»

Wir lachten und gingen bald schlafen. Diese Nacht war eine der merkwürdigsten meines Lebens. Bevor ich einschlief, sah ich den Vollmond durch das Fenster scheinen. Jedes Mal, wenn ich erwachte, war er immer noch da, am selben Ort. Nach dem fünften Mal dachte ich: Was soll das? Ich hatte fest geschlafen, und doch schien es, als wäre nur eine Minute vergangen. Irgendwann, als ich wieder einschlief, begann ich zu träumen. Plötzlich spürte ich etwas an meinem Arm, ein Ruck, und ich wurde durch das ganze Hotel gezogen, durch Wände hindurch, direkt in die Tiefe. Ich wusste: Entweder ich wache jetzt auf, oder ich lasse mich mitziehen. Ich entschied mich fürs Erste und riss die Augen auf. Es war vier Uhr morgens.

Anya war auch wach. «Mein Gott, was für ein Trip», sagte ich. Sie erzählte mir, dass ich leise gesprochen hatte, aber sie verstand nicht, was ich sagte. Beim Frühstück berichtete ich ihr mein Erlebnis. «Dann bist du wohl empfänglich», meinte sie trocken. «Ich habe Maria auch gespürt. Sie wirkt nicht gerade glücklich. Das ist aber nicht unser Problem. Sie soll uns in Ruhe lassen!»

Sie schaute zur Decke der Halle. Wir lachten. Es war wirklich eine unruhige Nacht. Wir packten unsere Sachen, gingen zum Frühstück, und da kam Patrice, der Kellner, aus der Küche.

«Lasst mir doch eure Nummern da. Ich werde bald eine Fischzucht eröffnen.» Anya verzog das Gesicht. «So geschmacklos!»

Er war zunächst irritiert, verstand dann aber. Ich hingegen gab ihm meine Nummer.

«Fischen ist nicht mein Ding, aber ich würde dich gern wiedersehen.»

Zum Abschied erzählte er noch, dass plötzlich seine ganzen Küchengeräte ausgefallen seien.

Anya und ich schauten uns an. Wir wollten nur noch raus. Auf dem Heimweg liessen wir die Szenarien hinter uns, aber nicht die Schönheit. Die Gipfel der Alpen leuchteten im Sonnenlicht. Wenn die Sonne scheint, fühlt es sich an, als würde die Energie von oben direkt durch den Körper fliessen. Ich war dankbar für diesen Ausblick, immer wieder. Ich erinnerte mich, wie ich vor zehn Jahren aus der Feuerwehr austrat. Damals hatte mein Herz bei jeder Atemschutzübung schmerzhaft gestochen. Wenig später ging ich mit meinem Ex zum Snowboarden in die Berge, und der Schmerz verschwand. Er kam nie zurück.

Seitdem wusste ich: Diese Luft tut gut. Diese Berge tun gut. Und ich, ich war am Leben.

Die Osterzeit verging, und der Alltag kehrte zurück. Meine Arbeit, mein Überleben. Es war Zeit für die nächste Infusion, dazu kamen noch Antikörper, und ich merkte bei jeder Verabreichung, dass ich deutlich mehr Kraft und Energie hatte als sonst. In der Firma war einer sogar erschrocken, als er meine Unterarme sah, nachdem ich etwas aufgehoben hatte. Ich fragte ihn, weshalb er mich so anschaue, und als ich dann selbst meinen Unterarm sah, traute ich meinen Augen nicht. Er war doppelt so gross. Ich lachte laut los und begann ihn aus Spass zu bedrohen, er müsse jetzt aufpassen. Ich fühlte mich wohl bei der Arbeit, doch nach der Trennung, meiner Weiterbildung und mit den hohen Krankheitskosten reichte das Geld kaum bis zum nächsten Gehalt.

Oft überlegte ich mir, was ich tun könnte, ohne eine grosse Investition zu benötigen. Noch am selben Tag sprach ich mit Ahmed, dem Logistikleiter einer anderen Abteilung, mit dem ich schon in einem Projekt zusammengearbeitet hatte und dabei gute Freunde geworden sind.

«Massieren», meinte er. «Ich massiere auch. Du brauchst nur eine mobile Liege, Tücher, Öl und starke Hände, die hast du ja. Oh mein Gott, Jijo!» Und er starrte erschrocken auf meine Unterarme.

Der Gedanke gefiel mir. Ich konnte mehr oder weniger massieren, glaubte ich zumindest. Sicher nicht gut genug, um Fremde zu beeindrucken. Also liess ich mich von ihm anleiten. Ahmed lud mich zu sich nach Hause ein und erklärte mir beim Kaffeetrinken ein paar Grundlagen. Er erzählte, wie viele Kundinnen er habe und wie viel er verlange, auch wie er sein Öl selbst und günstig zusammenstelle. Meistens kämen Frauen zu ihm, die sich noch intensiver und erotischer massieren lassen wollten. Doch das lehnte ich sofort ab. Ich wollte es seriös angehen. Was wäre, wenn ich einmal einen Freund hätte und diesen Job machen würde? Das könnte auch ich nicht akzeptieren. Es wäre sicherlich schon schwer genug für ihn, wenn ich andere Männerkörper intensiv berühre würde, und dann noch so etwas.

Zudem kamen Erinnerungen an meine Mutter und ihre Prostitution hoch. Ohne zu überlegen, war das für mich ein Tabuthema. Ahmed stellte die Liege auf und bereitete die Tücher vor.

«Jetzt will ich spüren, wie du das machst», sagte er und legte sich nackt auf den Bauch. Zuerst war ich etwas irritiert, weil er sich ganz ausgezogen hatte, aber das hielt mich nicht davon ab, es zu probieren. Also begann ich, ihn auf meine Art zu massieren. Ich fing bei seinen Füssen an und drückte auf ein paar Punkte, die sich wie Knorpel anfühlten. Er hatte viele davon, am ganzen Körper, wie ich dann feststellte. Ich gab mein Bestes, um ihn zufrieden zu stellen und massierte ihn eine halbe Stunde lang.

«Jijo, du hast wirklich ein Talent dafür», sagte er und umarmte mich voller Freude, als ich fertig war. Er meinte noch, ich solle unbedingt dieses Business aufbauen, und schenkte mir seine Liege.

Ich nutzte also meine neugewonnene Kraft und begann, Kundschaft zu suchen. Die ersten Inserate legte ich in Geschäften wie Migros und Coop aus. Parallel kaufte ich natürliche Massageöle, schöne Badetücher, ein Arbeitshandy und ein kleines Radio. Meine Tante stellte mir eines ihrer Zimmer zur Verfügung. Mein erstes kleines Massagestudio: eingerichtet in warmen, beruhigenden Farben, Orange, Erdtöne und Perlweiss. Es sah entspannend und gleichzeitig professionell aus.

Meine Kleidung wählte ich sportlich und leger, und ich verzichtete darauf, meine Nägel zu lackieren. Ich war richtig stolz, als es dann losging. Ich bereitete die Liege mit den schönen neuen Tüchern vor, zog die Vorhänge zu, zündete einige Kerzen an und schaltete Entspannungsmusik ein.

Der erste Kunde kam. Ich gab ihm freundlich die Hand und stellte mich vor. Ich zeigte ihm die kleine Umkleidekabine und reichte ihm ein Handtuch.

«Sie dürfen sich gerne bis zur Unterhose ausziehen und sich auf den Bauch legen», sagte ich, dann ging ich ins Badezimmer, um mir die Hände zu waschen und zu wärmen. Ich atmete ein paar Mal tief durch, denn die Nervosität stieg.

«Das schaff ich mit links», dachte ich. Ich stellte mir vor, wie die halbe Stunde ablaufen und wie ich sie gestalten könnte. Nach ein paar Minuten ging ich langsam zur Tür meines Studios und fragte, ob er bereit sei.

Nach einem «Okay» ging ich hinein und deckte ihn mit einem Leintuch zu. Ich begann bei den Beinen, arbeitete mich hoch zum Rücken und fühlte mich ganz in meinem Element. Völlig in Trance versetzt massierte ich ihn mit grosser Intensität und Kraft. Sein Körper aktivierte sich nach einer Weile und wurde wärmer, sodass ich noch fester drücken konnte. Ein leises, wohltuendes Geräusch kam aus seinem Mund, was mich freute.

Nach der halben Stunde liess ich ihn noch eine Weile alleine entspannen. Bis er sich angezogen hatte, betrat ich den Raum nicht mehr. Ich wollte nicht, dass er das Gefühl bekam, es könnte weitergehen. Als er bezahlte, fragte ich ihn noch, wie es für ihn gewesen sei.

«Fantastisch!» sagte er, und ich sah seine glänzenden, glücklichen Augen auf mich gerichtet.

«Ich werde mich wieder melden», fügte er hinzu, und wir verabschiedeten uns.

Während ich mein Studio reinigte, war mein Gefühl voller Freude und Euphorie. Die Zufriedenheit anderer war mir schon immer wich tig, aber dass ausgerechnet der allererste so überzeugt war, das hätte ich mir nie zugetraut. Vor allem fühlte ich mich selbst so gut, dass ich entschloss, weiterzumachen.

Der Stolz wuchs, doch es blieb zunächst bei diesem einen Kunden. Die Inserate reichten nicht aus, also musste eine neue Lösung her. Ich überlegte nicht lange, und mir kam die Idee, mich auf einer Dating-App vorzustellen. Ich erstellte ein Profil mit ein paar natürlichen Bildern von mir und beschrieb mich als eine offenherzige, seriöse Masseurin.

Dann begann der Boom an Anfragen, endlich ging es los. Fast täglich nach der eigentlichen Arbeit konnte ich mich mit neuen Kunden beschäftigen, und es waren wirklich nette Menschen. Meine Therapie half allen, und viele kamen wieder. Als dann auch noch meine Tante dazukam, nach einem Bandscheibenvorfall, und ich sie zweimal wöchentlich massierte, war mein Selbstwertgefühl auf einem Höhepunkt angelangt.

«Du bist ein richtiges Naturtalent, ich kann mich wieder schmerzfrei bewegen», sagte sie.

So sammelte ich Geld für meine offenen Rechnungen und für die Ferien, die ich im Sommer mit meinem Wagen geplant hatte. Irgendwohin Richtung Westen, dachte ich. Das war mein nächstes Ziel nach all den Strapazen der letzten Zeit. Obwohl ich glücklich war, merkte ich nach meiner zehnten Infusion, wie sich mein Körper veränderte. Vor allem bei der Arbeit fiel mir auf, dass ich nicht mehr gleich funktionierte. Meine Nägel konnte ich wegen der Schmerzen nicht mehr für alltägliche Dinge gebrauchen, weder etwas öffnen noch Druck ausüben. Es fühlte sich an, als würden sie mir gleich ausfallen. Wenn ich eine kleine Schnittwunde hatte, hörte sie kaum mehr auf zu bluten.

Zudem bemerkte ich, dass meine Stunden nicht korrekt erfasst wurden wegen dieser Donnerstage. Also suchte ich das Gespräch mit meinem Chef.

«Ich finde, du könntest ja an diesem halben Tag arbeiten kommen. Es läuft ja nur ein paar Stunden, sagtest du. So verlierst du nicht acht Stunden.»

Mir verschlug es die Sprache. Was hatte er da gerade gesagt? Ich solle mir schnell meine Spritze setzen lassen und dann zur Arbeit kommen? In welchem Film lebt er bitte?

Nach einigen Meinungsverschiedenheiten verliess ich empört und genervt sein Büro. Auf dem Heimweg war ich immer noch voller Enttäuschung und Trauer. Ich konnte nicht fassen, dass er so etwas aus tiefstem Herzen sagte, voller Egoismus und Gleichgültigkeit.

Seit meiner Krankheit liess ich es nicht mehr zu, dass mich jemand auf irgendeine Weise verletzte. Und doch schaffte er es, mich so zu zerbrechen. Ich dachte nur: Der Typ glaubt wohl, ich sei sein Sklave.

Von wegen. Dass ich mich seit dem ersten Tag hätte krankschreiben können war ihm wohl nicht bewusst. Beim nächsten Termin mit dem Onkologen besprachen wir das Arztzeugnis und die noch fehlenden Krankheitstage. «Sehr verletzend» sagte er. «Manche Firmen sehen die Menschen nur noch als funktionstüchtige Wesen.» Er schrieb mich für die nächsten zwei Monate krank. Ich bedankte mich, absolvierte noch meine Therapie und schickte das Arztzeugnis danach direkt meinem Vorgesetzten zu.

Da ich nun mehr Zeit für mich hatte und nicht einfach nur herumliegen wollte, überlegte ich mir, nach zehn Jahren in meiner Wohnung eine Veränderung anzugehen: neue Einrichtung, neue Farben. Vor allem meine Holzbalkone hätten wieder einmal abgeschliffen und lasiert werden müssen.

Mit meinem Vermieter traf ich eine Abmachung: Er würde das Material und die benötigten Werkzeuge organisieren, ich würde die Arbeit übernehmen. Ich freute mich riesig darauf, denn es wurde langsam wieder Sommer und die Sonne schien herrlich. Am meisten aber freute ich mich auf mein frisch eingerichtetes Zuhause, sobald es fertig sein würde. Ich hatte mich darin schon immer wohlgefühlt.

Als ich den Balkon leerräumte und die Schleifmaschine bereitstellte, machte ich kurz eine Pause und schaute aufs Handy. Da sah ich, dass sich auf der Dating-App ein neues Gesicht gemeldet hatte. Auf dem Bild war ein fast gleichaltriger Mann mit Glatze zu sehen, scheinbar auf einer Wandertour, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er wirkte sehr positiv. Seine Profilbeschreibung fand ich witzig, also begann ich, mich mit ihm zu unterhalten.

Schon bald spürte ich eine Verbindung, der Mann brachte mich zum Lachen. Zufällig war er auch noch Maler, also scherzte ich, er könne mir ja helfen, denn ich sei gerade mitten in einer Renovation. Er fand das ein lustiges Kennenlernen, und tatsächlich kam er vorbei.

Babosa, so hiess er, half mir beim Schleifen des Balkons. Wir lachten ununterbrochen und verstanden uns den ganzen Tag über wunderbar. Später erzählte ich ihm von meiner Krankheit, worauf er nur meinte:

«Dann bekommst du ja bald meine Frisur.» Dabei strich er belächelnd über meinen Kopf. Ich fand das so amüsant, er sah mich kaum anders an, als wenn ich gesund wäre. Ich lachte und war fröhlich mit ihm.

Es dauerte nicht lange, und wir stellten fest, dass wir beste Freunde wurden. Er kam fast täglich vorbei, und wir arbeiteten gemeinsam an beiden Balkonen. Wir schliffen und lasierten wie die Weltmeister und lächelten durch unsere Schutzmasken hindurch. Zudem half er mir, meinen sehnlichst gewünschten grossen Kleiderschrank aufzubauen.

Wir schickten uns täglich Sprachnachrichten, erzählten vom Alltag und gingen jedes Wochenende gemeinsam wandern. Es wurde mir klar, dass ich ihn gerne zu meinem Ferienausflug mitnehmen wollte, also lud ich ihn ein. Natürlich war er begeistert und sagte zu.

Nicht für kleine Mädchen

«Anicca, Anicca, Anicca» bedeutet nichts anderes als: Alles geht vorbei. Es ist ein kleines Mantra für schwierige Zeiten. Es symbolisiert die Widerstandsfähigkeit des Menschen. Akzeptanz bei Veränderungen, die nicht von Dauer sind. Leiden und Tod sind Teil unseres Lebens, und jede Situation ist nur vorübergehend. Man sieht und fühlt das in dem Moment zwar nicht immer so, aber es ist die Wahrheit. Wenn man den Dingen nur ein bisschen Luft und Zeit zum Atmen geben würde.

Nach meiner zwölften, also letzten Taxol-Infusion, blieben natürlich die bereits vorhandenen Nebenwirkungen an meinen Nägeln und meiner Haut. Ich begann, mich häufiger einzucremen, und achtete auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr. Auch meine Schleimhäute reagierten allmählich, ich bekam dann etwas für die Nase, und ein leichtes Surren im Kopf kam ebenfalls hinzu, jedoch nicht störend. Es war wie das Gefühl, wenn man zu viel getrunken hat. Ich hörte es nur, wenn es still war, was bei mir selten vorkommt. Musik war fast immer an oder ich war sonst irgendwo unterwegs, was die Geräusche übertönte.

Generell fühlte ich mich wie bisher ziemlich gut. Ich merkte, dass mein Körper dieses Mittel langsam in den Griff bekam, und durch die Zufuhr von Vitaminen und Mineralstoffen neue Zellen aufgebaut wurden. Und mein Tumor wurde immer kleiner. Die Ärztinnen und Ärzte staunten weiterhin über meine Stärke, mein Selbstvertrauen, und mussten zugeben, dass mein Lebensstil genau der richtige war, sei es, weil ich aktiv blieb oder mich pflanzlich ernährte. Eine grosse Wirkung hatte natürlich auch meine positive Einstellung zum Leben. Hätte ich Angst gehabt und die Schmerzen vorausgesehen, dann wären sie wahrscheinlich genauso eingetreten.

Natürlich war da auch der Halt von meinen Liebsten, die mich nie anders anschauten und mich weiterhin so behandelten, als wäre alles normal. Ich verabschiedete mich hingegen von langjährigen Freundschaften, in denen ich bemitleidet wurde oder mir gesagt wurde, ich solle nicht arbeiten, nichts Schweres tragen und mich unbedingt ausruhen. Der Satz «Du bist krank!» stoss mich regelrecht ab. Ich ekelte mich davor. Genau so etwas konnte ich in dem Moment nicht brauchen, dass mich jemand aus meinem Konzept bringt, mein Ziel verlangsamt oder gar aufhält.

Ich hatte nun meinen Bro, meinen besten Freund, der mich stetig begleitete, und der lachte, sobald er merkte, dass wieder eine Lücke in meinen Haaren zu sehen war. Solche Situationen waren für mich enorm wichtig. Sie bewahrten mich davor, in Panik zu geraten. Stattdessen konnte ich mit ihm darüber lachen. Solche Menschen zeigen wahre Akzeptanz, egal, wie man ist oder was man hat. Niemand hat das Recht, mich zu beurteilen, nur weil ich anders bin.

Wir begannen also am darauffolgenden Donnerstag mit der neuen Infusion, viermal, alle zwei Wochen. Ich schrieb in mein Tagebuch: Zuerst kam eine Art Kortison gegen allergische Reaktionen. Dann gaben sie mir Dexametason, das ich unbedingt einnehmen sollte. Epirubicin und Cyclophosphamid habe ich problemlos vertragen. Zuhause muss ich Neulasta ins Bein spritzen, eine Art Blutbildaufbau. Hinzu kam, dass ich rosa gepinkelt habe, das war schon strange. Langsam spüre ich meinen Kreislauf, bin nervös und unruhig. Mein Blutdruck ist top, meine Blutwerte nahezu perfekt.

Ein paar Tage später musste ich leider feststellen, dass es nun wirklich Zeit war, zum Coiffeur zu gehen. Ich musste mir eine Perücke aussuchen, die Haarbüschel, die mir in der Hand blieben, wurden mir zu blöd. Beim Coiffeur schnitt er mir die verbliebenen Haare ganz kurz und setzte mir ein paar Perücken auf. Die ersten gefielen mir gar nicht, die Schnitte passten nicht zu meinem Gesicht. Bei manchen sah ich wie eine Oma aus. Also suchten wir weiter. Als er mir dann die zweitletzte aufsetzte, kam plötzlich ein Gefühl hoch, das mir ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Ich freundete mich sofort mit dieser Perücke an, sie passte zu mir. Ich entschied mich direkt für sie und musste noch kurz ein Formular für die IV ausfüllen, damit die Kosten für die Echthaarperücke übernommen würden. Ich verabschiedete mich dankend. Nun fühlte ich mich etwas erleichtert, musste mich aber erst an das neue Gefühl gewöhnen. Es juckte zwar nicht, aber es war einfach anders als sonst. Was mir nicht gefiel, war, dass ich unter der Perücke noch die Haare spürte, die nicht komplett abgeschnitten worden waren. Da sah ich im Spiegel wirklich krank aus.

«Jijo, du gerupftes Huhn», sagte ich zu mir selbst und lachte. Das musste sich dringend ändern, denn so, wie ich mich gerade sah, fühlte ich mich nicht. Gleich danach ging ich zu meinem Bro Babosa in die WG und flehte ihn an, mir eine Kahlfrisur zu verpassen. Er freute sich natürlich riesig und legte sofort mit seiner Schneidmaschine los.

«So, und jetzt siehst du gleich aus wie ich», sagte er und schaute mich an, als würde er bei meinem Kopf nach Läusen suchen.

«Du bist doch doof. Hör auf!» entgegnete ich lachend. Er rieb die ganze Zeit meinen Kopf und machte sich über mich lustig. Wir hatten so viel Spass bei der ganzen Aktion.

Bei ihm war ich immer gut drauf. Er und seine Jungs im Haus waren zwar etwas eigenartig, aber genau deshalb mochte ich sie so. Sie schauten mich als Mensch an, nicht als Pflegefall. Sie waren verrückt wie ich und nahmen kein Blatt vor den Mund. Jeder von ihnen hatte etwas Spezielles. Besonders stach für mich Babosas bester Freund hervor. Irgendwie fand ich ihn interessant. Lukas war zu der Zeit auf Arbeitssuche und vertiefte sich in seine Computerspiele. Wenn man ihn so betrachtete, hätte man denken können, er sei zu intelligent für diese Welt und versuche gerade, seine Hirnzellen zu reduzieren, denn er rauchte auch Gras. Mit seiner Brille, den braunen halblangen Haaren und seinem legeren Kleidungsstil war er optisch nicht unbedingt auffällig. Etwas abgemagert und untrainiert wirkte er eher traurig als zufrieden. Doch was ihn wirklich interessant machte, war die Art der Gespräche mit ihm, und wie tief er mir dabei in die Augen sah. So intensiv, so rätselhaft. Lukas litt unter Depressionen und wollte darüber reden. Ich hörte ihm sehr gerne zu, weil ich wusste, dass es ihm danach besser ging. Ich war gerne für ihn da, und er auch für mich.

Nach ein paar Besuchen entwickelte sich neben der Freundschaft zu Babosa auch eine enge Verbindung zu Lukas. Ihm war das jedoch etwas suspekt. Er fragte mich, weshalb ich immer zu ihnen käme und keinen Liebhaber an meiner Seite hätte. Meine Weiblichkeit war zu diesem Zeitpunkt angeknackst: Alle Haare am Kopf und im Gesicht waren weg, meine Augen eiterten wegen des Blütenstaubs, meine Libido war seit zwei Monaten verschwunden. Hinzu kamen brüchige Nägel und ein unangenehmer Körpergeruch, den nicht einmal ich selbst ertragen konnte. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass der Moment nicht der richtige sei, um über so etwas nachzudenken, und dass ich mir momentan keinen romantischen Kontakt vorstellen könne.

«Stell dir vor, wir knutschen rum und er fasst mir in die Haare. Was für einen Schock er erleben würde», sagte ich ihm.

Da sah ich plötzlich ein Lächeln in seinem Gesicht, das erste, seit ich ihn kannte. Mit leicht zitternder Kopfbewegung begann er zu sprechen:

«Ich weiss gar nicht, was du hast. Deine innere Stärke macht dich zu einer wunderschönen Frau. Ich sehe da sehr viel Weiblichkeit vor mir.»

Ich fühlte mich geschmeichelt und lächelte zurück. Dann war da wieder dieser Blick, so intensiv in seinen dunklen Augen, so dunkel wie sein Inneres. Lukas hatte seit Jahren keine Beziehung mehr gehabt. Seine Ex-Freundin hatte ihm das Herz gebrochen, und seitdem kam er nicht mehr aus seinem Loch heraus. Wir hatten oft spannende Gespräche. Ich liebte diesen Erfahrungsaustausch, sei es über schräge Beziehungen, die uns etwas gelehrt hatten und bei denen wir vor Trauer weinten, oder auch über unsere Kindheit. Die Gespräche mit ihm waren immer interessant, auch wenn sein Charakter ganz anders war als meiner.

Doch es gab auch Geheimnisse bei ihm. Dunkle Geheimnisse. Und ich wollte sie unbedingt herausfinden. Das war nicht einfach, denn Lukas war introvertiert und sprach oft sehr zurückhaltend. Ich liess ihm natürlich die Zeit sich mir gegenüber zu öffnen.

Die Wochen während meiner letzten Infusionen verliefen spannend. Ich hatte noch ein paar Aufgaben zu erledigen, bevor es in den Urlaub ging. Mein Fliessboden brauchte neue Fugen. Leider konnte ich nicht lange gebeugt am Boden arbeiten, weil mein Kreislauf völlig durcheinander war. Mir drehte es ständig den Kopf, sobald ich aufstand. Ich hörte es sogar, ein dumpfes, pochendes Geräusch, das mal kam und dann wieder verschwand. Manchmal schwach, manchmal so stark, als würde mein Kopf gleich explodieren. Auch die Sonne war unerträglich. Keine zehn Minuten, und ich musste mich bereits wieder ins Haus zurückziehen.

Also, was konnte ich nun tun? Mein Körper war geschwächt, doch psychisch war ich bereit. Ich widmete mich wieder einmal meinen Freunden, wollte für sie da sein. Stefania war die neue Kandidatin. Sie hatte mich kürzlich angerufen und mir ihr Problem geschildert. Eine verheiratete Frau mit zwei kleinen Kindern. Als ich sie damals zusammen mit meiner Mutter kennenlernte, lebte sie mit ihrer Familie noch in Luzern. Ein junges Paar mit versautem Humor. Sie war blond, hübsch und nahm kein Blatt vor den Mund. Er war etwas pummelig und anfangs zurückhaltend, taute aber schnell auf und wurde ein echter Witzbold. Die Kinder waren sehr aufgeweckt, angeblich gab es in der Schule Probleme. Der Lehrer schlug vor, sie mit Amphetaminen ruhigzustellen. Für die Familie war das unvorstellbar. Sie wollten ihre Kinder niemals künstlich dämpfen.

Ich hatte die Familie nur einmal in meinem Leben gesehen, und doch rief sie mich an. Sie brauchte offenbar wirklich Hilfe. Wegen der schulischen Situation waren sie nach Deutschland ausgewandert. Anfangs lief alles gut: beide hatten einen tollen Job, die Kinder fühlten sich wohl, und schulisch gab es keine Schwierigkeiten mehr. Dann kurze Zeit später kam Corona, und alles änderte sich. Sie verlor ihre Arbeit. Der Stress führte zu heftigen Streitereien mit ihrem Mann, bis sie schliesslich einen kleinen Herzinfarkt erlitt und nun im Spital lag.

Ich war überrascht, sie rief mich genau in dem Moment an. Ihr wurde klar, dass sich etwas ändern musste. Ich fragte sie, ob es ihr besser gehe und was sie sich für die Zukunft vorstelle. Sie meinte, sie wolle gerne zurück in die Schweiz, aber in einem anderen Kanton, eine ländlichere Gegend. Irgendwohin, wo sie mit ihrer Familie ein normales Leben führen könne.

Ich erklärte ihr, dass sie einen Wohnsitz brauche, um eine Arbeit zu finden, und bot ihr an, vorerst bei mir unterzukommen. Was anderes konnte ich ihr nicht anbieten. Natürlich war es in meiner kleinen Zweizimmerwohnung nicht möglich, die ganze Familie aufzunehmen.

«Ist das wirklich dein Ernst? Du würdest mir helfen?» Ich sagte ihr, dass es natürlich keine Dauerlösung sei, aber da ich ja sowieso meist bei meinem Bro in der WG hocke, hätte es mich nicht gestört. Ich erklärte ihr, dass ich sie zwar nicht finanziell unterstützen könne, weil ich selbst zu kämpfen hatte, aber Unterkunft könne ich ihr bieten. Ich erzählte ihr von meiner Krankheit. Da begann sie zu weinen. Sie konnte kaum fassen, wie ich am Telefon so ruhig und gelassen wirkte. Ich sagte ihr nur, dass alles eine Frage der Sichtweise sei, sie solle sich keine Sorgen machen.

Wir planten also ihre Anreise. Kurz darauf stellte sich heraus, dass auch ihr Mann mitkommen würde. Die Kinder blieben vorerst bei der Grossmutter, bis sich die beiden eingerichtet hatten. Ehrlich gesagt war ich nicht besonders begeistert, dass auch er kam, aber was sollte ich tun? Ich hatte meine Hilfe angeboten und wollte sie nicht zurückziehen. Und was sind schon ein, zwei Monate? Vielleicht konnte ich dieser Familie wirklich helfen.

Diese tiefe Dankbarkeit, die sie mir entgegenbrachten, war mehr wert als alles, was mich daran störte. Also liess ich sie in meine Wohnung einziehen, gab ihnen den Schlüssel, und zog selbst den Weg wieder in die WG.

Je öfter ich dorthin ging, desto grösser wurde meine Vorfreude, diese tollen Menschen um mich zu haben. Lukas und ich waren tagsüber meist alleine, denn die anderen beiden arbeiteten. Wir tranken oft unseren ersten Kaffee gemeinsam, und vor dem Schlafengehen unseren späten Tee. Wir redeten sehr viel miteinander und entwickelten eine enge Freundschaft.

An einem Abend, als alle bereits schliefen und wir unter uns waren, kamen wir auf das Thema dunkle Fantasien zu sprechen. Lukas wollte wissen, was für Gedanken ich dazu hatte und ob ich solche Erfahrungen bereits gemacht hätte. Ich erzählte ihm von einem Mann, der eine Beziehung mit mir beginnen wollte, es aber scheiterte. Ich versuchte ihm zu erklären, welche Reize ich in bestimmten Schmerzen sah, etwas, das ich mit einem Partner erleben wollte.

Ich sagte, dass es wie ein Spiel sein sollte. Eine Art Beziehung zwischen Meister und Sklavin.

«Oder der Herr und seine Stute», warf Lukas lachend ein.

«Die Geschichte war ja noch nicht zu Ende, lass mich bitte weitererzählen. Die Regeln in diesem Spiel wurden ihm damals klar kommuniziert.»

Doch Lukas unterbrach mich erneut: «Welche Regeln denn genau?»

«Sei nicht so neugierig, hör dir doch erst meine Geschichte bis zum Schluss an.»

Er provozierte zwischendurch, aber ich liess mich nicht aus dem Konzept bringen.

«Na schön. Hat er sich nicht an die Regeln gehalten? Ist das der Grund, weshalb du ihn in den Wind geschossen hast? Oder warum bist du nicht mehr mit ihm zusammen?»

Ich antwortete etwas selbstbewusster, dass das nicht der einzige Grund gewesen sei, und dass er mich einfach die Geschichte zu Ende erzählen lassen solle. Diesmal schwieg er und hörte weiter zu.

«Er wollte mich herausfordern und meine Grenzen testen, bis ich das Codewort sage.»

«Ja, aber das willst du doch, oder nicht?» Ich lachte und schrie ihn spielerisch an: «Aber nicht unter diesen Umständen!»

Sein Blick wurde ernst. Ich glaube, er war etwas überrascht, dass ich auch laut werden konnte.

Ich erzählte weiter: Der Mann begann, meine Brust zu kneifen, so lange und so fest, bis ich ihn mit dem Codewort anschrie: «Tiger!»

«Aaah, dein Codewort also, wie dein schönes Tattoo an der Leiste.»

Er zeigte auf die Stelle an meinem Körper, wo sich mein einziges Tattoo befand: ein chinesisches Tierkreiszeichen, der Tiger. Mein Lieblingstier. Das Symbol für Grösse, Freiheit und Kraft. Im Buddhismus steht der Tiger auch für Willenskraft, Mut und persönliche Stärke, ein wahrer Botschafter der Grossen.

Bevor ich zu Bett ging, zu Babosa ins Zimmer, sagte ich Lukas noch, dass ich etwas in ihm sehe, das mich reizt. Ich zwinkerte ihm zu und verschwand.

Meine Augen öffneten sich und ich befand mich in einem unbekannten Raum. Es war dunkel und kalt, und ich lag in meinem Nachthemd auf einem grossen Bett, das mitten im Zimmer stand. Daneben sah ich ein Fenster, das geschlossen war und von dunkelroten Vorhängen bedeckt wurde. Das Tageslicht schimmerte nur schwach rötlich durch den Stoff und tauchte den Raum in ein gedämpftes Licht.

Es war still. Seelenruhig. Ich schaute mich weiter um. Neben dem Bett stand eine kleine Kommode, ähnlich einem Nachttisch, antik und braun. Daneben stand eine grössere Kommode mit einem grossen Spiegel. Ich blickte hinein und stellte fest, dass ich noch geschminkt war. Meine Frisur war hochgesteckt. Schnell wurde mir klar, was passiert war.

Am Abend zuvor war ich mit meiner Freundin Ari im Club unterwegs gewesen. Es war genau unsere Musik, Latino gemischt mit RnB, aufgelegt von einem richtig guten DJ. Wir feierten, hatten Spass. Ich trank keinen Alkohol, da ich fahren musste. Generell war ich nie die grosse Trinkerin.

Ich begann, den Abend in Gedanken zurückzuspulen. Ich wusste immer noch nicht, wie ich in diesen Raum gekommen war.

An jenem Abend hatte ich ein spezielles Gespräch mit einem Mann, der sich einfach zu uns an den Tisch setzte. Er war dunkelhaarig und kurz geschnitten, hatte einen gepflegten Bart, war gross und trainiert, einer, der sofort auffiel. Er sah wirklich gut aus, mit einem charmanten Lächeln.

Dann sprach er mich mit einem flirtenden Blick an. Ich verstand nicht, was er von mir wollte. Er hätte jede haben können, also kam sofort das Gefühl von Misstrauen auf, das ich nicht tolerieren konnte. Ich zeigte ihm klar, dass ich kein Interesse hatte.

Er beugte sich näher zu mir, weil die Musik sehr laut war, und sagte mir etwas ins Ohr. Dabei roch ich seinen edlen Duft, einer der feinsten, die ich je wahrgenommen hatte. Er hatte Stil. Schwarze Hose, helles Hemd, seine Figur kam perfekt zur Geltung. Vor allem sein Apfelpo war kaum zu übersehen.

Je länger ich ihn anschaute, desto weniger glaubte ich, dass er wirklich etwas von mir wollte. Trotzdem winkte ich ihm freundlich und bestimmt ab. Doch er liess nicht locker. Er wollte mit mir tanzen. Ich schaute meine Freundin fragend an. Sie zog an ihrem Strohhalm, zwinkerte mir zu, ich solle es doch einfach geniessen. Und irgendwie hatte sie recht. Es ging um mich und mein Wohlbefinden. Weshalb sollte ich mir ein Gewissen machen?

Also sah ich zu ihm rüber, nickte, trank mein Glas Icetea leer, und wir gingen auf die Tanzfläche.

Wie er aussah, so konnte er auch tanzen. Er übernahm die Führung und begann, dominant zu werden. Er zog mich näher an sich heran, was ich sofort abwehrte und mich lösen wollte. Doch ich konnte nicht. Er hielt meine Hand so fest, dass es mir weh tat. Ich sah ihm tief in die Augen, mit der Bitte, mich loszulassen. Er nickte und lockerte seinen Griff.

Bevor ich ging, versuchte er mir noch etwas ins Ohr zu sagen, aber ich verstand es nicht. Plötzlich wurde mir schwindlig. Alles begann sich zu drehen. Meine Wahrnehmung vernebelte sich. Kurz bevor ich zu Boden fiel, spürte ich noch seine starken Arme, die mich auffingen. Dann verlor ich das Bewusstsein.

Ich erschrak, als mir klar wurde, dass mir jemand etwas ins Glas geworfen hatte. Ich wollte sofort aus dem Bett aufstehen, doch eine Kette, die an meinem Handgelenk befestigt war, hinderte mich daran. Ich wurde nervös und versuchte, die Kette zu lösen, aber sie war zu fest verschlossen. Langsam verlor ich die Kontrolle und geriet in Panik. Es war offensichtlich: Jemand hatte mich entführt und verfolgte ein Ziel mit mir.

Ich sah ein Glas Wasser auf der kleinen Kommode, das ich mit Mühe erreichen konnte, gerade so reichte die Fessel bis dorthin. Ich schaffte es und trank einen grossen Schluck, denn ich hatte einen riesigen Durst. Dann öffnete sich die Tür, und mein Atem stockte. Es war der Mann, mit dem ich getanzt hatte.

«Konntest du dich erholen?», fragte er ruhig. Bevor ich etwas sagen konnte, redete er weiter: «Also, ich muss sagen, dein Schnarchen habe ich bis zur Nachbarschaft gehört», und er lachte. Dieser Satz machte mich so wütend, dass ich ihm das Glas Wasser ins Gesicht warf.

«Was fällt dir ein? Binde mich sofort los!», schrie ich ihn an. Er wischte sich das Wasser mit einem Tuch aus dem Gesicht und stellte sich ruhig und gelassen wieder gerade vor mich hin.

«Ich werde dich kurz aufklären. Dieses schläfrige Mittel ist nicht gefährlich. Dein Körper wird es rasch ausscheiden. Es sei denn, man mischt es mit Alkohol, dann kann es böse enden. Aber du warst nüchtern, nicht wahr?» Ich antwortete ihm nicht. «Du musst mir nicht antworten. Wenn du tot umfällst, weiss sowieso niemand, wo du bist oder mit wem du warst.»

Ich holte tief Luft und fragte leise nach Ari. «Deine Freundin? Die habe ich sicher nach Hause gebracht. Sie war ziemlich überzeugt von mir, dass ich dich wie ein wahrer Gentleman heimbringen würde.» Er lächelte stolz und fuhr fort: «Ich fuhr tatsächlich bis zu dir nach Hause, aber nur, um dein Nachthemd zu holen.»

Ich schaute auf das Nachthemd, das ich trug, hielt es mit einer Hand fest und stellte mir vor, wie er mich wohl umgezogen hatte. «Hast du …»

«Nein, habe ich nicht. Ich will, dass du es in vollen Zügen geniesst. Was bringt mir ein lebloser Körper? Du sollst mit vollem Bewusstsein spüren, wie ich in dich eindringe.»

Ich sah in seinen Augen, wie sein Blick tiefer wurde und wie sich Hitze darin aufbaute. Er begann, sich über der Hose zu berühren. Ein leises Stöhnen entwich ihm, und er schloss für einen Moment die Augen. Ich sah, wie sich in seiner Hose eine Wölbung bildete. Je mehr er es genoss, sich an seinem Glied zu reiben, desto grösser wurde meine Angst.

Er öffnete die Augen wieder, atmete tief durch und kam aufs Bett zu. Ich flüchtete auf die andere Seite. Er lächelte. «Dir ist aber schon bewusst, dass du nirgendwohin kannst, oder?»

«Binde mich bitte los», versuchte ich ihn erneut zu überzeugen, während ich vergeblich versuchte, aus der Kette zu entkommen.

«Nein. Ich will jetzt meinen Spass, und du wirst ihn mir geben!», sagte er und packte mich. Meine Angst war durch mein schnelles Atmen spürbar. Ich war wie gelähmt. Nur das Zittern in mir konnte ich noch wahrnehmen. Er streichelte meinen Kopf und versuchte, mich zu beruhigen.

«Wenn du fügig bist, dann tu ich dir auch nichts. Verstanden?» Eine Träne rann über meine Wange. Ich sagte nichts. Wehren konnte ich mich nicht, der Mann war stark. Also liess ich es geschehen, zögerlich, Schritt für Schritt.

Er legte mich sanft aufs Bett, nahm meinen zweiten Arm und fesselte auch diesen. Dann ging er zur kleinen Kommode, öffnete die Schublade und holte ein schwarzes Band hervor. Er zog es mir über den Mund. «Wir wollen ja nicht, dass die Nachbarn etwas mitbekommen.»

Ich versuchte vor Angst zu schreien, aber das Tuch dämpfte alles. Ich konnte nichts tun ausser mit den Beinen zu treten. Seine Hände glitten über meinen Körper und näherten sich meinen Beinen. Er versuchte, sie auseinanderzudrücken, doch ich presste sie mit aller Kraft zusammen. Er schaute mich überrascht an und versuchte es erneut, wieder drückte ich sie fest zusammen.

Sein Lächeln versprach nichts Gutes. Ich sah, wie er erneut in die Kommode griff. Diesmal nahm er zwei Gegenstände heraus: einen Gürtel und ein Messer. Er klappte das Messer auf und richtete es auf mich. Dann kam er ganz nah an meinen Hals und flüsterte mir etwas zu.

«Du kleines, dreckiges Miststück. Du hast wohl nicht verstanden, dass du zu gehorchen hast, was?»

Er zog das Messer und zerschnitt mir das Nachthemd, bis mein nackter Körper entblösst war. Ich lag regungslos da, vor Angst wie erstarrt. Danach legte er das Messer beiseite und fuhr mit seinen Händen über meinen Körper. «Du bist so wunderschön. Gehorche mir.»

Er griff zum Gürtel und schlug mir mehrmals auf die Oberschenkel. «Los, mach sie auf!» Der Schmerz liess mich zusammenzucken. Immer wieder. Bis ich keine Kraft mehr hatte, mich zu wehren, und meine Beine auseinanderlegte. «So ist brav», sagte er, während seine Hände sich dazwischen bewegten. Er berührte mich auf eine Weise, die mich innerlich erstarren liess. Wieder schlug er auf mich ein, diesmal an einer Stelle, die noch empfindlicher war. Ich hielt still. Nicht, weil ich wollte, weil ich musste. Dann neigte er sich tiefer zu mir. Ich schloss die Augen. Ich wollte nichts mehr sehen. Doch er riss mich an den Haaren hoch. «Sieh ihn dir an!» Ich öffnete unter Tränen die Augen. Was ich sah, war furchteinflössend und beschämend zugleich. «Riech ihn», befahl er. Ich tat es. Ich hatte keine Wahl. Dann entfernte er mir das Tuch vom Mund und zwang mich, ihn oral zu befriedigen. Er hielt meinen Kopf fest und liess nicht los. Ich würgte, rang nach Luft, hustete, konnte kaum atmen. Doch er drängte weiter. Ich sah zu ihm hoch, mit tränenden Augen, stammelte: «Bitte nicht …»

«Entspann dich. Lass es zu. Du wirst es geniessen.» Er drängte weiter, zwang mich, bis er sich in mir entlud. Ich schluckte, weil ich keine andere Wahl hatte. Als er sich zurückzog, reinigte er mir den Mund mit seinen Fingern. Dann stand er auf und verliess den Raum.

Ich blieb auf dem Bett liegen. Stumm. Taub. Verbraucht. Mein Mund schmerzte, mein Körper war starr. Ich war unter Schock. Ich konnte nicht einmal um Hilfe rufen. Kurz darauf kam er wieder herein, setzte sich zu mir und hob meinen Kopf an. «Trink», sagte er und zog mir den Schleier vom Mund. Obwohl er mich zuvor wie ein Objekt behandelt hatte, reichte er mir fürsorglich Wasser. Ich trank, dankbar für diesen kurzen Moment der Erleichterung nach dem, was mir gerade angetan worden war.

«Ich werde jetzt ein wenig arbeiten. Du wirst tun, was ich dir sage. Verstanden?» Ich nickte sofort. Ich konnte es nicht noch einmal durchstehen. Er löste die Ketten, die meine Haut bereits wund gerieben hatten, nahm meine Hand und führte mich aus dem Zimmer.

Nebenan war ein kleines Badezimmer. Er wies mich an, hineinzugehen. Ich trat mit zitterndem, nacktem Körper ein und schloss die Tür. Im Spiegel sah ich mich an, und brach in Tränen aus. Ich erkannte mich nicht wieder. Ich sah furchtbar aus, innerlich und äusserlich verletzt. Ich schaute mich um, suchte nach etwas, nach einem Ausweg, nach einem Fenster, nach einem Gegenstand, der mir helfen konnte.

Dann brach ich erneut in Tränen aus. Ich hatte ohnehin keine Chance, dachte ich. Also setzte ich mich auf die WC-Schüssel und tat, was er verlangt hatte. Mein Körper funktionierte wie ferngesteuert, mein Inneres war leer. Beim Händewaschen entdeckte ich neben dem Lavabo ein neues, unbenutztes Make-up-Set. Ich war irritiert, sollte ich mich etwa zurechtmachen?

Ich wusste nicht, was er erwartete. Vielleicht war es seine Art, mich gefügig zu halten. Ich schminkte mich ein wenig, so gut es eben ging, bis ich mein eigenes Spiegelbild wieder halbwegs ertragen konnte. Als ich die Tür öffnete, sah ich zunächst niemanden. Ein kurzer Impuls regte sich in mir, zu rennen, einfach zu ver schwinden. Doch seine Stimme hallte plötzlich durch den Flur: «Komm her.»

Ich erstarrte sofort. Wie unter Hypnose bewegte ich mich in Richtung Salon. Dort stand er, nackt, und zündete eine Kerze an. Die Szene hatte etwas Unwirkliches. Eine Massageliege war vorbereitet. Er sah mich an und wies mich an, mich auf den Bauch zu legen. Ich gehorchte.

Er nahm meine Hände unter der Liege und fesselte sie. «Tut mir leid, meine Liebe, aber ich vertraue dir noch nicht. Das musst du dir zuerst verdienen», sagte er. «Aber du hast das Schminkzeug benutzt. Gut gemacht. Du bist ein kluges Mädchen. Bleib das. Zur Belohnung, heute nur meine Hände.»

Er begann, Öl über meinen Rücken zu schmieren und massierte mich. Zuerst war es mechanisch, fast routiniert. Dann wurde es intensiver. Ich wollte mich nicht einlassen, doch mein Körper reagierte. Seine Berührungen lösten Spannungen, mein Geist aber war weit entfernt. Ich schwebte zwischen Abwehr und Hingabe, zwischen Ekel und Erleichterung. Ich schämte mich, weil ich spürte, wie sich ein Gefühl von Entspannung einstellte, obwohl ich das nicht wollte. Oder vielleicht gerade deshalb. Ich war in einem Zustand, der nicht mehr mir gehörte.

Seine Hände wanderten tiefer. Ich zuckte zusammen. Doch er fuhr fort, tastete sich mit Geduld an meinen Unterkörper heran, als wollte er meine Reaktion formen, kontrollieren. Ich war wie betäubt. Irgendwann reagierte ich nicht mehr. Nicht, weil ich wollte. Sondern weil ich nicht mehr konnte.

Später trat er an mein Gesicht heran, versuchte erneut, mich in eine intime Handlung zu zwingen. Ich drehte den Kopf weg, wehrte mich verbal, schrie. Doch das stoppte ihn nicht. Er fesselte meine Hände hinter dem Rücken, zog mich grob an die Kante der Liege. Ich wusste, was kam. Ich spürte es.

Und ich wusste: Wenn ich mich wehre, wird es schlimmer. Was dann geschah, brachte mich zum Schweigen. Mein Körper funktionierte noch, aber mein Bewusstsein hatte sich längst zurückgezogen. Ich ertrug es, ohne wirklich da zu sein.

«Entspann dich», sagte er und drang in mein Mund ein.

Ich konnte nicht mehr unterscheiden, was in mir geschah, nur, dass ich mich weiter entfernte von mir selbst. Seine Berührungen wurden eindringlicher, und ich wusste, was er wollte. Ich hatte keine Kontrolle mehr, nicht über ihn, nicht über die Situation, nicht einmal mehr über meine eigene Reaktion. Ich war da, aber nicht mehr ganz.

Er sprach weiter, leise, eindringlich. «Mmmh, genau so. Sinnlich und zart.» Ich hörte die Worte, verstand sie, aber sie gingen vorbei an dem Teil in mir, der längst woanders war. Mein Körper gehorchte. Nicht aus Zustimmung, sondern aus Erschöpfung.

Ich spürte, wie ich in eine Art Trance glitt. Weg von allem. Weg von mir.

Ich wollte, dass es aufhörte. Aber ich konnte nicht mehr darum bitten. Als er sich endlich von mir löste, war mein Körper erschöpft, mein Magen rebellierte, und ich rang nach Atem. Ich hatte mich fast übergeben. Doch es war keine Zeit zur Erholung. Er wechselte die Position, trat an mich heran, diesmal von hinten.

Ich spürte, wie seine Hände meine Hüften umfassten, wie er mich erneut in eine Stellung zwang, die ihm diente. Ohne ein Wort spreizte er meine Beine, seine Berührungen entschieden, ohne Zögern.

Dann drang er in mich ein. Sein Stöhnen füllte den Raum, seine Stimme klang, als genösse er nicht nur meinen Körper, sondern auch die Kontrolle über ihn. Ich hörte ihn Dinge sagen, die mich innerlich erstarren liessen. Worte, die meine Empfindungen uminterpretierten, die so taten, als hätte mein Körper sich nach ihm gesehnt.

Als wäre meine Hilflosigkeit ein Einverständnis. Ich war sprachlos. Nicht, weil ich nichts fühlte, sondern weil ich zu viel fühlte. Scham, Ekel, Entsetzen. Und gleichzeitig dieses dumpfe, leere Schweigen in mir, das mich trug wie durch Nebel.

Er vergnügte sich weiter. Für ihn war es ein Spiel. Für mich war es ein Überleben.

Ich zählte nicht mehr mit, wie oft oder wie lange. Ich wartete nur darauf, dass es irgendwann vorbei sein würde.

«Da ich ja vorher schon gekommen bin, wird es jetzt wohl etwas länger dauern», sagte er, als hätte er damit einen Anspruch auf meinen Körper legitimiert.

Er machte weiter. Pausenlos. Ohne Rücksicht auf meinen Zustand, auf meine Schmerzen, auf mein Schweigen.

Wenn er bemerkte, dass mein Körper nicht mehr reagierte wie gewünscht, wenn die Trockenheit ihn störte, reichte er mir ein Glas Wasser, damit er weitermachen konnte. Ich trank mechanisch. Nicht aus Durst, sondern weil ich musste.

Er wechselte die Körperöffnungen, als wären sie austauschbar. Und jedes Mal, wenn er es für nötig hielt, zwang er mich, ihn zu säubern, mit meinem Mund. Dann machte er weiter. Immer weiter.

Ich wusste irgendwann nicht mehr, wo er war, wo ich war, was überhaupt noch mir gehörte.

Die Zeit verlor jede Bedeutung. Stunden vergingen. Oder Minuten. Ich wusste es nicht. Ich fühlte mich leer, ausgelaugt, vollkommen fassungslos. Mein Körper hatte aufgehört, Grenzen zu setzen. Ich gab es auf zu unterscheiden zwischen Schmerz und Ekel, zwischen Tränen und anderen Flüssigkeiten.

Danach war nichts mehr, wie es war. Ich blieb regungslos auf der Liege liegen. Mein Körper war erschöpft, mein Inneres aufgewühlt. Mein Mund schmerzte, aber kein Ton kam über meine Lippen. Ich war verstummt. Nicht, weil ich nichts zu sagen gehabt hätte, sondern weil mein Wille sich irgendwo tief in mir verkrochen hatte.

Irgendwann beendete er seinen Akt. Wieder. Diesmal anders, endgültiger. Sein Atem war tief, entspannt. Als hätte er gerade ein Workout beendet oder einen langen Spaziergang genossen.

Als er sich von mir zurückzog, fühlte ich, wie alles aus mir floss. Er schmierte es achtlos über meinen Körper.

«Hättest du auf mich gehört, wäre es anders gelaufen», sagte er, beinahe vorwurfsvoll. «Du hast dein Wort gebrochen. Ich mag es nicht, verarscht zu werden. Geh duschen. Du stinkst.»

Ich hörte seine Worte, aber sie erreichten mich nicht mehr. Ich dachte nur noch: Du widerlicher Mistkerl.

Dann löste er die Fesseln. Ich stand auf, oder versuchte es. Mein Körper wollte nicht mehr. Kaum hatte ich mich erhoben, wurde mir schwindlig. Schwarz wurde alles. Ich sackte zusammen.

Als ich die Augen wieder öffnete, war alles still.

Wilder Westen

Schweissgebadet und völlig durchnässt realisierte ich kurz meinen Traum und fasste mir zugleich in die Unterhose. Ich hatte nichts anderes erwartet, stand langsam auf und ging ins Bad. Mit der Erinnerung an den Urlaub, der heute begann, kehrte langsam der Alltag zurück. Ich legte mich jedoch wieder ins Bett, denn ich fühlte mich völlig ausgelaugt.

Als ich nach einer Weile die Augen wieder öffnete, sah ich, wie mein Bro neben mir schon wach war und mich süss anschaute. «Was ist? Bist du eifersüchtig auf meine Glatze?» Ich stand mit ihm auf, wir umarmten uns. «Du hast im Schlaf geredet», sagte Babosa, als wir uns anzogen. Ich war nach diesem intensiven Traum nicht überrascht. Ich fragte ihn, ob er verstanden hatte, was ich vor mich hin gebrabbelt hatte. Er meinte nur, bei meinem wirren Gerede nichts kapiert zu haben.

Wir gingen dann zur Kaffeemaschine in der Küche. Ich legte Lofi- Musik auf, um gemütlich wach zu werden, und wir gingen auf die Terrasse an die frische Luft und genossen unseren Morgen. Da wir am Vortag bereits alles ins Auto geladen hatten, mussten wir uns nur noch anziehen und den Brunch in den Rucksack packen. Wir waren uns einig: Wir würden Richtung Spanien fahren. Einfach losfahren und irgendwo im Süden am Meer sein. Ich brauchte das Meer, meine Nägel eiterten, und das roch für mich bestialisch. Auch meiner Haut würde ein Sandpeeling nicht schaden.

Ich freute mich riesig, und schon fuhren wir los. Unterwegs unterhielten wir uns pausenlos, redeten und lachten über jeden Mist. Wir hatten sogar Witzestunden. Es war eine gute Fahrt, der Verkehr war gering. Nach sechs Stunden erreichten wir Montpellier, eine Stadt mit einer gotischen Kirche. Wir parkierten, und bereits beim Aussteigen sah ich das Blau der waagrechten Weite. Endlich, das Meer!

Wir waren so fasziniert, dass wir sogar vergassen, den Parkschein zu bezahlen, und prompt eine Busse kassierten. Wir liefen sofort zum Strand, zogen die Schuhe aus und tauchten unsere Füsse ins Wasser. Diese Abkühlung nach der langen Fahrt tat mir so gut. Kurz danach machten wir uns auf die Suche nach einem Hotel. Das erste hatte keine freien Zimmer, aber im zweiten hatten wir Glück. Vor dem Einchecken rechneten wir unser Budget durch und entschieden uns, eine Nacht zu bleiben.

Nachdem alles erledigt war, liefen wir wieder hinaus, am Strand entlang, bis wir ein Lokal entdeckten, in dem wir uns niederliessen. Beim Essen schauten wir auf die Globuskarte und beschlossen, noch weiter in den Süden zu reisen, bis nach Barcelona. Und so ging unser planloses Abenteuer weiter, ohne Reservierungen, ohne Stress. Einfach von Tag zu Tag leben. Es war unbeschreiblich schön.

Wir erlebten so viel, vom Hotel bis zum Zelt, vom Baden im Meer bis zu Massagen, von gutem Essen bis zu freundlichen Bekanntschaften. Alles war dabei. Vor allem aber war ich mit meinem Bro bestens gelaunt, und wir lachten jeden Tag. Seine Anwesenheit hatte meinen Urlaub zur Legende gemacht. Einmal bekam ich vor Lachen sogar Bauchschmerzen.

An einem wunderschönen Sonnenuntergang auf der Terrasse in Lloret de Mar sass ich gemütlich da, als Babosa herauskam. Er hatte sich mit irgendetwas bekleckert und wollte es mit dem Handtuch abwischen, das er nach dem Duschen um die Hüfte trug. Dabei machte er Bewegungen mit der Hand, als würde er sich gerade einen runterholen. Ich lachte, und er machte einfach weiter. Das ging eine halbe Stunde lang. Der Typ war durchgeknallt, aber ich liebte ihn. Er liess mich meine damalige Situation völlig vergessen.

Es war auch cool, dass wir beide eine Glatze hatten, sonst wäre ich wohl etwas neidisch gewesen. Das Meer war die beste Kur für meinen Körper. Die fast verlorenen Nägel stabilisierten sich, meinem Kreislauf ging es besser, und auch meine Augen eiterten nicht mehr. Es gab sogar einen Moment, in dem ich meine Perücke völlig vergass und sie beim Abtauchen verlor. Das war lustig, Babosa schrie absichtlich so laut, dass alle hingucken mussten, die am Strand lagen. Peinlicher konnte es nicht werden. Aber ja, wir lachten. Wie immer.

Die beste Entscheidung, die ich nach meiner Chemo getroffen hatte, war dieser Urlaub, obwohl mir die Ärztinnen und Ärzte davon abgera ten hatten. Sie sagten, die Sonne sei zu stark für mich, oder meine Haut so sensibel, dass schon eine kleine Wunde Schlimmes bewirken könnte. Aber meine Gefühle sagten etwas ganz anderes. Das Wichtigste überhaupt: Was du fühlst, so kommt es. Ich ignorierte also ihre Ratschläge, die mich an ein Gefängnis erinnerten. Sie zogen mich runter, und das wollte ich nicht.

Es gab ohnehin schon genug Einschränkungen in dem Moment, mit diesen Masken, die man in Spanien plötzlich einführte. Mitten im Sommer, wegen irgendwelcher Statistiken über positive Covid-Tests. Wir sahen, wie die Leute draussen Masken trugen und Abstand hielten. Wir wurden oft beschimpft und aufgefordert, sie ebenfalls zu tragen. Einer kam uns auf einem schmalen Spazierweg entgegen, und als er sah, dass wir keine Atemblocker trugen, blieb er plötzlich stehen und drehte uns den Rücken zu. Beim Vorbeigehen schien mir, als würde der Kerl etwas blau anlaufen, wahrscheinlich hielt er die Luft an.

Ja, wir erlebten diesen Wahnsinn, diese Ängste der Menschen in einem anderen Land, schon bevor sie zu uns in den Norden kam. Doch wir fanden eine Taktik, wie wir uns vor diesen Panikmachern schützen konnten: Wir hielten einfach eine Wasserflasche in der Hand. Sobald jemand kam, tranken wir, mit Maske ging das ja nicht, und es klappte wunderbar. «Ach, diese Welt», dachte ich. Freiheit und Freude trugen mich so weit, dass mir weder die Sonne noch ein Insektenstich etwas anhaben konnten. Und schon gar nicht solche wildfremden Menschen.

Am nächsten Tag fuhren wir mit der Bahn nach Barcelona. Unser Wunsch war es, die grosse Sagrada Familia zu sehen. Diese riesige Kathedrale von Gaudí war ein Spektakel. Es waren nur wenige Leute da, wir konnten uns sogar direkt vor dem monumentalen Bauwerk in ein Café setzen. Wir genossen die Aussicht und bestellten etwas Kleines zu essen. Der Kellner erzählte uns nach dem Bezahlen, dass dieser Weg hier normalerweise völlig überfüllt sei. Aus zwei Minuten würden sonst sechs, so stark sei das Gedränge. Sie kannten solche Leere nicht und fanden es erschreckend, wie sauber die Luft plötzlich sei.

«Dann hatten wir ja noch einmal Glück gehabt», sagte Babosa zu mir. «Du weisst ja, mit mir hast du immer Glück», antwortete ich und zwinkerte ihm zu. Unterwegs kaufte ich mir noch einen schönen, braunen Hut, der zu meinen Haaren passte. Dann fuhren wir mit der Bahn zurück zum Camp, das wir am Vortag irgendwo zwischen Lloret und Barcelona gebucht hatten.

Unterwegs fiel mir noch etwas auf. «Hey Bro, guck mal. Findest du nicht, dass da was falsch ist?» Wir schauten zurück, als wir den Bahnhof verliessen, und sahen eine maskierte Frau mit einem Pitbull an der Leine. «Du meinst wegen der Maske? Der Hund trägt ja keine.», «Jetzt weisst du, bei wem Vorsicht geboten ist», sagte ich zu ihm, und wir liefen lächelnd weiter. Nach dem Abendessen gingen wir zum Spielplatz und schaukelten wie kleine Kinder. Der Spass war immer da, kein Mensch auf der Welt konnte uns das nehmen.

Langsam neigte sich unser Urlaub dem Ende zu, und wir überlegten, wo wir noch einen Zwischenhalt einlegen wollten. Wir fuhren bis nach Roses und beschlossen, uns das lang geplante, gemeinsame Tattoo stechen zu lassen. Wir suchten also einen Tattoo-Shop, um uns diesen Wunsch zu erfüllen. Leider galten strenge Hygienemassnahmen wegen der Pandemie, und in der Stadt hatten nur zwei Studios geöffnet.

Wir gingen zu einem davon, und schon draussen vor dem Eingang sahen wir einen kräftigen, voll tätowierten Rocker, der dort als Kunde rauchte. Wir sprachen ihn freundlich an, und stellten bald fest, dass er aus dem gleichen Land kam wie wir. Jesus, ein spanischer Biker, war sehr nett und übersetzte unser Anliegen dem Tätowierer. Wir wollten uns eine kleine Erinnerung eingravieren lassen.

Bei mir blieb es jedoch nicht nur bei dem. Ich zeigte ihm meinen Tiger und dass die Stelle noch nicht fertig war. Er machte sich kurz Gedanken und begann zu stechen. Zum Schluss hatte ich an dieser Stelle einen ganzen Lebensbaum, von der Hüfte hoch bis fast zum Bauchnabel. Mein Körper war in dem Moment noch etwas eingeschränkt, meine Haut empfindlicher, und es war sehr schmerzhaft. Manchmal verkrampfte ich mich so sehr, dass er schmunzeln musste. Oder ich schwitzte so stark, dass meine Perücke beinahe verrutschte. Aber ich war glücklich danach, der Tiger wirkte lebendig. Es sah aus, als würde er aus dem Baum springen und dich angreifen.

So funktionierte Spontanität bei mir, einfach aus der Seele heraus. Wenn einer meiner Ärzte etwas davon mitbekommen hätte, hätten sie mir wohl den Hals umgedreht. Es war unser letzter Tag in Spanien. Wir fuhren entlang der wunderschönen Küste, der Costa Brava, und genossen den Anblick der Natur. Diese Strasse mit den Kurven über die Hügel, direkt neben dem Meer, ein Traum.

Zurück an der Grenze zu Südfrankreich sahen wir Passanten. «Die tragen keine Masken!», rief Babosa, und wir schrien aus dem Autofenster: «Bienvenue, Normalité!» Alle winkten und lachten. Wir konnten ihr Lachen sehen, wie schön sich das anfühlte. «Aber du weisst, es kommt auch bei uns an. Und wenn alle mitmachen, kann es ein Problem werden. Die Leute werden Hass entwickeln, und das wird unschön.» Ich nickte nur, als wäre mir das völlig egal. «Jeder muss für sich selbst entscheiden, was für ihn stimmt und was er mitmachen will. Was ich weiss: Ich werde grossen Abstand zu solchen Menschen halten.»

Ich spürte deutlich, dass die Spaltung der Gesellschaft bereits begonnen hatte. Ich wollte mich nur noch mit Menschen umgeben, die mir guttun, und denen auch ich guttue. Wer meinte, ich würde ihn krank machen, sollte seinen Weg gehen.

Wir fanden einen Campingplatz und buchten dort zwei Nächte. Diesmal stellten wir unser Zelt auf, beim letzten Aufenthalt hatten wir ein Bungalow. Nachdem alles eingerichtet war, gingen wir ins Restaurant und unterhielten uns wie immer. Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach das Thema an, das mich bei Babosa zurückhielt: sein bester Freund.

Ich gab zu, dass ich Interesse an Lukas hatte. Es überraschte mich nicht, dass Babosa nicht gerade begeistert war. Er schaute mir tief in die Augen und sagte: «Ich kenne dich zu gut, Jijo. Lukas ist nicht nur für eine heisse Nummer zu haben, verstanden? Der Typ ist schon lange Single. Er braucht eine ernste Beziehung. Willst du das wirklich?»

Ich sagte ihm, dass ich mir noch nicht sicher sei, aber seine dunklen Geheimnisse hätten für mich einen gewissen Reiz.

Plötzlich stand Babosa auf und lief weg. Ich dachte: Mein Gott, mein bester Freund, und ich kann mit ihm nicht einmal über dieses Thema reden. Wieso triggerte ihn das so?

Als ich mein Glas geleert hatte, stand ich auf, um ihn zu suchen. Doch da kam er mir schon entgegen und setzte sich wieder zu mir. Zuerst war es still, dann sprach er: «Also gut, ich habe vielleicht überreagiert. Du bist mein bester Freund, und er auch. Ich weiss, es wird schiefgehen, darum regt es mich so auf.» Er hielt sich den Kopf.

«Aber ich kann und will dir nichts verbieten. Wenn er das auch will, dann macht es halt.»

Ich fühlte mich erleichtert. Wir umarmten uns und beschlossen, den Rest der Heimreise zu geniessen.

Auf dem Rückweg brachte ich meinen Bro nach Hause. Ich begrüsste Lukas noch kurz, dann machte ich mich auf den Weg zu mir. Wir waren müde von der langen Fahrt, und ich war froh, gut angekommen zu sein.

Unterwegs dachte ich nochmals über meinen Traum nach, den ich in der Nacht vor der Abreise gehabt hatte. Jetzt, allein, konnte ich mich besser darauf einlassen. Er war so real gewesen, und es reizte mich sehr.

Wieso fand ich solche groben Aktionen so heiss? Würde ich jemals herausfinden, ob es sich in echt auch so anfühlt? Wie sollte ich überhaupt mit Männern darüber sprechen?

Denn normal waren diese Gedanken und Träume wohl kaum. Oder vielleicht doch? War ich damit allein, oder ging es anderen auch so? Ich nahm mir vor, mit Lukas intensiver darüber zu reden.

Es gibt keinen schöneren Moment, als nach einer langen Reise in seinem eigenen Bett zu schlafen, vor allem nach Nächten im Zelt. Ich war völlig durch, als ich ankam, grüsste nur kurz Stefania und ihren Mann, die bei m ir wohnten, und legte mich gleich ins Bett.

Am nächsten Morgen nahm ich mir Zeit, mit ihr zu sprechen. Kurz davor war er zur Arbeit gegangen.

«Stell dir vor, Dejan hat einen Job gefunden. Und wir haben schon einen Besichtigungstermin für eine Wohnung.» Sie schien sehr erfreut.

«Dann kann ich meine Kinder endlich abholen, und du hast von uns auch wieder deine Ruhe.»

Ich sagte ihr, dass sie mich überhaupt nicht störe, aber sie sah das anders.

«Du bist ja nie da, schläfst irgendwo bei Freunden, und das nur wegen uns!»

Ich unterbrach sie und erklärte, dass ich das auch ohne ihre Anwesenheit so machen würde. Sie wollte sich erkenntlich zeigen und versprach, mir die Miete zurückzuzahlen, sobald sie eigenes Geld verdiene.

Kurz darauf begann sie zu fegen und bereitete das Frühstück vor. Ihr Charakter war herzlich und fürsorglich, aber auch hektisch, unruhig und nervös. Sie legte grossen Wert auf ihr Äusseres und suchte oft Bestätigung von aussen. In Gesprächen war sie manchmal aufbrausend, fast so, als wolle sie Aufmerksamkeit erzwingen. So lernte ich sie nach und nach besser kennen.

Ich packte tagsüber in Ruhe meinen Koffer aus und machte die Wäsche. Als ihr Mann später heimkam und wir uns alle zum Essen an den Tisch setzten, spürte ich plötzlich eine gedrückte Stimmung.

Er wirkte angeschlagen, schaufelte das Essen schnell und genervt in sich hinein.

«Du hast zu wenig gesalzen, Madame», sagte er und ass weiter. Sie stand auf, um das Salz zu holen, und er schimpfte weiter: «Es wäre schlau gewesen, vorher mal zu probieren, bevor du es servierst. Findest du nicht, Jijo?»

Er schaute mich direkt an. Ich erwiderte, dass ich generell wenig Salz esse und das Essen für mich gut geschmeckt habe.

Die Stimmung war unangenehm. Nach dem Essen sagte ich ihnen, ich hätte mich noch mit jemandem verabredet und würde heute nicht mehr nach Hause kommen. Ich packte schnell meine Sachen, machte mich bereit, und ging.

Auf dem Weg zu meinen Kumpels dachte ich nochmals über die Szene bei mir zuhause nach. Wenn der mein Typ gewesen wäre, ich hätte ihn sofort rausgeworfen. So würde keiner mit mir reden. Es war das erste Mal in den zehn Jahren, seit ich in dieser Wohnung lebte, dass ich mich zuhause unwohl fühlte. Aber zum Glück hatte ich ja meinen besten Freund, der immer für mich da war, mit einer offenen Tür.

Als ich ankam, waren alle schon in der Stube, jeder an seinem eigenen Fernseher. Lukas stand vom grössten auf, begrüsste mich herzlich und ich strahlte ihn an.

«Gibt›s einen Kaffee?», fragte ich, und schon kam Babosa um die Ecke. «Ich glaube, ich habe meine Latschen im Camping vergessen. Die waren nicht im Koffer», sagte er und umarmte mich.

Ich grinste. «Na dann ist der Campingplatz beim nächsten Mal sicher wieder frei, dank dem Duft, den du dort markiert hast.»

Lukas lachte laut. «Du mit deiner Hochglanzpolitur auf dem Kopf, halt mal schön deine Klappe!»

Und plötzlich zog er mir frech die Perücke vom Kopf. Ich versuchte, sie ihm wieder aus der Hand zu nehmen, aber mit seinen langen Armen schaffte ich es einfach nicht.

Dann gab mir Lukas den Tipp, Babosa sei kitzlig. Ich sah ihn an, und als ich ihn kitzeln wollte, rannte er los. Natürlich jagte ich ihn durchs ganze Haus, bis ich meine Haare wieder hatte.

Später kam Lukas mit zwei Tassen Kaffee zu mir, und wir gingen in die Küche. Babosa wollte noch eine Challenge in seinem Spiel fertigspielen, also waren wir allein.

Nach ein paar Gesprächsthemen rückte ich mit meinem Traum heraus. Lukas hörte aufmerksam zu.

«Erstmals danke für deine Offenheit. Ich wusste gar nicht, dass du auf so groben Sex stehst», meinte er.

Ich unterbrach ihn sofort. «Das sind nur Träume, die bedeuten nichts.» «Aha, also willst du das gar nicht?», fragte er. Ich konnte nicht antworten. Ich wusste selbst nicht genau, was ich wollte.

Er merkte meine Unsicherheit, nahm einen Schluck Kaffee und sagte: «Du hast dich noch nicht richtig ausgelebt. Was ich dir mitgeben kann: Rede offen mit deinem zukünftigen Partner. BDSM ist eine Verbindung aus Vertrauen und Freude. Es gibt viele, die das auch mögen, so wie du und ich.»

Als er das sagte, sahen wir uns tief in die Augen. «Ich rede ja gerade offen», sagte ich leise und kam ihm näher. Ich wollte ihn eigentlich küssen, da platzte Babosa herein.

«Diese Spielerin Spacegirl geht mir auf den Sack!», rief er und stürmte wütend an uns vorbei in Richtung Küche. Zum Glück merkte er nichts, was uns beide erleichterte.

«Wo sind denn meine Spaghetti? Lüku, heute bist du dran mit Kochen!»

Lukas zuckte zusammen. «Stimmt, das habe ich völlig vergessen», sagte er und stand auf.

«Ich helfe dir», sagte ich und lächelte. Beim Kochen zickten wir uns spielerisch an. Lukas nahm die Holzkelle und schlug mir leicht auf den Arm.

«He! Was soll das?», rief ich und wollte zurückschlagen, traute mich aber nicht.

«Fester?», fragte er mit einem Lächeln. Ich blieb stehen, schaute ihn scheu an, und nickte.

Er grinste. «Vielleicht später», flüsterte er mir ins Ohr. Beim Essen redeten wir über unseren Urlaub, über die Corona-Massnahmen und dass wir fast allein bei der berühmten Kathedrale waren. Wir konnten sogar direkt vor Ort essen. Stolz zeigten wir unsere Tattoos.

Auch wenn die Gespräche spannend waren, sahen Lukas und ich uns ständig an.

Ich fragte mich, ob es eine gute Idee wäre, etwas mit ihm anzufangen. Ich wollte niemandem das Herz brechen, nur um meine Bedürfnisse zu stillen. Und ich war mir nicht sicher, ob er dieselbe Leidenschaft überhaupt hatte. Doch seine Blicke, sie waren sehr dominant.

Ich fragte mich auch, wie unser bester Kumpel wohl reagieren würde. Würde er es akzeptieren? Alles war so unklar, dass ich versuchte, beim Essen den Blick auf den zu richten, der gerade sprach.

Nach dem Essen verabschiedete ich mich bei den Jungs, verzog mich schnell ins Zimmer und wollte nur noch ins Bett. Am nächsten Tag stand nämlich meine Operation an. Ich putzte die Zähne, zog mein Nachthemd an und legte mich hin.

Doch gedanklich war ich immer noch nicht im Reinen, was Lukas betraf. Da kam eine SMS: «Um Mitternacht, wenn alle schlafen, kommst du in mein Zimmer.»

Ich war sofort zittrig. Der Reiz war da, eindeutig. Nun war mir klar, dass auch er es ausprobieren wollte. Was auch immer geschehen würde, ich musste es herausfinden.

Ich stellte den Wecker, mit Vorfreude und einem Kribbeln im Bauch. Kurz danach kam Babosa ins Bett. Nach ein paar Streicheleinheiten schliefen wir ein.

Ein paar Stunden später klingelte der Wecker. Ich stellte ihn sofort ab, damit Babosa nicht wach wurde. Leise schlich ich mich aus dem Zimmer. Die Tür gegenüber war bereits halb offen. Leise Musik war zu hören, und dämmriges Licht drang heraus.

Ich klopfte leicht und trat ein. Lukas lag schon auf dem Bett. Neben ihm ein schwarzer Ledergürtel und ein Tuch. Er stand auf und führte mich zum Bett. Er setzte mich davor und begann, mich auszuziehen.

Ich zögerte. «Lukas, ich weiss nicht, ob das eine gute Idee ist. Weisst du, Babosa …»

Doch er legte mir sanft die Hand auf den Mund. «Wenn es dir so wichtig wäre, dann hättest du mir abgesagt. Aber du bist jetzt hier.»

Ich senkte den Blick, mit einem Gewissen, das ich selbst nicht einordnen konnte.

Es war mir wichtig, zu wichtig. Wenn ich abgesagt hätte, wäre vielleicht Babosa glücklich. Aber nicht ich. Nicht wir.

Da stand ich nun, wie bestellt und nicht abgeholt. Gedanken wirr, unfähig, mich auf den Moment zu fokussieren. So unsicher wie jetzt war ich noch nie. Denn das war nicht einfach irgendein Sex. Das war mehr. Viel mehr. Etwas, das tief in meinem Inneren verankert war und nun geweckt werden konnte.

Ich fasste meinen Mut, und liess es auf mich zukommen. Ich war bereit. Und er begann.

Das Tuch, das auf dem Bett lag, wurde von ihm aufgehoben. Vorsichtig zog er es mir über die Augen. Seine Berührungen waren zärtlich und langsam. Ich hatte so meine Zweifel, ob er überhaupt wusste, wohin ich gehen wollte. Dann hörte ich, wie er seinen Gürtel in die Hand nahm. Ich dachte: Jetzt schlägt er mich. Aber er benutzte ihn, um meine Arme am Oberkörper zu fesseln. Also sass ich da, bewegte mich nicht und sah nichts.

Dann hörte ich nur sein Lachen. Er kam näher, packte meinen Hals und küsste mich. Kurz darauf stand er vor mir, zog seine Hose aus, und dann wurde es still. Ich wusste, dass er nackt vor mir stand und dass ich nun wohl etwas mit seinem Glied machen sollte. Dann sprach er zu mir, während er erneut meinen Hals packte: «Wenn du jetzt Haare hättest, dann hätte es dir weh getan.» Und ruckartig stiess er seinen Penis hinein.

Ich war gerade in Gedanken. «Meine Haare?» Der Satz triggerte mich total, ich kam aus dem Konzept, machte aber weiter. Er vergnügte sich mit ein paar Stössen, indem er meinen Kopf führte. Es fühlte sich schmierig und hart an. Ein paar Mal verschluckte ich mich. Dann zog er ihn heraus, wartete kurz und stiess wieder hinein. «Konzentration. Lass dich fallen, du Luder.» Und er machte weiter. Durch diese Worte fiel mir alles etwas leichter, denn meine Gedanken waren nicht ganz bei der Sache. Ich merkte, wie sehr er es genoss, und so begann ich mich gut zu fühlen.

Nach ein paar Minuten sagte er, dass er jetzt komme, und zog ihn heraus. Ich spürte, wie mein Oberkörper vollgespritzt wurde, doch er gab keinen Ton von sich. Nur ein intensiveres Atmen. Kurz danach holte er eine Flasche Wasser und gab mir etwas davon in den Mund. Nach ein paar Schlucken stellte er die Flasche zur Seite und sagte: «Spreize nun deine Beine.» Ich tat es. Zuerst dachte ich, das war es schon. Dann hörte ich ein vibrierendes Geräusch, und schon lag das Gerät zwischen meinen Beinen.

Ich wurde holprig, aber es gefiel mir sehr. Seine nicht zu harte Art, mich zu berühren, gab mir Vertrauen, und ich entspannte mich. Dann begann er, meine Brustwarzen zu kneifen. Anhand meiner Geräusche merkte er, dass mir dieser Schmerz gefiel. Er zwickte fester zu, sodass ich lauter wurde. «Du kleines Drecksstück, du stehst wohl wirklich auf Schmerzen.» Er drückte meinen Oberkörper aufs Bett, und ich wurde heisser.

Sein Mund wanderte zu meiner Vulva, er sog gierig meinen Saft auf. Er machte weiter, dann nahm er wieder das Gerät und stimulierte mich damit. So ging es eine Weile, bis ich reagieren musste. Ich fühlte mich, als wäre meine Flüssigkeit verdunstet wie Wasser in der Wüste. Mein Körper trocknete aus. Ich bat ihn um Wasser. Er band mich los und nahm mir die Augenbinde ab. Ich schaute zu ihm hoch. Er lächelte, während er die Schleife zusammenrollte. «Und? Wie war’s?»

Ich nahm die Wasserflasche, trank sie halb leer und antwortete nicht. Er sah mich fragend an, wollte etwas sagen, doch ich unterbrach ihn, packte seinen Kopf und küsste ihn leidenschaftlich. Dann sprang ich auf ihn, streichelte seinen behaarten Oberkörper. «Dir ist schon klar, dass durch meine Therapie lange meine Libido verschwunden war und ich keine Lust auf irgendwas hatte? Jetzt hast du sie wieder zum Leben erweckt. Ich danke dir.» Ich rieb mich leicht an seinem Penis, der bereits wieder richtig hart war.

Da meine Eizellen abgestorben waren und das Risiko einer Schwangerschaft gleich null war, gab ich ihm zu verstehen, dass er sich diesbezüglich keine Sorgen machen müsse. Er schmunzelte, hielt mich jedoch zurück, als ich ihn einführen wollte. «Was ist?», «Du hast eine Stärke in dir, und du zeigst keinerlei Ängste. Ich bewundere dich wirklich.» Und er begann zu weinen.

Ich verstand im ersten Moment nichts. Natürlich wurde alles abgebrochen, denn seine Emotionen deuteten nicht darauf hin, dass er weitermachen wollte. Nach so langer Zeit hätte er sich doch eigentlich über Sex freuen sollen, besonders bei so einem speziellem. Doch es löste etwas anderes in ihm aus. «Du solltest wieder in dein Zimmer gehen und schlafen. Und ich weiss, dass Babosa bald pinkeln muss.»

Schon hörten wir die Tür, wir mussten leise lachen. Ich schlich mich ins andere Zimmer, während er aufs Klo ging. Ich legte mich hin und schlief kurz darauf ein.

Geweckt wurde ich durch ein starkes Gerüttel. Es fühlte sich an wie ein Erdbeben, und ich stand plötzlich auf dem Bett. Zuerst dachte ich: «Das kann nur Babosa sein!» und wollte ihn gleich anschreien, doch er war nicht da. Ich war ganz allein im Raum.

Etwas verwirrt machte ich mich auf den Weg zur Küche, um mir einen Kaffee zu machen. Da sah ich Pascal bereits am Tisch sitzen und frühstücken. Ich fragte ihn, ob er das Erdbeben auch gespürt habe. Doch seine müde, abwesende Art liess mich erkennen, dass er meine Frage nicht einmal richtig verstanden hatte. Also liess ich ihn in Ruhe.

Als der Geruch des heissen Kaffees meine Nase erreichte, atmete ich tief durch und dachte an heute. An diesen Tag, an dem ich den Chip endlich loswerden und alles Unnötige, das in meinem Körper war, verschwinden würde. Ich freute mich und setzte mich zu Pascal.

Kurz darauf kam Babosa aus dem Badezimmer, frisch geduscht und rasiert. Er roch wie immer nach Frühling. «Hey Edelweiss, du Schweizer Blume», sagte ich zu ihm. «Guten Morgen.» Aber auch er schien die Erschütterung nicht gespürt zu haben, zumindest sagte er nichts dazu. Nur, dass er keine Lust habe, zur Arbeit zu gehen. «Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub. Weisst du, was das für mich bedeutet? Ich drehe jetzt schon völlig durch!» Ich lachte und fragte ihn, ob wir tauschen wollen. Da wurde er plötzlich still.

«Bro. Es gibt etwas, das ich noch mit dir besprechen muss.» Er machte eine schnelle Handbewegung und sagte, ich solle ihm eine Sprachnachricht schicken. «Ich muss jetzt los.» Und schon war er weg.

Kurz danach war auch für mich die Zeit gekommen. Ich packte meine Sachen in den Rucksack und machte mich auf den Weg zum Spital. Unterwegs machte ich mir viele Gedanken, wie ich es ihm sagen sollte. Ich wollte keinen Streit mit ihm, er war mir zu wichtig. Deshalb wollte ich das Thema offen ansprechen, um reinen Tisch zu machen. Diese starke Unsicherheit und Angst in mir, die mich gerade beherrschte, musste raus, sie erdrückte mich innerlich.

Also nahm ich mein Handy und schickte ihm eine Sprachnachricht. Ich erklärte es so, dass er es verstehen konnte: dass Lukas und ich dieselben sexuellen Reize verspürten. Wir hatten ja schon einmal darüber gesprochen. Natürlich erzählte ich ihm nichts von der Nacht, das würde ihn nur kränken. Ich sagte ihm auch, dass sich an unserer Freundschaft nichts ändern werde. Auch dann nicht, wenn zwischen Lukas und mir etwas passieren sollte. Ich sagte ihm noch, dass ich ihn sehr mag und mich nach der Operation wieder bei ihm melden würde. Es fühlte sich gut an, diese Last losgeworden zu sein.

Entspannt und in guter Stimmung kam ich bei der Anästhesiologie an. Am Empfang begrüsste mich die Assistentin: «Frau Ilic, Sie können gleich mitkommen», und führte mich direkt in einen Raum. Dort wartete die Narkoseärztin bereits auf mich und begrüsste mich freundlich. Sie erklärte mir die allgemeinen Schutzmassnahmen und bereitete mich psychologisch auf die Narkose vor. Ich mochte sie sofort, sie hatte asiatische Gesichtszüge und eine sehr aufgestellte Art.

Beim Umziehen sah sie mein frisch gestochenes Tattoo. «Oh wow, das sieht toll aus. Aber das hat sicher wehgetan!» Sie staunte. «In dem Sinn frage ich Sie gar nicht erst, ob Sie Angst vor Nadeln haben.» Wir lachten beide.

Ich legte mich hin, und sie begann mit dem Einstich. Nach zwei Versuchen fragte sie: «Haben Sie gestern genug Flüssigkeit getrunken, Frau Ilic?» Ich merkte, dass sie Mühe hatte, eine Vene zu finden. Bei ihrer Frage kam mir nur ein Gedanke: Ich hatte wohl eher mehr Flüssigkeit verloren als gewonnen. Ich antwortete etwas unklar: «Ich glaube schon.»

Dann winkte ich sie näher zu mir und flüsterte: «Unten wurde die Prinzessin aus ihrem langen Schlaf geweckt.» Sie lachte so laut, dass sich alle um uns herum erschraken. «Es freut mich natürlich sehr für Sie. Aber daran liegt’s nicht, wie ich gerade sehe, liegt es an Ihren Venen. Wurden Sie oft gestochen, Frau Ilic?» Ich erzählte ihr von den sechzehn Infusionen, und ihr wurde sofort alles klar. «Okay, dann versuche ich es mit dem Ultraschallgerät.»

Es dauerte nicht lange, und sie fand eine passende Vene. Als sie mir schliesslich die Sauerstoffmaske aufs Gesicht setzte, sagte sie: «Denken Sie nun an den Vorabend. Träumen Sie etwas Schönes.» Dann schlief ich ein.

Der Schlaf war tief und fest. Ich träumte nichts, oder erinnerte mich zumindest nicht daran.

Im Aufwachraum kam wenig später meine Ärztin, Frau Thierstein, zu mir. «Wie geht es Ihnen, Frau Ilic? Die Operation ist gut verlaufen, ich habe den Chip entfernt. Ich schicke ihn jetzt ans Tumorboard, und in drei bis vier Tagen wissen wir, ob noch Reste vorhanden sind.» Ich nahm ihre Hand und drückte sie fest. Ich bedankte mich herzlich bei ihr, war sehr emotional. «Ach, Corona hin oder her», sagte sie und umarmte mich herzlich, bevor sie wieder ging.

Kurz darauf wurde ich mit dem Bett ins Zimmer gebracht. Vor der Tür stand meine Mutter, weinend und erleichtert. Ich gab ihr das Gefühl, dass es mir gut gehe, damit sie nicht weiter weinen musste. «Du weisst ja, wie Mütter mit Kindern so sind», sagte sie. Als sie das sagte, schaute ich weg. Ich wollte ihren Worten nicht widersprechen, also schwieg ich. Kurz darauf kam auch schon die Krankenschwester. Sie bereitete mir mehrere Medikamente vor, gegen Schmerzen, gegen Übelkeit und noch andere. Nachdem sie meinen Blutdruck gemessen hatte und mich aufforderte, die Tabletten einzunehmen, ging sie wieder. Ich warf sie sofort weg.

Meine Mutter war entsetzt. «Was machst du da? Du brauchst diese Tabletten. Die helfen dir!»

Eigentlich wollte ich ihr sagen, dass ich wusste und gesehen hatte, wie die Tabletten geholfen hatten, vor allem bei ihr. Aber ich blieb ruhig und antwortete nur: «Bitte, lass wie bisher mein Leben mein Leben sein. Wieso soll ich sie nehmen, wenn ich nichts spüre? Weder Schmerzen noch Übelkeit. Solange ich sie nicht brauche, ist es besser ohne. Wann kommt eigentlich das Essen?»

Wenig später öffnete sich die Tür. Die Schwester kam mit einem Tablett auf mich zu und servierte mir das Abendessen. «Frau Ilic, da Sie vegane Kost gewünscht haben, hoffe ich, dass Sie mit unserem Angebot zufrieden sind.» Ich bekam eine Gemüsebrühe, eine Schüssel gemischten Salat mit italienischem Dressing, Spaghetti an Tomatensauce und zum Dessert Brot mit Konfitüre sowie ein pflanzliches Joghurt. «Verzeihen Sie, aber das heutige Dessert ist Tiramisu, das ist leider nicht vegan.»

Ich bedankte mich herzlich und erklärte ihr, dass mich ein Tiramisu nicht umbringen würde. Ich gab ihr zu verstehen, dass ich mit dem Essen zufrieden war.

Währenddessen verabschiedete sich meine Mutter langsam und ging zur Tür. «Morgen komme ich wieder.»

«Morgen bin ich vielleicht gar nicht mehr da», sagte ich und wandte mich an die Schwester. Sie meinte, ich würde etwa vier Tage bleiben.

«Was? Vier Tage?» Damit war ich überhaupt nicht einverstanden und bat sie, das nochmals

abzuklären. «Mir geht es doch schon gut. Ich dachte, ich könnte nach dem Abendessen gehen.»

«Ja, nein, das können Sie vergessen! Sie können ja nicht einmal laufen.»

Als sie das sagte, stellte ich das Tablett beiseite und stand auf. Meine Mutter rief noch aus der Ferne, und die Schwester begann hysterisch zu reagieren: «Hören Sie auf, Frau Ilic! Es besteht Sturzgefahr durch Schwindel!»

Ich lachte und bewegte mich in ihre Richtung. Ausserdem musste ich ohnehin gerade aufs Klo, also machte ich einen Bogen um sie und ging direkt zur Toilette.

«Gut, ich kläre es ab und werde Sie informieren. Aber heute Nacht bleiben Sie definitiv hier!»

Ich bedankte mich mit einem Lächeln. Meine Mutter verliess das Zimmer, etwas genervt. Ich setzte mich wieder hin und genoss mein Abendessen in vollen Zügen.

Aufleuchten

Nach dem leckeren Essen kam ich zur Ruhe und schrieb weiter in mein Tagebuch. Ich notierte, wie die Operation verlaufen war, wie meine Werte aussahen und dass ich keine Medikamente benötigte. Und zum guten Schluss schrieb ich: «Wenn die Ergebnisse vom Tumorboard in drei Tagen kommen, dann bin ich endlich frei.» Ich atmete tief durch und fühlte diese Gewissheit in mir. Danach schaute ich aus dem Fenster zum Park und sah eine Frau spazieren. Ich fand das eine tolle Idee und machte mich gleich bereit. Mit meinem mobilen Infusionswagen lief ich gemütlich hinaus.

Unterwegs rief mich plötzlich Babosa an. «Ich habe es mir angehört und bin empört!» Er begann mich anzuschreien. «Was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du dich an meinen besten Freund heranmachst? Du weisst genau, dass er sehr verletzlich und emotional ist! Hast ihn ja selber kennengelernt. Nimm doch alle Typen, die du willst, aber dass du gleich ihn willst, meinen besten Freund, das kann und will ich nicht akzeptieren. Und jetzt brauche ich meine Ruhe. Tschüss!» Er legte abrupt auf.

Ich stand da, mitten im Gang. Patienten und Ärzte liefen an mir vorbei, doch für mich blieb die Zeit still stehen. Ich konnte nicht fassen, was da gerade passiert war. Er fragte mich nicht einmal, wie die Operation verlaufen war oder ob es mir gut ging. Gar nichts, einfach bam, mitten ins Herz.

Langsam ging ich weiter Richtung Ausgang und versuchte, die Situation zu realisieren. Ich begann zu weinen. Mit Tränen in den Augen lief ich hinaus in den Park, und das Weinen hörte nicht mehr auf. Es tat so weh. Mein bester Freund, der mich drei Monate lang Schritt für Schritt begleitet hatte, liess mich an einem meiner wichtigsten Tage einfach im Stich. Ich verstand nicht, warum. Warum verletzte ihn das so sehr?

Über eine Stunde lief ich im Kreis den Parkweg entlang, bis ich mich auf eine Bank setzte. Ich musste eine Pause einlegen. Weinend fragte ich mich, warum mir das so weh tat. Ich sollte doch glücklich sein, denn die Operation war gut verlaufen. Die Leidtragende war doch eigentlich ich, nicht er. Trotz all meiner Erkenntnisse hatte ich enorme Schuldgefühle und konnte sie nicht abschütteln.

Noch immer auf der Bank sitzend, wurde ich von einer Frau angesprochen. «Verzeihung, ich will nicht aufdringlich sein, aber ich sehe, Sie tragen auch einen Turban. Haben Sie …?» Ich wischte mir die Tränen ab, schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln und nickte. «Was? Ihre Ärztin heisst Dr. Thierstein? Bei ihr war ich auch!» Es stellte sich heraus, dass die Dame direkt vor mir operiert worden war. Sie begann, von ihrem Befund zu erzählen, und so lernten wir uns kennen.

Rita war um die fünfzig, schlank und beruflich Anwältin. Sie wirkte taff und selbstsicher. Die Italienerin schien glücklich zu sein, es hinter sich gebracht zu haben. Wir redeten viel und kamen einander näher. Den traurigen Moment von vorhin konnte ich beiseitelegen und begann, eine neue Freundschaft aufzubauen. Sie hörte sich meine positive Sichtweise an und bewunderte mich. «Ja, man würde dir das gar nicht ansehen, wenn du die Kopfbedeckung nicht hättest.» Ich fand ihre Haltung als Juristin interessant. Sie erzählte, dass sie alle Dokumente immer zweimal durchliest, bevor sie überhaupt etwas unterschreibt und der Prozess weitergehen darf. Durch unsere Gespräche stellte sich heraus, dass sie in einer Stadt ganz in meiner Nähe lebt. Ein Gefühl des Vertrauens entstand, und wir freundeten uns an.

Während des Spitalaufenthalts sahen wir uns sehr oft. Sie lud mich auch in ihr Zimmer ein, das sie für sich alleine hatte. «Als Privatversicherte habe ich meine Ruhe. Möchtest du einen Kaffee?» Sie ging zur Nespresso-Maschine, die in ihrem Zimmer stand. Es war etwas grösser als meines, aber auch mit nur einem Bett ausgestattet. Auf der Menükarte hatte sie zusätzlich noch ein Zusatzgericht zur Auswahl.

Das Thema Corona kam zur Sprache, und sie begann darüber zu reden. «Sobald sie die Impfdosen haben, werde ich mich sofort impfen lassen.» Ich sagte nicht viel dazu, nur dass mich die ganze Sache kaum gekümmert hatte. «Aber hast du nicht gesehen, was in Italien geschah? Diese Todesrate ist nicht geleugnet. Ich habe dort Verwandte, die mich informieren.» Allmählich hatte ich das Gefühl, dass sie mich von ihrer Sichtweise überzeugen wollte, denn sie redete ununterbrochen. «In Bergamo waren die Krematorien überlastet. So etwas hatten sie noch nie erlebt!»

Nach einer Weile unterbrach ich sie, weil es mir zu viel wurde. «Ich habe nie behauptet, dass Covid-19 nicht existiert. Das mit Bergamo weiss ich auch, und es tut mir schrecklich leid für die Opfer und deren Familien, auch für die Ärzte und Pflegenden, die an ihre Grenzen geraten sind. Immer trifft es die Unschuldigen, das weiss ich. Aber darf ich nun auch offen mit dir darüber reden, nachdem du mir deine Meinung gesagt hast?» Sie nickte und hörte mir aufmerksam zu.

«Wenn du mal auf den Globus schaust, nordwestlich von Bergamo liegen die Alpen. Die Luftqualität dort ist oft beeinträchtigt, weil die Berge sie blockieren. Man kann sogar auf Satellitenbildern sehen, wie gross der Unterschied vor und während des Lockdowns war, das sind Welten.» Ich merkte, dass sie mich etwas schräg anschaute, aber ruhig blieb. «Zudem leben dort viele Pensionierte und ältere Leute. Meiner Meinung nach ist der Fall klar: Dieser Virus wurde von uns Menschen gemacht und selbst verbreitet.» Sie bemerkte, dass ich etwas wütend wurde. «Es ist das grösste, hinterlistigste Verbrechen, das ich in meinem Leben erlebt habe. Was vorher war, wollen wir gar nicht erst aufrollen.»

Aber in der heutigen Zeit finde ich so etwas unter jeder Würde.» Ich wollte ihr noch mehr erzählen, zum Beispiel, dass ich Privatvideos aus meiner Provinz in Serbien gesehen hatte, mit Menschen, denen ich auch persönlich begegnet war. In diesen Aufnahmen waren Helikopter zu sehen, die während des Flugs eine gelbe Substanz verstreuten. Kurz darauf vermeldeten die Nachrichten eine sehr hohe Erkrankungsrate in der betroffenen Umgebung.

Was mich am meisten wütend gemacht hatte, war die Situation eines Vaters von drei Kindern. Ich kannte die Familie gut. Er wurde krank und starb wenig später. Das ganze Dorf trauerte. Ich merkte, dass ihr meine Haltung zu all dem gar nicht passte. So blieb ich ruhig. Sie sagte nur: «Junge Dame, ich sehe, dieses Thema werden wir zusammen nicht oft an den Tisch bringen.» Wir beendeten das Gespräch und verabschiedeten uns langsam. Ich war froh, denn ich wollte ins Bett und schlafen. Ich war müde, müde von der Operati on, müde wegen der Belastung mit meinem besten Freund, müde von Corona, von allem.

Ein paar Tage später wurde ich endlich aus dem Spital entlassen. Vorher musste ich aber noch zu meiner Ärztin in die Praxis. Sie schaute sich die Wunde an, dann setzten wir uns, um die Ergebnisse des Tumorboards zu besprechen. Zuerst erwähnte sie, dass die Wunde gut verheile, dann begann sie: «Frau Ilic, wie fühlen Sie sich? Wir haben heute Morgen die Werte aus dem Labor erhalten. Es ist tatsächlich so …»

Ich wurde allmählich nervös und wollte es endlich wissen. «Es wurde nichts gefunden. Alles ist sauber. Ich freue mich sehr für Sie. Sie haben es geschafft, Frau Ilic.»

Gedankenlos sprang ich auf und umarmte sie, völlig verweint. Endlich, der Tag war gekommen, an dem ich meinen zweiten Geburtstag feiern konnte. Ich weinte vor Freude, denn ich war unendlich dankbar. So wie ich es mir als Ziel gesetzt und gefühlt hatte, so war es gekommen. Es war der schönste Tag meines Lebens, und endlich konnte ich meine Tränen des Glücks fliessen lassen, nicht für andere, sondern für mich. Mein Ziel war erreicht, und ich wandte mich bereits dem nächsten zu. Ich durfte mich nun nicht selbst aus den Augen verlieren, denn ich wollte meine Gefühle weiterentwickeln. Nur die, die mich jetzt erreichten. Mit diesem inneren Lichtschimmer richtete ich meinen Fokus auf das Nächste.

Auf dem Heimweg dachte ich die gesamte Therapie vom ersten bis zum letzten Tag nochmals durch und konnte das Tempo kaum fassen. Es war wie ein Fluss, viel zu schnell. Mir war klar: Durch mein klares Ziel hatte ich die Zeit komplett ausgeblendet. Ich dachte nicht an morgen oder an den nächsten Donnerstag. Ich vertiefte mich in Augenblicke, die mir eine wundervolle Epoche geschenkt hatten. Im Nu war ich frei von diesen Spritzen. Doch ihre Wirkung spürte ich natürlich. Mein ganzer Körper war belastet und fühlte sich müde an, also musste ich ihn wieder aufbauen.

Der erste Schritt war die Ernährung. Ich überlegte mir täglich ein Menü zusammenzustellen, das aus drei Bestandteilen bestand: Vitaminen, Kohlenhydraten und Proteinen. Ausserdem wollte ich meinen Körper auch physisch wieder stärken. Mit diesen Gedanken kam ich zu Hause an.

Dort erwarteten mich bereits Stefania und Dejan und freuten sich sehr über meine Ankunft. «Endlich hast du es geschafft.» Während sie mich umarmte, begann sie gleich zu weinen. In meiner Wohnung roch es nach etwas Gebackenem. Sie hatte Pita mit Spinat gemacht und zugleich ein Kotelett für ihren Mann gebraten.

Am Tisch ass Dejan wie immer schnell auf und machte sich gleich auf zur Spätschicht. Zwischen den beiden hatte ich noch nie einen Kuss gesehen. Als wir alleine waren, begann sie offen mit mir zu sprechen. Vorher, als ihr Mann noch da war, wirkte sie nämlich eingeschüchtert. Stefania erzählte mir, dass die Tage mit ihm nicht gerade schön gewesen seien. «Obwohl wir uns sehr freuen, in einer Woche einziehen zu können und endlich unsere Kinder zu holen …» Sie sprach nicht weiter und blickte zu Boden. Es war offensichtlich, dass zwischen den beiden etwas nicht stimmte.

«Ich habe nichts gemacht! Nur einen Kommentar habe ich geschrieben, an einen alten Kollegen, der etwas von einer Party gepostet hatte.» Ich sah die Angst in ihrem Gesicht. «Er hatte das Gefühl, dass ich …» Ihre Tränen liefen. Ich umarmte sie und fragte, ob er sie geschlagen habe. Sie meinte, er wolle heute noch mit ihr darüber sprechen. Natürlich war ich besorgt, ich hatte schon früher bei mir zu Hause seine arrogante und gemeine Art ihr gegenüber bemerkt.

Also fragte ich sie erneut: «Schlägt er dich?», «Damals im Spital, als ich dir erzählte, es sei ein Infarkt gewesen … Ich habe gelogen. Es tut mir leid.» Ich sah sie fragend an und hörte aufmerksam zu. «Er war es, der mich so weit gebracht hat, dass ich in den Notfall musste.» Nach diesem Satz verspürte ich eine enorme Wut. So etwas konnte ich nicht ausstehen, schon gar nicht, wenn jemand auf Schwächere losgeht. «Ich hoffe sehr, dass die Kinder nicht betroffen sind …» Ich sah sie wütend an. «Nein, die Kinder hat er nie berührt, aber ich bin manchmal selber schuld, einfach eine dumme Frau.» Ich versuchte sie davon zu überzeugen, dass das nicht stimmte. Doch ich konnte sie nicht umstimmen.

Ich erklärte ihr, dass krankhafte Eifersucht oft ein Spiegel sei, jemand mit einem solchen Kontrollwahn wolle meist etwas bei sich selbst verbergen. Sie begann zu verstehen, was ich ihr damit sagen wollte. Plötzlich schaute sie mich mit grossen Augen an und strahlte, als hätte sie eine geniale Idee. «Glaubst du, er würde versuchen, dich anzumachen?» Ich machte noch grössere Augen und wollte ihr gerade sagen, dass sie so etwas gar nicht denken dürfe. Doch sie redete einfach weiter. «Bitte, Jijo, nur du kannst mir helfen! So hätte ich Beweise und könnte ihn endlich loswerden.»

Ihre verzweifelten Augen konnte ich kaum ertragen. Vor allem dachte ich an die Kinder, die diese Streitereien ständig miterleben mussten. Mein Herz liess es nicht zu, sie alle im Stich zu lassen. Also sagte ich ihr nach langem Überlegen: «Heute Abend bin ich bei einem Kumpel eingeladen. Wenn du willst, schreibe ich deinem Mann, falls dir das weiterhilft.» Sie war mir unglaublich dankbar, und wir beendeten das Thema.

Am Abend machte ich mich im Badezimmer bereit. Währenddessen kam Dejan von der Arbeit zurück, und schon begannen irgendwelche Diskussionen. Ich hörte aus dem Bad, dass es wieder um den Kommentar ging. Plötzlich wurde er lauter und fauchte mit verbissenen Lippen: «Pass nur auf, du Dreckstück!» Stefania rannte weinend und hysterisch davon. Ich konnte diesen Kerl nicht ausstehen, aber ich traute mich nicht, etwas zu sagen. Also packte ich schnell meine Sachen und fuhr los.

Unterwegs rief sie mich per Videoanruf an, sodass ich anhalten musste. Sie zeigte mir, wo die Dokumente der Kinder und deren Pässe waren. Ich fragte sie verärgert, was das soll, denn ich sah, wie sie ihre Jacke anzog und loslief. «Ich gehe zum Bahnhof.» Ich flehte sie an, nichts Dummes zu tun, doch ich ahnte nichts Gutes. Also kehrte ich mit dem Auto um und sagte ihr, dass ich sie abholen würde. Zuerst zögerte sie, doch ich liess nicht locker. Als ich ankam, stieg sie ein. «Ich will nicht mehr leben. Vorhin wollte ich mich auf die Gleise stellen.» Ich schimpfte mit ihr, weil sie mit so etwas nichts erreichen würde. «Sag mal, denkst du eigentlich an deine Kinder? Du würdest sie mit diesem Psychopathen allein lassen! Mach so etwas nie wieder!» Sie versprach mir, solche Gedanken nicht mehr zuzulassen.

Wir kamen bei meinem Kumpel an, der bereits mit seinem russischen Freund etwas getrunken hatte. Auch dieser war mit seinem Dialekt ein sympathischer Kerl. Ich schrieb gleich die erste Nachricht an Dejan, während Stefania sich mit den beiden unterhielt. Er reagierte sofort mit flirtenden Worten, die ich ihr natürlich gleich zeig te. «Wie kann er nur. Und vor allem, so schnell antwortet er dir. Das macht er bei mir nie! Komm, mach weiter. Schreib ihm, dass du ihn attraktiv findest.»

Ich lachte laut und unterbrach sie, indem ich erklärte, dass wir sehr vorsichtig sein müssten, damit er nichts merkt. «Manchmal könnte ich dich …» Ich fragte ihn also, ob er wisse, wo seine Frau sei, vielleicht habe sie sich ja etwas angetan. Doch er ging nicht darauf ein, sondern wollte mehr über mich erfahren und schrieb, dass er mich scharf finde.

So verlief der ganze Abend: Ich sprach über Treue, er über seine Begierden. Es bestätigte unsere Vermutung, dass er ohne Hemmungen bereit war, seiner Frau fremdzugehen.

Als würden diese Nachrichten nicht ausreichen, um Stefania zu überzeugen. Nein, denn am nächsten Morgen, als wir aufstanden, hatte sie wieder einen ihrer grossartigen Pläne. Für mich war das alles andere als erfreulich. Natürlich wurde ich wieder mit hineingezogen, ohne dass man mich überhaupt um Erlaubnis fragte. Ich trank meinen Kaffee mit ihr und schaute sie genervt an. Dann fragte ich sie, was es da eigentlich noch zu verstehen gebe. Dass ihr Mann sie betrügt, war doch offensichtlich.

Sie wimmelte mich ab. «Ich brauche einen klaren Beweis! Wenn ich ihn einmal auf frischer Tat erwische, wird er mich nie wieder anfassen. Das weiss ich ganz genau. Aber dafür brauche ich dich. Komm, bitte! Nur fünf Minuten, dann bin ich schon wieder da.»

Langsam wurde mir klar, was sie vorhatte, denn Dejan lag noch im Bett. Plötzlich stand sie auf und flüsterte mir zu: «Ich werde jetzt rausgehen und so tun, als würde ich schnell etwas einkaufen. Du gehst ins Schlafzimmer und setzt dich auf ihn. Dann komme ich zurück, weil ich angeblich etwas vergessen habe, und erwische euch.»

Ich dachte, ich höre nicht richtig. Ich packte sie am Hemd und sagte ihr mit gedämpfter Stimme: «Spinnst du? Das kommt nicht infrage! Komm zurück!» Doch sie wischte meine Einwände beiseite und war weg.

Mit der Kaffeetasse in der Hand begann ich zu zittern, allein mit ihm. Ich wusste ja durch die Nachrichten vom Vortag, was er von mir hielt. Ich fühlte mich überrumpelt, völlig unvorbereitet auf diese ab surde Situation. Dann hörte ich meinen Namen aus dem Schlafzimmer: «Jijo, komm.»

Jetzt zitterte nicht nur meine Tasse. Ich atmete tief durch und ging langsam ins Zimmer. Er sah mich an und zog die Decke zurück. «Komm zu mir.» Ich versuchte, etwas zu sagen, aber es fiel mir schwer. Er lag nackt vor mir. «Na los, sie kommt schon bald.» Er packte mich, und plötzlich sass ich auf ihm.

Der Moment fühlte sich taub an. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, mich nicht schockieren zu lassen, und tat so, als würde ich mich langsam entspannen. Er küsste mich und versuchte, weiterzugehen. Ich bemühte mich, Zeit zu schinden, um das Schlimmste zu verhindern. Innerlich hoffte ich, dass Stefania endlich zurückkam, um mich aus diesem Albtraum zu befreien.

Die Minuten zogen sich wie Stunden. Mein Körper war schweissgebadet vor Anspannung. Er fing an, weiter an mir herumzufummeln, führte dann meine Hand zu sich. «Fass ihn an», sagte er, während er zu stöhnen begann. Ich fühlte mich angewidert, aber war zu paralysiert, um die Situation zu beenden. Also tat ich, was er verlangte, bis Stefania endlich hereinkam.

«Pah, was für eine Überraschung! Hätte ich mir denken können!» Ich sprang sofort auf, rannte ins Badezimmer und stellte mich unter die Dusche. Ich wollte diesen Ekel abwaschen. «Gott sei Dank ist es vorbei», dachte ich.

Währenddessen hörte ich draussen Schreie. «Wie kannst du mir das antun, mich mit anderen Frauen zu betrügen?!», «Ja, sorry, du bist ja eine Schlaftablette im Bett. Da darfst du dich nicht wundern.» So ging es weiter: gegenseitige Vorwürfe. Ihre ganze Ehe schien nur noch daraus zu bestehen, dem anderen die Schuld zuzuschieben.

Dann klopfte Stefania hysterisch an meine Badezimmertür. «Mach auf! Oder traust du dich nicht, mir in die Augen zu sehen?» Ich öffnete schnell und schloss gleich wieder hinter ihr ab, nachdem sie hereingekommen war. Ich entschuldigte mich laut, damit Dejan es draussen hören konnte. Stefania kauerte sich lachend auf den Boden und hielt sich den Mund zu. Dann umarmte sie mich und flüsterte: «Du hast das toll gemacht.»

Ich schaute sie verwirrt an und begann wieder laut zu sprechen: «Ich weiss nicht, wie das passieren konnte. Ich wollte das wirklich nicht.» Sie zeigte mir mit einem Daumen nach oben, dass alles gut war, und ging wieder hinaus, um mit Dejan weiter zu diskutieren.

Ich machte mich so schnell wie möglich fertig, verliess meine Wohnung und fuhr los. Kaum war sie nicht mehr in Sicht, konnte ich meine aufgesetzte Miene ablegen. Ich dachte an Stefanias verstorbene Mutter, sah zum Himmel und sagte leise: «Ich habe nun alles getan, was ich konnte. Hoffentlich wird deine Tochter jetzt endlich glücklich.» Ich fühlte mich erleichtert und fuhr entspannt weiter.

Auf dem Weg zu den Jungs fiel mir ein, dass mein Bro ja noch sauer auf mich war. Aus Gewohnheit war ich einfach losgefahren, ohne überhaupt vorher zu fragen. «Wie dämlich von mir, dass ich durch den ganzen Stress völlig vergessen habe, das zuerst zu klären.» Aber es ging ja nicht nur um ihn, da war auch noch Lukas. «Er würde sich sicher freuen, mich zu sehen.» Also fuhr ich mit gutem Gewissen weiter.

Als ich ankam, war Babosa nicht zuhause, und Lukas begrüsste mich wie immer mit einem breiten Lächeln. «Na, wie ich sehe, hast du alles gut überstanden. Operation gelungen, Patient gestorben.» Ich lächelte etwas gequält zurück. «Hast du mit Babosa geredet?» Er nickte. «Er braucht etwas Zeit, aber ich glaube, er hat es nun verstanden. Also haben wir keine Hindernisse mehr.»

Er wollte mich gleich umarmen, aber ich wies ihn ab. Seine Verwirrung war verständlich. Ich erzählte ihm, was bei mir zuhause passiert war, und musste mich innerlich erst etwas davon lösen. Er hörte aufmerksam zu und meinte dann: «Dann hoffen wir doch, dass sie es endlich einsieht und sich von ihm trennt.», «Sie muss!», sagte ich entschlossen.

Kurz darauf fragte ich ihn, was das denn vorhin sollte, dass er mich einfach packen wollte. «Nun ja, vorerst will ich wissen, ob wir in einer Beziehung sind. Wenn nicht, dann läuft gar nichts.»

Da schnürte sich mir plötzlich der Hals zu, ich konnte kaum noch schlucken. Warum nur? Obwohl ich ihn mochte, spürte ich nichts Gutes in diesem Moment. Ich empfand ihn als Freund, nicht als Partner. Ich konnte ihm keine Zusage geben, denn meine Gefühle waren anders. Seine Enttäuschung war ihm deutlich anzusehen. Er versuchte, es lange mit mir auszudiskutieren, suchte verzweifelt nach einem Weg, mich für sich zu gewinnen.

Er weinte. «Du hast keine Ahnung, wie schwer es ist, aus der Einsamkeit rauszukommen. Jemanden wie dich an meiner Seite zu haben, würde meine Lasten einfach auflösen. Ich spüre es ganz tief, du gehörst zu mir. Das hast du in der Nacht vor deiner OP auch gespürt. Du bist so nass geworden wegen mir.»

Diese Worte zogen mir den Boden unter den Füssen weg. Eine so einsame, verletzte Seele vor mir. Je mehr er sprach, desto trauriger und erschöpfter wurde ich. Ich begann zu weinen. Kurz darauf küsste er mich und sagte, dass er mich liebe. Dass ich trotz meines Gefühls dagegen alles zulasse, verstand ich selbst nicht. Ich liess es geschehen, obwohl sich alles in mir dagegen wehrte. Ich wollte ihn einfach nicht mehr weinen sehen.

Wir gingen ins Schlafzimmer, und ich legte mich ins Bett. «So, nun musst du bestraft werden. Du hast einen anderen Mann mit deinen Händen beglückt, du hast mich betrogen!» Er nahm eine Rute hervor und wollte damit spielen. Ich wies ihn sofort ab. «Nicht jetzt. Dafür bin ich wirklich nicht in der Stimmung.» Ich verstand nicht, was er sich dabei dachte, nach all der Trauer mit so etwas zu kommen. Mit wirren Gedanken schlief ich schliesslich neben ihm ein.

Am nächsten Morgen, als ich erwachte, sah ich ihn eine Weile an. Wie tief er schlief. Aber ich konnte ihn diesmal nicht berühren. Meine Gedanken kreisten um diese Liebe, die man mir aufzwingen wollte. Ich versuchte, mich in seine Lage zu versetzen. Wieso konnte er sich nicht aus seiner inneren Verschlossenheit lösen, diesem Loch aus Trauer und Depressionen? Warum brauchte er mich dafür?

Statt den Moment zu geniessen, wollte er in die Zukunft, eine Beziehung, Besitz, Sicherheit. Ich fand das tieftraurig und stand schliesslich auf. Ich wollte nur noch raus. Diese depressive Stimmung klebte an mir, ich fühlte mich ausgelaugt und machte mir einen Kaffee.

Als ich mich hinsetzte, ging die Eingangstür auf. Es war Babosa. Er kam in die Küche, und ich überraschte ihn in meinem Pyjama. «Oh, du bist da?», «Guten Morgen», sagte ich nur. Er stellte sich ans Spülbecken und zeigte mir den Rücken. Kurz stand er da, dann drehte er sich um und sagte:

«Hör mal, ich will da nicht mehr weiter ins Detail gehen. Am besten vergessen wir die ganze Sache, okay? Ausserdem habe ich jetzt jemanden kennengelernt, die zu mir passt. Ich wäre dir also dankbar, wenn wir nicht mehr zusammen im Bett schlafen würden, das würde ihr nicht gefallen.»

Ich sagte nur, dass es mich für ihn freue. Dann ging er auch schon ins Zimmer. Ich spürte in seiner kühlen Mitteilung eine Art von Trotz, als wolle er mir mit seiner neuen Beziehung eins auswischen. Vielleicht hatte er doch mehr für mich empfunden? Vielleicht lag es daran, dass er nie mit mir schlief, mich nicht küsste, mich nie sexuell berührte, und mich trotzdem liebte? Nicht als beste Freundin?

Ich war verwirrt. All diese Männer, all diese unausgesprochenen Gefühle, ich war müde davon. Und dann klingelte mein Telefon. «Komm schnell!» Oh je, Stefania. Die hatte ich ganz vergessen.

«Ist was passiert, Stefania?», «Ja, aber er ist bei der Arbeit. Komm, wir müssen etwas planen!»

Während ich mich fertig machte und losfuhr, fragte ich mich nur, was sie wohl jetzt wieder vorhatte.

Bei meiner Ankunft war Stefania schon ganz nervös und aufgeregt. Sie lachte ununterbrochen. Ich verstand nichts mehr, setzte mich einfach hin und hörte ihr zu.

«Also, er hat alles geglaubt und macht sich jetzt ein schlechtes Gewissen.» Ich freute mich für sie, und sie redete weiter. «Jetzt müssen wir nur noch schauen, dass ich nicht mehr sauer auf dich bin. Aber ich muss ständig lachen.» Und sie lachte erneut.

«Okay, aber spielt das denn überhaupt noch eine Rolle, wenn du dich sowieso bald von ihm trennst?» fragte ich. «Ja, schon. Aber bis es so weit ist…»

Völlig aufgelöst fuhr ich sie an: «Hat es nicht gereicht, was wir gestern getan haben, um ihn loszuwerden?! Willst du mich verarschen? Meinst du, ich hatte dabei Spass?»

Sie versuchte mich zu beruhigen. «Die Trennung kommt. Aber erst, wenn wir umgezogen sind. Ich muss die Kinder noch in der neuen Schule anmelden und einen Job finden. Vorher geht das nicht.»

Ich war zunächst unglaublich wütend. Ich fühlte mich ausgenutzt, auch wenn sie das wohl nicht beabsichtigt hatte. Ich setzte mich auf den Balkon und versuchte, ihre Lage zu verstehen. Dann kam sie zu mir und schaute mich mit flehenden Augen an.

«Jijo, das Schlimmste ist vorbei. Jetzt darf nichts mehr auffliegen. Nur noch ein paar Tage, dann sind wir sowieso weg.»

Mein Blick wurde weicher, und wir begannen, ein paar Szenen zu proben. Stefania konnte sich aber kaum beherrschen und lachte immer wieder.

«Also wirklich, Stefania, du benimmst dich, als hättest du…» Da kam mir eine Idee, ich stand auf.

«Als hätte ich was?» fragte sie. Ich holte meine kleine Truhe, baute einen Joint und meinte: «Wenn du schon herumkichern musst, dann wenigstens mit Grund.»

Stefania war sofort überzeugt. «Er hat mich schon einmal bekifft gesehen, da habe ich auch nur gelacht. Der wird uns das komplett abkaufen. Jijo, du bist ein Genie!»

Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte. Denn ich hatte Angst, nicht wegen mir, ich konnte meine Rolle spielen. Ich machte mir Sorgen um sie. Wenn sie es vermasselte, wollte ich nicht spüren, was Dejan mit uns anstellen würde.

Am Abend, als er kam, lief alles wie geschmiert. Er war zuerst überrascht, dass wir auf dem Balkon sassen und uns gut verstanden. Dann setzte er sich dazu. Stefania erklärte ihm, dass wir in Ruhe geredet hätten und sie mir verziehen habe. Dann begann sie wieder zu lachen, und er schaute mich irritiert an.

Ich schmunzelte und deutete auf den Aschenbecher, in dem der Joint lag. So wurde ihm alles klar. «Ah, ihr seid bekifft», sagte er und setzte sich.

Stefania lachte weiter. «Wir haben beschlossen, unsere neue Freundschaft einzuweihen», meinte sie, ging in die Küche und holte Drinks.

Dejan kam näher zu mir und sprach leise. «Entschuldige bitte. Ich wollte das wirklich nicht. Ich war so egoistisch und völlig neben der Spur. Du bist krank, und ich…» Der Mann begann zu weinen, verdeckte sein Gesicht mit der Hand und schaute weg.

«Es ist unverzeihlich, was ich getan habe. Ich schulde dir so viel. Sag mir bitte, was ich für dich tun kann.»

Ich schluckte, wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. «Eine Bitte hätte ich noch. Ich hoffe, du kannst mir ehrlich antworten.»

Ich nickte still, bewegte mich keinen Millimeter. Er stand sehr nah vor mir.

«Findest du… findest du, dass er zu klein ist?» Ich riss die Augen auf, verschluckte mich fast und stand schnell auf, um Distanz zu gewinnen. Ich sah, wie peinlich ihm diese Frage war, aber sie schien ihm wichtig zu sein.

Bevor ich etwas sagen konnte, kam Stefania mit den Drinks zurück. So sassen wir drei bei der Dämmerung auf der Terrasse und tranken. Wir unterhielten uns, als wäre nie etwas gewesen.

Kurze Zeit später begann Dejan plötzlich, um sich zu schlagen. «Diese verdammten Mücken!» Normalerweise griffen sie immer mich an, doch in dieser Saison liessen sie mich in Ruhe. Ich fand es irgendwie amüsant, dass die Insekten mein vergiftetes Blut nicht einmal riechen wollten. «Sieht ganz so aus, als hätte die Chemo auch Vorteile.»

Dann stand ich auf. «Ab morgen muss ich täglich nach Bern. Die nächste Therapie beginnt. Ich gehe jetzt schlafen.» Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg ins Bett.

Natürlich ging mir seine Frage nicht aus dem Kopf. Offenbar war er damit gekränkt und suchte Bestätigung. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte, oder ob ich überhaupt etwas sagen sollte.

Als ich die Augen schloss, erschienen wieder diese Lichtblitze. Leuchtende Linien flackerten vor meinen Augen. Ich kannte das schon, wahrscheinlich ein neurologischer Zusammenhang mit der Chemo. Heute war es besonders intensiv. Es war unangenehm. Ich atmete tief durch und stellte mir etwas vor, das mich beruhigte und in ein gutes Gefühl führte.

Ein gemütlicher Abend vor dem Fernseher. Die Chips waren gerade aufgegessen, der Film spannend, als es plötzlich an der Tür klopfte.

Ich erschrak. Um diese Uhrzeit erwartete ich niemanden. Zögernd stand ich auf, ging zur Tür und öffnete sie. Draussen stand ein grosser Mann, ganz in Schwarz gekleidet. Im Dunkeln konnte ich sein Gesicht kaum erkennen, aber seine Präsenz war einschüchternd. Er sagte nichts, nur sein lautes Atmen war zu hören.

Ich wich instinktiv zurück, Schritt für Schritt, während er langsam näherkam. Irgendwann stiess mein Rücken gegen den Schrank, es gab kein Ausweichen mehr. Die Tür war hinter ihm ins Schloss gefallen. Noch immer kein Wort, nur seine Nähe, sein Blick, beunruhigend, fast gierig. Dann berührte er mein Gesicht, strich mir übers Haar, fuhr mit der Hand meinen Hals entlang. Es war kein zärtlicher Moment. Es war ein Moment der Macht.

Was dann geschah, verschwimmt in meiner Erinnerung. Ich weiss nur noch, dass ich mich zunehmend ausgeliefert fühlte. Meine Gegenwehr blieb wirkungslos. Ich rang nach Luft, versuchte, mich zu befreien, aber mein Körper wurde zu etwas, das mir nicht mehr gehörte. Ich verlor das Gefühl für Zeit, für Raum, für mich selbst. Irgendwann war da nur noch Dunkelheit, und eine Stimme, die mir zuflüsterte, ich solle ruhig sein.

Als ich wieder zu mir kam, war ich geschwächt, verwirrt, verängstigt. Ich weiss nicht, was mich mehr verletzte: das, was er tat, oder dass ich keinen Ausweg fand. Es war ein Moment tiefster Ohnmacht. Und obwohl mein Körper anwesend war, hatte sich mein Innerstes längst an einen sicheren Ort zurückgezogen.

Regeneration

Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg ins Inselspital. Ich freute mich, den letzten Abschnitt dieser langen Reise erreicht zu haben. Endlich sollte auch diese Beeinträchtigung meines Körpers einen Abschluss finden.

Eigentlich hätte ich alle drei Wochen noch eine Antikörpertherapie mit Herceptin erhalten sollen. Doch mein Bauchgefühl sagte mir etwas anderes, und es bestätigte sich. Ich informierte mich im Internet und fand Studien, die zeigten, dass eine Halbierung der Therapiedauer kaum Auswirkungen auf die Sterblichkeitsrate hatte. Im Gegenteil: Die Patientinnen litten deutlich weniger unter bleibenden Schäden. Es wurde sogar diskutiert, ob diese Erkenntnisse künftig in onkologischen Zentren berücksichtigt und in Therapien integriert werden sollten.

Als ich das las, wusste ich, was zu tun war. Ich hatte zu Beginn der Behandlung unterschrieben, dass meine Daten für Studien genutzt werden dürfen. «Dann gehöre ich halt zu diesen Halbjährigen», murmelte ich leise während der Fahrt. Es war meine Entscheidung, mein Weg, mein Ziel. Von A nach B, von B nach C, Schritt für Schritt, getragen von Geduld und Mut. Beides musste meine Kraftquelle bleiben.

Im Spital angekommen, erhielt ich eine Parkkarte, damit ich in den nächsten Wochen direkt beim Eingang parkieren konnte. Danach wurde ich gebeten, im Warteraum Platz zu nehmen. Nur wenige Minuten später wurde ich bereits aufgerufen: «Frau Ilic, bitte folgen Sie mir.» Ich stand auf und ging ihr zuversichtlich nach.

«Ich muss sagen, Ihre Perücke ist sehr chic. Sie passt wirklich hervorragend zu Ihrem Gesicht», meinte sie lächelnd. Ich schenkte ihr ein Lächeln zurück, und wir unterhielten uns über den Ablauf. «Die Bestrahlung selbst dauert pro Ebene jeweils eine Minute, insgesamt drei Minuten. Sie werden sehen, an den meisten Tagen sind Sie nach fünf Minuten schon wieder draussen. Heute dauert es etwas länger, da wir gewisse Vorbereitungen treffen müssen.»

Ich wurde auf eine Liege gelegt, eine zweite Schwester schob mir ein Kissen unter die Beine. Eine dritte trat hinzu und meinte: «Sie haben eine sehr schöne Perücke, Frau Ilic. Und dieses Tattoo, wow!» Sie blickte neugierig auf meine Taille. Mit Filzstiften markierten sie meinen ganzen Oberkörper und gaben mir Anweisungen, dass ich diese in der gesamten Therapie nicht auswischen durfte. Sie zogen das Rohr und platzierten es vor mir.

«Bitte jetzt nicht mehr bewegen. Wir beginnen gleich.» Alle verliessen den Raum, die Kommunikation lief nun über Lautsprecher. Um ruhig zu bleiben, summte ich ein Lied vor mich hin. Und schon war es vorbei. Ich hatte nichts gespürt, auch keine Angst. Kein Wunder, denn ich hatte gar nicht daran gedacht.

Ich zog mich wieder an und wollte gerade gehen, als jemand rief: «Frau Ilic, bitte warten Sie!» Man überreichte mir einen Kalender mit allen Terminen: fünfundzwanzig Bestrahlungen insgesamt. «Gehen Sie noch kurz in den Gesprächsraum vor dem Ausgang, dort wartet eine Ärztin mit einer Hautcreme auf Sie. Bis morgen!»

Zu Hause angekommen, legte ich mich sofort hin. Jeden Tag, ausser am Wochenende, lief es gleich ab, und jedes Mal musste ich mich für ein bis zwei Stunden hinlegen. Es machte mich sehr müde. Auch das seltsame Geräusch in meinem Kopf wurde intensiver. Die Schwestern erklärten mir, dass meine Haut durch die Bestrahlung stark belastet werde, viele Patientinnen bekämen wunde Stellen.

So fuhr ich also täglich für eine fünfminütige Behandlung in die Stadt, die immer gleich ablief. In dieser Zeit zog Stefania mit ihrem Mann in ihre neue Wohnung. Wie immer war sie sehr emotional und begann zu weinen. «Ich werde dir nie vergessen, was du für mich und meine Familie getan hast. Danke von Herzen!» Sie umarmte mich fest. Auch Dejan trat zu mir, bat nochmals um Verzeihung für das, was vorgefallen war, und auch er erhielt eine Umarmung.

Nach knapp einem Monat in derselben Routine neigte sich alles langsam dem Ende zu. Meine Haut war inzwischen gerötet, aber ich hatte zum Glück keine offenen Wunden. Auch meine Haare begannen wieder zu wachsen, und ich traute mich allmählich, mich ohne Perücke zu zeigen. Im Spital staunte das Personal. «Wie machen Sie das nur?» Ich erklärte, dass einer der wichtigsten Faktoren sicher meine Ernäh rung war, ich hatte gezielt meine Zellen gestärkt, und dass ich meine Haut täglich mit meiner grossen, treuen Pflanze kühlte: Aloe Vera.

«Sehr gut!», meinte eine Pflegerin. «Ich hätte da noch einen Geheimtipp, aber das wissen Sie nicht von mir.» Sie zwinkerte mir zu. Ich sollte Schwarztee kochen, ihn abkühlen lassen und alle paar Stunden vorsichtig auf die geröteten Stellen tupfen, nicht reiben. Natürlich probierte ich es aus. Und tatsächlich: Es wirkte. Ich hätte nie gedacht, dass Schwarztee solche starken Eigenschaften hat. Ich begann, noch mehr darüber zu lesen. Der Tee wirkt antiviral im Genitalbereich, stärkt das Herz-Kreislauf-System und regt die Bildung von Magensäure an. Also begann ich, täglich Schwarztee zu trinken, als Teil meines neuen Alltags.

Beim letzten Besuch verabschiedete ich mich liebevoll bei allen und bedankte mich für die wundervolle Betreuung. Von allen Besuchen während der gesamten Therapie war dieser Abschied der emotionalste. Weil es nun wirklich zu Ende ging. Und auch ein bisschen traurig, wegen all der Fürsorge, die ich bekommen hatte. Ob im Onkologiezentrum, im Spital oder bei anderen Untersuchungen: Ich hatte viele Menschen ins Herz geschlossen.

Besonders berührte mich, wie oft sie mir ihre Bewunderung für meine positive Ausstrahlung und das fast vollständige Ausbleiben von Nebenwirkungen aussprachen. «So stark!», sagten sie. «Und Ihre Schönheit hat keinen Deut eingebüsst.» All das war nun vorbei. Die Therapie war erfolgreich abgeschlossen. Ich hatte mein Ziel erreicht. Wenn der Fokus klar ist, wird das Drumherum leiser. Man spürt es kaum. Der Geist ist immer einen Schritt voraus.

Wieder allein in meiner Wohnung fühlte ich mich endlich frei. Ich machte Musik an, legte mich aufs Sofa, erschöpft, aber erleichtert. Nach einem kurzen Nickerchen stand ich auf, doch plötzlich drehte sich alles. Es erinnerte mich an den dumpfen Druck im Kopf während der Chemotherapie. Mein Kreislauf spielte verrückt. Schmerzen hatte ich keine, aber ich fühlte mich seltsam. Vielleicht, weil ich mich weniger bewegte als früher. Diese vielen Bestrahlungen hatten mich erschöpft.

Ich trank ein Glas Zitronenwasser in einem Zug, danach ging es besser. Dann bereitete ich erneut Aloe Vera vor, meine Brust begann zu brennen, auch die Haut unter der Achsel war stark gerötet. Die Pflanze kühlte und linderte, mein bewährtes Hausmittel.

Nach einer Weile griff ich zum Handy. Ich musste Lukas anrufen. Es war Zeit, loszulassen. Einen Monat lang hatten wir kaum Kontakt gehabt, ich brauchte Abstand. Manchmal lag ich den ganzen Tag nur da, ohne aufzustehen. Ich erklärte ihm am Telefon, dass seine Spielchen, Bondage, nicht zu meiner Gefühlswelt passten. Die Sehnsucht nach Nähe war da, aber nicht in dieser Form. Und nicht mit ihm. Seine Traurigkeit und seine starken Emotionen belasteten mich zu sehr.

«Heisst das, du machst jetzt Schluss? Per Handy? So viel bin ich dir also wert. Danke auch.» Ich versuchte, ihm ruhig zu erklären, dass sich unsere Beziehung aufgezwungen anfühlte, dass wir uns mehr Zeit hätten lassen sollen. Doch er hörte nicht zu. Seine Stimme wurde brüchig, Tränen kamen. «Ich wäre nie mit dir ins Bett gegangen, wenn ich das gewusst hätte. Gratuliere, du hast wieder einen Mann zerstört!» Ich legte auf. Solche Worte konnte und wollte ich nicht mehr hören. Menschen, die nur auf ihre eigenen Bedürfnisse fokussiert sind, entfremden mich. Und genau das war es: Ich war entfremdet.

Ich hatte keinen Kopf mehr für Liebe, keinen Wunsch nach Nähe. Meine Libido war verschwunden, mein Körper erschöpft, mein Nervenkostüm dünn. Ich war gereizt, wegen ihm, wegen der Therapie, wegen allem. Es fiel mir schwer, mich wieder aufzurichten. Was war nur los mit mir?

Schon während der letzten Wochen der Bestrahlung hatten sich die Gedanken im Kopf gekreist. Besonders über Lukas, und wie schräg unsere Kommunikation geworden war. Einmal rief ich ihn an, und er griff mich sofort verbal an. Immer wieder dieselben Vorwürfe: «Du könntest dich ja mal ändern.» Oder: «Wegen dir ist es überhaupt so weit gekommen.» Ich fühlte mich manipuliert, zurechtgebogen.

Manchmal war ich zu schwach, um mich zu wehren, und liess es einfach über mich ergehen. Doch nach einigen Wochen wurde mir klar: Ich hatte eine Depression. Zum Glück bemerkte ich es früh. Nach knapp zwei Monaten zog ich einen Schlussstrich. Ich beendete diese sogenannte Beziehung und brach den Kontakt vorerst ab.

Solche Menschen musste ich aus meinem Leben entfernen. Sonst rauben sie mir die Lebensfreude. Und wenn ich einmal in ein Loch falle, wird es schwer, wieder herauszukommen.

Ich entschied mich, eine Auszeit zu nehmen, keine Männer mehr, keine Dates, keine Verpflichtungen. Ich konnte mich nicht verlieben, und für alles andere fehlte mir schlicht die Lust. Es war an der Zeit, aus dem Kreislauf auszusteigen. Mein Körper war geschwächt, die Müdigkeit überwältigend. Jetzt musste ich etwas für mich tun, mich wieder aufbauen, Schritt für Schritt.

Beim Surfen im Internet entdeckte ich eine Sportart, die mich sofort faszinierte: das Klettern. Ich las alles über Ausrüstung, Technik und die schönsten Orte in den Alpen. Noch am selben Abend bestellte ich mir ein Klettersteig-Set und meldete mich bei einer Gruppe an, die jedes Wochenende Touren plante. Als das Paket ankam, kribbelte es in meinem Bauch. «Wow, wann habe ich dieses Gefühl das letzte Mal gespürt?», fragte ich mich. Die negativen Gedanken und Gefühle hatten so lange mein Inneres beherrscht, dass ich das Schöne beinahe vergessen hatte. Doch langsam kehrte auch mein hormonelles Gleichgewicht zurück, ich fühlte mich wieder lebendig.

Vor meinem ersten Kletterausflug stand noch ein Termin bei einer Psychiaterin an, die mich trotz knapper Plätze aufgenommen hatte, vermutlich wegen meiner Krankengeschichte. Die Empfehlung kam von den behandelnden Ärzten. Ich war neugierig, wollte die Chance nutzen und erfahren, was die Psychologie mir bieten könnte.

Ich kannte psychische Krankheiten aus nächster Nähe, durch meine Mutter. Bei ihr wurden mehrere Diagnosen gestellt: manisch-depressiv, Borderline, Schizophrenie. Ich hatte ihre Hochphasen erlebt, voller Tatendrang und Euphorie, losgelöst vom Alltag. Und auch die dunklen Zeiten, Tage, Wochen der Niedergeschlagenheit, in denen jede Regung fehlte. Die Borderline-Störung zeigte sich in ihren extremen Stimmungsschwankungen und der übergrossen Empfindlichkeit in Beziehungen. Die Schizophrenie beeinträchtigte ihr Denken und Fühlen, führte zu Wahnvorstellungen. Besonders beängstigend waren die psychotischen Episoden. Immer wieder fragte sie mich: «Siehst du ihn auch, den schwarzen Mann?» Oder: «Hörst du das?» Wenn ich verneinte, bekam sie Angst, und ich auch.

Die Psychiaterin begann mit einem Test, Fragen zu meiner Gefühlswelt, meiner Selbstwahrnehmung. Als sie das Ergebnis sah, staunte sie. «Sie wirken erstaunlich stabil. Wie machen Sie das, Frau Ilic?», «Ich denke nicht zu viel darüber nach. Ich fokussiere mich auf das, was mir guttut», antwortete ich. Doch diese Gelassenheit schien ihr zu missfallen. «Sie hatten doch jede Woche Ihre Infusion. Was passierte in diesem Moment mit Ihnen?»

Ich lächelte. «Wissen Sie, ich mag Schmerzen.» Ihr Blick wurde sofort ernst, ein Ausdruck, den ich wohl nie vergessen werde. Sie wechselte das Thema. «Haben Sie ein Hobby?» Ich erzählte vom Klettern. «Das ist aber eine gefährliche Sportart. Sind Sie gesichert unterwegs?» Sie wirkte besorgt, fast so, als fürchtete sie, ich könnte suizidal sein. Ich versicherte ihr, dass ich keine solchen Gedanken hätte. «Ich bin voller Euphorie. Ich will die Natur spüren, den Felsen, die Höhe.»

Nach einer knappen Stunde war die Sitzung vorbei. «Wir sehen uns nächsten Dienstag. Geben Sie auf sich acht», sagte sie beim Abschied. Auf dem Heimweg war ich noch mit den Gedanken bei ihr. Irgendwie hatte ich mir die Sitzung anders vorgestellt. Warum zog sie alles ins Negative? Warum wollte sie über Dinge sprechen, die mich nur belasteten?

Natürlich, wenn ein Problem tief sitzt, muss man manchmal zurück in die Vergangenheit. Um Ursachen zu finden, Ängste zu entwirren. Aber ich wollte nicht schon wieder über den Krebs reden. Für mich war das nur ein Abschnitt. Ja, er hatte mir vieles beigebracht, aber er war zeitlich begrenzt. Viel entscheidender waren für mich andere Kapitel, jene, die sich über Jahre, ja Jahrzehnte erstreckten.

«Na ja», dachte ich. «Ist wohl ihr Job. Mal sehen, was die nächsten Sitzungen bringen.»

Ein paar Tage später war es endlich so weit. Ich fuhr zur Stelle, die im Kletterführer angegeben war, um mich der Gruppe anzuschlies sen. Ich setzte mich direkt neben den Fahrer und wir unterhielten uns während der ganzen Fahrt. Der Mann war Mitte vierzig, gross, mit braunen Haaren, und sein Gesicht war gebräunt, als würde er regelmässig die Sonne besuchen. Im Gespräch entstand rasch eine Vertrautheit. Er war nett und interessant. Ich erzählte ihm, dass es mein erster Klettersteig sei.

«Ach was, wirklich? Das ist aber eine K5.» Bevor ich fragen konnte, was das genau bedeutet, sprach er schon weiter: «Das ist der Schwierigkeitsgrad des Steigs. Wenn du keine Höhenangst hast, packst du das schon.» Er lächelte und warf einen Blick zu den beiden kleinen Mädchen auf der Rückbank. «Wir haben ja auch zwei kleine dabei.»

«Wegen etwas sitze ich ja im Auto», sagte ich mit einem Ausdruck von Sicherheit. Bis wir ankamen, gab er mir noch einige Tipps. «Ich muss schon sagen, du bist mutig. Keine Infos geholt und einfach mitgehen. Aber genau das ist es doch: keine Zeit lassen für Gedanken, die einem Angst machen.»

Als er das sagte, begann es in mir zu kribbeln. So unerschrocken war ich wohl doch nicht. Je näher wir kamen, desto nervöser wurde ich.

Am Ziel bereiteten wir uns vor, mit Schutzhelmen, Handschuhen und Gurt. Da merkte ich, dass mir noch eine Sicherheitsschlinge fehlte.

«Die brauchst du, wenn du mal ausser Kräften bist und dich entlasten willst.»

Eine Frau aus der Gruppe bemerkte das und reichte mir eine. «Ist es dein erstes Mal?», fragte sie. «Aber du weisst schon, dass dieser Steig Stufe C und D hat.» Was nun? K5, C, D?

Ich nickte, hatte aber keine Ahnung, was auf mich zukam. Ich hatte alles ausgeblendet.

«Wenn ich vorher geschaut hätte, wäre ich wohl nicht mitgekommen», sagte ich und lächelte sie an. Ich war ihr dankbar für die Unterstützung.

Beim Einstieg sah ich eine etwa dreissig Meter hohe, senkrechte Wand. Mein Puls begann zu rasen. Wir waren eine Gruppe von zehn, die nacheinander loskletterten, auch die siebenjährigen Mädchen mit ihrer Mutter. «Ich gehe als Letzte, ich bin wohl am langsamsten», meinte ich. Die junge Frau von vorhin war direkt vor mir und bemerkte meine Unsicherheit sofort.

«Mach dir keinen Kopf, du siehst trainiert aus. Das schaffst du mit links. Und wenn du Angst kriegst, sing einfach.»

Ich musste lachen, und wir freundeten uns langsam an. Nach zehn Metern begannen meine Knie zu zittern, meine Kraft liess nach.

«Schau, wenn du deine Arme so hältst und dich hochziehst, brauchst du viel weniger Kraft.»

Sie gab mir ein paar einfache Tipps, die wirklich halfen, und ich kletterte ihr nach. Dann kam ein Überhang. Ich sah, wie der Betreuer den Mädchen Mut zusprach, denn sie weinten. Auch ich hätte weinen können, doch ich entschied mich fürs Singen. Also sang ich. Die beiden Kinder schafften den Abschnitt kurz danach, und ihr Mut zog auch mich mit. Ich kletterte weiter.

«Wenn ich jetzt zurückstecke… Nein. Sicher nicht!» Ich durfte mir nicht eingestehen, dass es kein Zurück gab. Ich musste ans Ziel kommen, ob ich wollte oder nicht. Singend ging ich weiter, bis wir den Gipfel erreichten. Ich war die Letzte. Die Gruppe sass bereits beim Picknick, als die blonde Frau auf mich zurannte und mich umarmte.

«Super! Du hast es geschafft!» So stolz, wie sie auf mich war, fühlte ich mich auch selbst. «Schau mal, diese wunderschöne Aussicht», sagte sie, breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. Ich setzte mich auf den Rasen neben sie und genoss den Blick über die Berge. Ich fühlte mich unglaublich stark, vollgepumpt mit Glück.

«Was ich soeben erreicht habe… Und wie sich das jetzt anfühlt. Ein Traum.»

«Ich bin übrigens Amazonia.» Ich lachte. Wir hatten uns bis dahin gar nicht vorgestellt. «Und ich bin Jijo. Ich danke dir für alles. Der Tag war einer der schönsten seit langem.»

Unsere Gespräche kamen schnell auf das Thema Männer. Sie erzählte, dass sie auch Single sei und einige Anläufe gescheitert seien.

«Wo sind nur die standhaften Männer geblieben?»

Eine selbstbewusste Frau, die es auch nicht leicht hatte, den richtigen Partner zu finden.

«Hey, kommt! Wir machen noch ein Gruppenfoto!» Einer rief uns zusammen, und wir posierten für ein Bild. Die Wanderung zurück führte mich noch näher an Amazonia heran. Ich mochte sie sehr, sie schien so voller Power, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Am Schluss tauschten wir unsere Nummern aus, und ich freute mich auf eine neue Freundschaft mit ihr.

Abends, als ich dann nach Hause kam, war ich immer noch überglücklich und voller Elan. Plötzlich kam mir der Gedanke: Ich war den ganzen Tag der Sonne ausgeliefert gewesen. Aber wie konnte das sein? Auf meinem Balkon versuchte ich immer wieder, mich zu sonnen, doch ich hielt es nie länger als fünf Minuten aus. Mein Kreislauf spielte verrückt, mir drehte der Kopf, die UV-Strahlen machten mich müde und schlapp. Doch dort, beim Klettern, passierte gar nichts. Ich war vollkommen auf meine Schritte und Griffe konzentriert.

Die Überlegung führte mich zu dem Schluss, dass es wohl wieder einmal reine Kopfsache war. Ich richtete meinen Fokus aufs Klettern, nicht auf die brennende Sonne. Und plötzlich wurde mir vieles klar. Dieser Fokus, gekoppelt mit meiner Lebenseinstellung, war wohl der Hauptgrund, warum ich im Leben so weit gekommen war, ohne dabei allzu sehr zu leiden. Ich überlegte nicht lange, sondern handelte einfach.

Und so begann ich, auch meinen Sehnsüchten auf die Sprünge helfen zu wollen. Ich wünschte mir einen Mann an meiner Seite, der mich liebte und meine Eigenheiten akzeptierte. Mein Herz flüsterte mir: «Da fehlt noch etwas.» Es konnte doch nicht lange gewartet werden.

Ich liess mich also in der nächsten Zeit auf neue Gesichter, neue Charaktere und neue Begegnungen ein. Schon beim Schreiben in den Dating-Apps konnte ich die Jungs meist schnell entschlüsseln. Ich stellte gezielte Fragen, manche reizten sie, andere nicht. Bei vielen wurde der Kontakt beendet, bevor es überhaupt zu einem Treffen kam. Manchmal gab es ein erstes und letztes Date zugleich.

Ich sprach stets offen über meine Bedürfnisse. Dabei merkte ich, wie viele Männer recht unerfahren und einfach neugierig waren. Sie wollten «es» mit mir ausprobieren. Doch das brachte mich nicht weiter. Ich hatte keine Lust, ständig bei Null anzufangen und jemanden zu belehren. Ich wollte meine Wünsche leben, meine sexuellen Träume endlich verwirklichen. So schwer war es ja nicht, offen und direkt zu reden.

Doch ich kam nicht voran. Der Hauptgrund war wohl, dass ich immer wieder Männer anzog, die Probleme mit sich selbst hatten. Vielleicht, weil ich schon immer eine gute Zuhörerin war. Jemand, der gerne den richtigen Weg zeigt. Ein fürsorglicher Mensch eben. Aber gab es wirklich so viele, die nicht mit ihrem Kummer umgehen konnten? Klar, jeder hat sein Päckchen zu tragen, aber musste es gleich so überhandnehmen?

Als Freundin war ich gern für andere da. Doch in einer Partnerschaft ging das nicht. Da hatte ich meine inneren Blockaden. Es zog mich automatisch mit hinunter.

«Für solche hilflosen Seelen bin ich wie ein Sechser im Lotto», sagte ich am Telefon zu Amazonia, während ich gleichzeitig in der Küche hantierte. «Aber sobald ich mich verliebe oder jemanden als möglichen Partner sehe, beginnt es mich innerlich zu zerreissen.»

Auch sie erzählte von ihrer langjährigen Beziehung, die schliesslich gescheitert war. «Mein Herz schmerzte so oft, dass ich nicht mehr zählen konnte, wie viele Tränen ich vergossen habe. Ich machte mir zu viele Gedanken darüber, wie ich ihm helfen könnte, und dabei selbst glücklich bleibe.»

Es hatte bei keiner von uns funktioniert. Unsere Selbstsicherheit machte es uns nicht gerade einfacher.

Vielleicht konnte mir meine Psychologin weiterhelfen. Bei meiner zweiten Sitzung mit Frau Summ hatte ich den Plan, darüber zu reden. «Und wie war Ihr Trip auf den Bergen?» Kurz erzählte ich ihr mein Erlebnis, wollte dann aber schnell auf die andere Thematik wechseln, denn in der Dreiviertelstunde Sitzung wollte ich weiterkommen. Ich begann also, über die Vergangenheit und über meine Mutter zu reden, mit der ich lange keinen Kontakt gehabt hatte. Ich erzählte ihr, wie sie war, von ihren psychischen Erkrankungen und was das mit mir gemacht hatte. «Dazwischen möchte ich aber noch klarstellen, dass ich keinesfalls Medikamente einnehmen werde.

Denn die vollen Schubladen meiner Mutter erinnern mich daran, dass dies nicht die beste Option ist», sagte ich zu ihr.

«Ich kann Sie beruhigen, Frau Ilic. Wie sich beim Test zeigt, haben Sie keine auffälligen Diagnosen, bei denen Sie Medikamente oder professionelle Hilfe benötigen.»

Ich erzählte weiter. «In meiner Vergangenheit habe ich vieles über Prostitution mitbekommen, sie wurde bei uns zuhause durchgeführt.» Der bedauernde Blick von Frau Summ brachte mich dazu, ihr während des Redens ein Lächeln zu schenken. Sie wollte in diese Thematik tiefer einsteigen und fragte, was ich dabei empfunden habe.

«Nichts», sagte ich zu ihr. «Ich versetzte mich einfach in meine Gedanken, in meine Vorstellung. Dabei schlief ich immer gut ein und war zufrieden.»

Als sie mich fragte, welche Gedanken das gewesen seien, sah ich in ihren Augen, dass sie es eigentlich gar nicht wissen wollte. Doch sie wurde dafür bezahlt, also erzählte ich ihr meine Gedanken.

«Frau Summ, ich stellte mir als Kind vor, dass mich ein böser, starker Mann vergewaltigt und mich für seine Befriedigung benutzt. Diese Fantasiewelt ist bei mir überdimensional. Möchten Sie ein Beispiel?» In ihrem geschockten Zustand verlor sie sich kurz, dann sagte sie, es sei nicht nötig, sie würde es verstehen.

«Nun kommt also die Klarheit ans Licht, der Reiz von Schmerzen, den Sie mir letztes Mal geschildert haben. Haben Sie deshalb vor die Antihormontherapie abzulehnen?»

Ich verstand ihre Frage nicht, denn das hatte mit dem anderen nichts zu tun.

«Ja, Sie sagen, Sie lieben es, wenn man Ihnen Schmerzen zufügt. Möchten Sie wieder Krebs bekommen und diese Schmerzen empfinden?»

Ich war verwirrt über diese Frage. Ich glaubte, sie verstand mich nicht, wohin mein Thema führen sollte, und versuchte, es ihr auf eine andere Art und Weise zu erklären. Doch sie unterbrach mich.

«Frau Ilic, ich kenne Onkologen, die sind hochspezialisiert in diesem Bereich. Einer von ihnen ist sogar ein guter Freund von mir. Als ich ihm von Ihrer Entscheidung erzählte, bat er mich, Sie zu überreden. Denn Sie haben durch Ihre Hormone den Krebs bekommen und sollten nicht mit Ihrem Leben spielen. Er wird zurückkommen, glauben Sie mir!»

In mir brach Wut aus. Ich sagte ihr klar und bestimmt: «Mein Krebs, den ich hatte und auch habe, wurde nicht durch meine eigenen, sondern durch künstliche Hormone verursacht.»

«Es tut mir leid, Frau Ilic, Sie sind sehr in eine Fantasiewelt entrückt, die nicht der Realität entspricht. So kann ich Sie mit schlechtem Gewissen leider nicht weiter betreuen. Sie spielen mit Ihrem Leben, und dabei möchte ich Sie nicht unterstützen.»

«Okay, kein Problem. Ich wollte sowieso gleich gehen.» Ich stand auf, verabschiedete mich und bedankte mich für nichts. Eigentlich hätte sie sich bei mir bedanken sollen, denn diese zwei Sitzungen kosteten so viel, dass ich fast einen schönen Urlaub hätte machen können.

«Wofür war die eigentlich?», fragte ich mich auf dem Heimweg. Sie hatte weder aufmerksam zugehört noch mein wichtiges Thema ernsthaft hören wollen. Im Gegenteil, sie unterbrach mich und redete in ein Thema hinein, für das sie offenbar spezialisiert war.

Ich war froh, mit dieser Dame abgeschlossen zu haben, denn sie brachte mir mehr Ungewissheit als Klarheit. Natürlich liess mich nicht gleich los, was sie geglaubt hatte. Als würde ich mein Leben riskieren wollen, nur weil ich keine Tabletten einnahm. Ich tat es, weil ich mich dabei gut fühlte und leben wollte.

Ich stand also ohne Psychologin da, und mein Problem war noch nicht gelöst.

Orientierung

Dominanz in der Seele.

Manche Menschen verspüren den Reiz, andere zu erniedrigen, ihnen Schmerzen zuzufügen oder Macht über sie auszuüben. Auf der anderen Seite stehen diejenigen mit einer masochistischen Veranlagung. Sie lassen genau das mit sich machen, und je mehr Schmerz man ihnen zufügt, desto stärker wird ihre Erregung.

Immer wieder las ich über Dinge, die bereits in meinem Kopf existierten. Ich wusste genau, was mich antörnte, und manchmal machte mich das noch ungeduldiger. Jetzt, wo ich langsam mein Leben zurückgewonnen hatte und mein Selbstwertgefühl wieder wuchs, sollte es doch einfacher sein, meinen Bedürfnissen freien Lauf zu lassen. Neue Menschen kennenlernen, die mich verstehen und auch akzeptieren würden. Am liebsten jemanden, der weiss, was er will. Es brauchte Aktion. So viele Jahre hatten meinen Kopf buchstäblich gefickt.

Meine Sturheit hatte ich nun abgelegt. Ich sah ein, dass diese Leidenschaft nicht in ein gewöhnliches Liebesleben passte. Ich hatte genug davon. Dieses Alltägliche, immer Gleiche langweilte mich. Ich wollte spielen, und dafür brauchte es einen Mitspieler. Mutig wollte ich einem wildfremden Mann gegenübertreten. Einer, der nicht mein Herz erobern oder über meine Hobbys reden wollte. Sein Ziel sollte sein, meinen Körper für sein eigenes Wohlbefinden zu benutzen. Waren meine Wünsche zu hoch?

Nach mehreren Versuchen, bei denen ich liebevollen Männern immer wieder eine Abfuhr erteilt hatte, schrieb mich dann ein Mann an. Er hatte zwar keine Erfahrung, aber seine Fantasie war überdimensional. Sein Name war Karsten. Wir unterhielten uns, und ich stellte fest, dass er ein sehr intelligenter Mann war. Diese Eigenschaft zog mich noch mehr zu ihm. Wir lernten uns im Chat besser kennen. Auch wenn er bisher kaum Erfahrungen mit solchen Praktiken hatte, waren seine beschriebenen Vorstellungen identisch mit meinen.

Karsten war witzig und unterhaltsam. Es dauerte nicht lange, bis ich ihm meine Nummer gab. Aus Texten wurden Sprachnachrichten. Egal, worüber wir sprachen, jeder fand die Worte des anderen spannend. Wir lebten etwa eine Stunde voneinander entfernt. Er hatte zwei Töchter und einen verantwortungsvollen Job. Ein vielbeschäftigter Mann, und trotzdem schrieben wir uns täglich. Er nahm sich Zeit, meine Sprachnachrichten anzuhören und zu beantworten. Es schien, als würde ich ihn wirklich interessieren, und das mochte ich sehr. Diese Aufmerksamkeit gefiel mir. Besonders gefiel mir, wie unser Austausch verlief: mal Alltag, mal Momente, in denen seine Stimme mich zum Zittern brachte. Ich fand ihn ziemlich heiss. Unsere sexuellen Fantasien stimmten überein. Anfangs gaben wir uns gegenseitig Aufgaben, bei deren Nichterfüllung auch Strafen folgen konnten. Es wurde spannend, und ich begann, ihm zu vertrauen.

Am nächsten Tag wurden mir bei der Blutuntersuchung und der geplanten letzten Infusion mögliche Rehabilitationsangebote vorgestellt. Nachdem ich einen Fragebogen über mein aktuelles Wohlbefinden ausgefüllt hatte, kam die Krankenschwester und klärte mich auf: «Sport würde gut zu Ihnen passen, Frau Ilic. Da Sie bereits bei einer Psychologin waren, steht Ihnen diese Option nicht mehr offen. Aber vielleicht wäre die Seelsorge etwas für Sie.» Ob sie dachte, ich sei psychisch angeschlagen? Bevor ich sie das fragen konnte, lenkte ich das Gespräch auf das Thema Ernährung, das mich ebenfalls sehr interessierte.

«Sie haben doch schon eine gesunde Lebenseinstellung, unter diesen Umständen. Sie sehen immer frisch aus.» Ich lächelte sie an. Eigentlich hatte sie recht, aber vielleicht konnte ich trotzdem noch mehr dazulernen. Ich sagte zu ihrem Vorschlag mit der Seelsorge zu, und wir begaben uns in den Infusionsraum, wo sie mir gleich den Zugang legte.

Nach einer Weile kam eine junge Frau herein und setzte sich ebenfalls auf einen Sessel. Sie wirkte jünger als zwanzig, hatte lange Haare. «Ist sie zum ersten Mal hier? Ich habe sie noch nie gesehen», fragte ich eine Schwester, die gerade auf mich zukam. «Nein, sie kommt alle halbe Jahre wegen ihres Eisenmangels.»

Dann legte sie mir eine Medikamentenschachtel auf den Tisch und überprüfte die Werte am Gerät.

«Frau Ilic, Sie haben Glück. Gleich nach Ihrer Anmeldung hat sich Frau Pende bei uns gemeldet. Sie hätte heute Zeit und würde Sie gerne gleich kennenlernen. Wäre das in Ordnung?»

«Natürlich, ich freue mich. Sie soll nur kommen.» Als sie gehen wollte, fiel ihr noch etwas ein, und sie drehte sich zurück.

«Ach ja, genau. Das sind Tamoxifen. Sie können eigentlich gleich heute beginnen und nehmen dann täglich eine.»

Ich nahm die Schachtel in die Hand und las, dass es sich um Antihormone handelte. Ein ungutes Gefühl stieg in mir auf, und ich versuchte, mein Anliegen zu erklären.

«Sie brauchen keine Angst zu haben, Frau Ilic. Schauen Sie mal, was Sie bereits hinter sich gelassen haben. Das hier ist harmlos dagegen. Zudem senkt es Ihr Rückfallrisiko um fünf Prozent.»

Diese Worte beruhigten mich nicht. Im Gegenteil, das mulmige Gefühl überflutete mich.

«Schwester, ich möchte das nicht einnehmen. Ausserdem ist das meine letzte Infusion. Auch damit höre ich auf.»

Es war nicht leicht, das auszusprechen, aber es musste gesagt werden.

«Aber Sie haben doch erst die Hälfte der Antikörper erhalten! Das muss ich zuerst mit Herrn Siragusa abklären.»

Nachdem sie gegangen war, kamen mir plötzlich die Tränen. Alles wurde mir zu viel. Ihre Reaktion bedrückte mich sehr, obwohl ich wusste, dass sie es nur gut meinte. Doch meine Entscheidung stand längst fest, und daran würde ich nichts mehr ändern.

Auch als mein Onkologe kam, musste ich mich rechtfertigen. Natürlich war er enttäuscht.

«Ich muss Ihre freie Entscheidung akzeptieren. Nun gut, dann planen wir die halbjährliche Kontrolle. Sie werden von mir hören. Die Medikamente lasse ich aber bei Ihnen, vielleicht schlafen Sie noch eine Nacht darüber.»

Was er nicht wusste: Ich hatte viele Nächte darüber geschlafen.

Er verabschiedete sich und ging zur Schwester, um noch etwas mit ihr zu besprechen. Kurz darauf kam eine Frau auf mich zu, die mir schon von weitem ein Lächeln schenkte. Es war Frau Pende von der Kirche.

«Ich war sehr gespannt auf Sie und musste vorbeikommen. Hoffentlich habe ich Sie jetzt nicht unter Druck gesetzt.»

Sie sah mich besorgt an, als sie meine Tränen bemerkte. «Die Trauer ist da, und genau das ist richtig. Sie muss raus. Wenn Ihr Gefühl ein ungutes Signal gibt, dann lassen Sie das Schlechte von sich weg.»

Ich wischte mir die Tränen ab und erzählte ihr von meiner schwierigen Entscheidung und von der Reaktion der Ärzte.

«Ich bin mir sicher, Sie entscheiden sich für das Richtige, für sich selbst und Ihren Körper. Wenn eine innere Stimme, der Geist, zu Ihnen spricht, sollte man hinhören.»

Ihre Worte stärkten mich. Sie gaben mir Kraft, um wieder aufzublühen und zu lächeln.

Die Schwester, die zuvor noch mit Herrn Siragusa gesprochen hatte, kam zurück und begann, den Infusionsplatz aufzuräumen.

«Ich bitte Sie nochmals, sich das Ganze gut zu überlegen. Das ist kein Spiel, das man einfach umkehren kann. Es geht um Ihr Leben.»

Ich bedankte mich für ihre Betreuung und sagte noch, bevor ich mit Frau Pende ging:

«Mein Spiel, meine Regeln.» Draussen, auf dem Weg nach Hause, lernte mich die Seelsorgerin besser kennen.

«Ich merke, ich bin gerade in einem sehr besonderen Moment zu Ihnen gestossen. Sie haben eine enorme positive Ausstrahlung. Haben Sie die ganze Therapie mit dieser Stärke durchgezogen? Wirklich? Das ist ja unglaublich!»

Frau Pende machte grosse Augen und lächelte. «Sie sind eine wunderbare Frau und sollten Ihre Erfahrung teilen. Wissen Sie, es ist nicht einfach, mit Krebspatienten zu ar beiten. Vor allem ich muss ihnen Hoffnung schenken, sie aufbauen. Aber jeder Mensch ist für seine eigenen Gefühle verantwortlich. Ich kann den Weg zeigen, doch leider bleiben viele dort stehen, was sie traurig und ängstlich macht.»

Da sie sehr interessiert war, wie ich mit der ganzen Situation umgegangen war, erzählte ich es ihr. Je mehr sie erfuhr, desto glücklicher wirkte sie.

Es gefiel mir, mit ihr zu sprechen. Sie verstand mich und mein Anliegen.

«Frau Ilic, Sie scheinen ein extremer Gefühlsmensch zu sein. Sie hören auf Ihr Gespür. Ich kann mir gut vorstellen, dass Ihre Theorie mit dem Medikament stimmt. Es ist unglaublich, dass niemand prüft, ob ein Medikament überhaupt für den Patienten passt. Ihre Sichtweise macht durchaus Sinn.»

Schliesslich verabschiedeten wir uns in der Nähe meines Autos.

«Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Ich wünsche Ihnen alles Gute im Leben, und bleiben Sie so, wie Sie sind.»

Auf dem Nachhauseweg überlegte ich, Stefania in ihrer neuen Wohnung zu besuchen, und rief sie an.

«Okay, cool. In sieben Minuten bin ich bei dir.» Als ich ankam, zeigte sie mir gleich, wie sie sich eingerichtet hatte. Die Kinder waren auch da und freuten sich riesig, mich zu sehen. Die Kleine kletterte wie eine Athletin sofort auf mich drauf und wollte spielen. Zum Glück hatte ich genug Kraft, um sie hin und her zu schwingen.

Ich merkte jedoch, dass sie viel reifer war, als sie sich gab. Ihr kindliches Gehüpfe und Geschreie diente einzig dazu, Aufmerksamkeit zu bekommen. Dieses Mädchen verstand bereits vieles von dem, was zuhause geschah.

Der Junge hingegen sass ruhig an seiner Konsole, sein Vater daneben.

«Kannst du dich benehmen und nicht so rumschreien?», fragte Dejan seine Tochter, als er aufstand, um mich zu begrüssen.

«Tina, komm auf die Couch und sei ruhig!», rief der Junge seiner Schwester zu.

Stefania zeigte mir kurz ihre Zimmer, dann setzten wir uns hin und redeten.

«Was? Du nimmst die Pille nicht? Stark! Ich hätte mich nie getraut, den Ärzten zu widersprechen.»

Sie machte mir einen Kaffee, und Dejan kam dazu. «Du hast ja auch keinen Charakter wie Jijo», meinte er und grinste schleimig.

«Ja, da hast du auch wieder recht», erwiderte Stefania, während sie mir die Tasse reichte und den Kopf senkte.

Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Die Stimmung war wieder eigenartig. Wahrscheinlich standen noch einige ungelöste Probleme im Raum.

Die Kinder wurden beim Spielen etwas lauter, da schrie ihr Vater sie an:

«Wagt es ja nicht, euch weiterhin so zu benehmen, wenn wir Besuch haben!»

Sofort wurden sie leise und konzentrierten sich wieder auf ihr Spiel. Es tat mir leid, das mitanzusehen. Eigentlich wollte ich mit Stefania darüber reden, aber ich glaubte nicht, dass sie mir zuhören würde. Schon damals, als ihr Mann sie geschlagen und betrogen hatte, war unsere gemeinsame Aktion angeblich umsonst gewesen. Ihr Versprechen, ihn zu verlassen, sobald die Kinder zur Schule gingen, hatte sie nicht gehalten.

«Und? Hast du die Kinder angemeldet?», fragte ich sie mit einem gezielten Blick, der sie an dieses Versprechen erinnern sollte.

Sie senkte erneut den Kopf und bejahte meine Frage leise. Aber passiert war offensichtlich nichts, im Gegenteil: Die Situation hatte sich verschlimmert. Die Kinder waren eingeschüchtert und durften kaum etwas.

Wegen meines schlechten Gewissens schlug ich vor, die Kleinen am nächsten Tag zu mir zu nehmen. Als sie das hörten, schrie Tina begeistert auf:

«Ja! Bitte, Papa, können wir zu Jijo?» «Das kommt nicht in Frage! Ihr seid so ungezogen und aufgedreht!»

«Tina, setz dich wieder zu mir und bleib ruhig», sagte Boki zu seiner Schwester und zog sie zurück.

«Keine Sorge, ich komme schon klar mit ihnen. Ausserdem könnte ich Hilfe beim Kuchenbacken gebrauchen», meinte ich.

Stefania war plötzlich aufgedreht: «Dafür kann ja ich kommen!» Mit einem leicht verärgerten Blick versuchte ich ihr zu signalisieren, dass ich die Kinder alleine zu mir nehmen wollte.

«Ich verspreche auch, dass wir ganz brav sein werden», sagte Tina zu ihren Eltern.

Der Vater überlegte kurz, und stimmte dann doch zu. Natürlich hatte ich vor, die Kinder einfach spielen zu lassen. Ich freute mich darauf, ihnen etwas Gutes zu tun.

Am Tag danach holte ich die Kinder bei Stefania ab. Bevor wir losgingen, sprach ihr Vater mit drohendem Blick zu ihnen:

«Ihr benehmt euch, ist das klar?» Boki, der Sohn, antwortete scheu mit Ja. Der Vater wiederholte sich: «Ich warne euch. Jijo wird es mir schon erzählen, und dann wisst ihr, was passiert.»

Wir stiegen ins Auto ein, und ich fuhr langsam los. Mein Gedanke liess mich nicht los: Was würde er mit ihnen tun? Egal, wie ungezogen die beiden wären, ich würde Dejan niemals etwas erzählen. Also schenkte ich den Kindern ein aufmunterndes Lächeln, damit sie mir vertrauen konnten. Ich merkte ja, wie sehr sie sich auf den Tag freuten.

Als wir bei mir ankamen, holte ich meine Konsole aus dem Keller. Boki durfte damit spielen, während Tina mit mir in die Küche kam. Der Tag verlief in einem witzigen Chaos. Ich hatte noch keine Kinder so aufgedreht erlebt. Sie durften tun und lassen, was sie wollten.

Nachdem der Kuchen im Ofen war, ging Tina zur Vitrine und holte Wertsachen heraus, die eigentlich tabu waren. Ein limitierter Modell- Sportwagen verlor seinen Seitenspiegel, die Feder einer Maske wurde herausgerissen, und selbst meine aufbewahrten Haare, ein Symbol meiner Diagnose, liess sie nicht unberührt.

Doch nichts davon störte mich. Ich empfand es als unwichtig. In dem Moment wurde mir klar, dass ich mich völlig verändert hatte. Früher hätte ich sie angeschrien, vielleicht sogar damit gedroht, es ihrem Vater zu sagen. Aber jetzt zählte für mich nicht mehr das Materielle, sondern die Freude, die ich empfand, die Kinder unbeschwert zu sehen.

Als der Kuchen fertig war, wollte ich ihn schneiden. Doch Tina rannte herbei:

«Ich will! Gib!» Zögerlich reichte ich ihr das Messer, mit einem warnenden Blick, dass sie vorsichtig sein solle.

«Meine Mama lässt mich das Messer nie halten. Sie sagt, es sei zu gefährlich.»

Ich erklärte ihr, dass sie es nur am Kunststoffgriff halten dürfe und dass dabei nichts passieren könne. Ich verlor sie keine Sekunde aus den Augen, sie fuchtelte nämlich etwas zapplig damit herum.

Nachdem der Kuchen in ziemlich ungleichen Stücken verteilt war, setzten wir uns aufs Sofa und schauten Boki beim Spielen zu.

«Wir haben den Schokoladenkuchen wirklich gut hingekriegt, oder Tina?», fragte ich.

«Ja, er ist sehr lecker. Und ich durfte ihn selber schneiden!» Boki sah zuerst erschrocken, dann leicht verärgert zu seiner Schwester.

Später gingen wir noch raus aufs Feld, um mit dem Ball zu spielen. Es machte richtig Spass, bis Stefania plötzlich anrief:

«Ist alles gut bei euch?» «Alles bestens. Wir spielen gerade», antwortete ich. «Ja, das reicht jetzt auch langsam. Du hattest sie den ganzen Tag. Du brauchst deine Ruhe.»

Ich wollte ihr sagen, dass es in Ordnung sei, doch sie unterbrach mich und bestand darauf, dass ich die Kinder umgehend zurückbringe.

Als ich auflegte, wollten die beiden weiterspielen. Leider musste ich sie unterbrechen:

«So, Kinder, für heute ist genug. Eure Mutter will, dass ihr nach Hause kommt.»

Tina fing sofort an zu weinen und schrie hysterisch: «Ich will noch nicht gehen. Bitte, Jijo!» Ich konnte sie kaum beruhigen. Auch ihr Bruder war traurig, kam aber ohne zu zögern mit.

«Komm jetzt, Tina, wir müssen los! Du weisst, was sonst passiert, also hör auf, dich so dumm zu benehmen!»

Es war eine der schwierigsten Situationen für mich. Ich wusste nicht, wie ich sie überzeugen sollte, ohne streng zu werden. Schweissgebadet gingen wir schliesslich ins Haus und packten ihre Sachen. Tina weinte immer noch und legte sich trotzig auf den Boden, um nicht mitzukommen.

Boki stand schon an der Tür und wartete. Endlich stand auch Tina auf und rannte zur Tür, blieb aber plötzlich regungslos stehen.

Ich kam näher und sah, wie Boki sich hinter der Wand versteckte, mit meinem Klappmesser in der Hand. Es lag höher oben bei der Eingangstür, eigentlich als Eigenschutz.

Er hatte es gefunden, aufgeklappt und hielt es mir mit beängstigendem Blick entgegen. Er grinste, aber in seinem Gesicht lag etwas Verstörendes.

Ich erstarrte kurz und wusste nicht, wie ich reagieren sollte. Um ihm keine Angst zu machen, lächelte ich ihn an und nahm ihm langsam das Messer aus der zitternden Hand. Dabei erklärte ich ihm ruhig, dass das kein Spielzeug sei.

«Du könntest jemanden schwer verletzen.» Er begann zu weinen und umarmte mich. «Bitte erzähl es meinen Eltern nicht.» Ich nickte. «Aber dafür gehen wir jetzt ohne Widerworte.» Mit ihrem Einverständnis machten wir uns auf den Weg zurück. Als wir bei Stefania ankamen, stand ihr Vater bereits vor der Tür.

«Ist alles gut gelaufen?», fragte er. Wir nickten beide, mit einem leichten Zwinkern. Die Kinder verabschiedeten sich mit einer festen Umarmung von mir. Dann fuhr ich, erschöpft und zugleich froh, nach Hause.

Dort erwartete mich das Chaos: zerbrochene Sachen, eine mit Schokolade verschmierte Küche, doch ich wusste jetzt, wie ich meine Zeit verbringen würde. Ich begann aufzuräumen.

Gleichzeitig liess mich der Gedanke nicht los: Sollte ich das Jugendamt einschalten?

Aber das war nicht so einfach. Vielleicht würde es noch mehr Probleme geben. War ich wirklich dafür bestimmt, eine Familie zu zerstören? Sollte ich mich überhaupt überall einmischen?

Vielleicht würde es den Kindern danach sogar schlechter gehen. Ich konnte nicht allen helfen, auch wenn ich es gerne wollte.

In diesem Fall war ich mir einfach zu unsicher, was das Richtige war. Ich hatte keine Antwort. Also beschloss ich, den Kontakt zu beenden und sie nicht mehr zu besuchen.

Gut eine Woche nach all den Strapazen war endlich der Abend gekommen, an dem ich mich ganz meinen Bedürfnissen hingeben konnte. Es war der Tag, an dem ich Karsten endlich sehen würde. Zuvor hatte ich ihm jedoch eine Aufgabe gestellt, eine Denkaufgabe. Sie war so konzipiert, dass sie ihn verwirren sollte, damit er einen Fehler machte. Sollte das passieren, durfte er mich an diesem Abend nicht mit den Händen berühren.

Ich machte ein Video von all meinen Tigern im Schlafzimmer, genau 23 waren es. Ob auf einem Bild oder als Plüschtier: Ich zeigte jeden einzelnen und nannte ihn bei einem besonderen Namen, der eine Ähnlichkeit mit einem Städtenamen aus verschiedenen Ländern hatte. Zum Beispiel nannte ich einen Tiger Ghada, angelehnt an Hurghada, oder Salva, in Anlehnung an Salvador.

Karsten musste mir bis zum Abend sagen, welche Verbindung die Tiger miteinander hatten. Die Belohnung dafür wäre gewesen, dass er mich mit Bionella einschmieren durfte. Andernfalls wäre Berühren tabu, so lange, bis ich es ihm erlauben würde. Irgendwie fand ich die Idee grossartig, sie gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Es war mir wichtig, diese Challenge zu gewinnen, denn ich wusste nicht, wie grob er in Wirklichkeit sein würde. Seine geschriebenen Gedanken waren nicht besonders feinfühlig, ähnlich wie meine, aber gerade das machte mich so neugierig. Ich kannte diesen Typen nicht wirklich, wusste nicht, wie stark er zuschlagen würde. Trotzdem wollte ich es herausfinden.

Ein gewisses Vertrauen musste ich durch unsere intensiven Gespräche aufbauen, bevor ich ihm wirklich gegenübertreten konnte. Tagsüber fragte er mich immer wieder, ob ich schon mal in einem bestimmten Land gewesen sei oder wie ein bestimmter Urlaub gewesen war. Ich dachte: «Fuck, er hat’s herausgefunden!» und wechselte sofort das Thema.

Als er die Aufgabe später auflösen sollte, sagte ich zu ihm: «Du weisst, es zählt nur eine Antwort. Überleg dir gut, was du sagst.» Und dann nannte er sie: «Ich denke, jeder Tiger trägt einen Namen, der mit einem Freund, einem Mann oder einem Familienmitglied in Verbindung steht, an einem Ort, den du besucht hast.»

Und da hatte ich ihn. Teilweise war das falsch, denn es bestand keine Verbindung zu anderen Menschen, nur zu den bereisten Orten. «Es tut mir leid, das ist leider nur teilweise korrekt. Deine Hände müssen heute Abend ruhig bleiben. Wir sehen uns später. Bye.»

Ich war so glücklich, und zugleich ziemlich erleichtert. Am Abend, bevor er kam, nahm ich nach dem Duschen schöne Unterwäsche aus der Schublade und zog sie an. Darüber legte ich bequeme Trainingskleidung, damit ich nicht zu aufreizend wirkte. Ich schminkte mich dezent, parfümierte meine Haut mit einem Hauch süsser Frische und wartete gespannt auf ihn.

Es klingelte, und ich öffnete die Tür. Da stand er endlich vor mir. «Einen schönen guten Abend, Karsten. Komm rein», sagte ich. Ich liess ihn eintreten und begrüsste ihn mit einer Umarmung. Da er mich nicht berühren durfte, kam von ihm keine Reaktion. Amüsiert führte ich ihn durch meine Wohnung und zeigte ihm alles, bis auf das Schlafzimmer. Er setzte sich schliesslich auf die Couch, sah mich an und schwieg. Ich ging in die Küche, bereitete etwas zu trinken vor, deckte den Tisch und versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Doch er blieb stumm, und meine Nervosität wuchs. Je länger dieses Schweigen anhielt, desto unruhiger wurde ich. Schliesslich fielen mir vor Anspannung sogar Sachen aus den Händen.

«Wieso sagst du denn nichts? Ich will wissen, was du von mir hältst. Rede doch mit mir.»

Er antwortete nur knapp: «Nichts. Alles gut.» Und starrte mich weiter an.

Beim Essen kamen dann doch ein paar kurze Gespräche zustande, aber mir war das alles zu mühsam.

Ich beschloss, aufzustehen, setzte mich zu ihm und kam ihm näher.

«Darf ich dich küssen?», fragte ich. «Du bist aber früh dran», meinte er. Ich küsste ihn trotzdem. Er blieb reglos. Nach kurzem Zögern flüsterte ich ihm ins Ohr:

«Ich muss dir etwas gestehen. Ich habe dich angelogen.» Er sah mich verwundert an. Ich erklärte ihm, dass er die Lösung der Denkaufgabe eigentlich richtig hatte, ich ihn aber absichtlich in die Irre geführt hatte, um ihn aus dem Konzept zu bringen.

«Also heisst das jetzt, dass ich…», sagte er und hob langsam die Hände.

Ich nickte. «Ja, du darfst mich anfassen.» Ich küsste ihn erneut und streichelte ihn vorsichtig, um die angespannte Stimmung zu lösen. Dann spürte ich seine Hände auf meinem Rücken. Er schien sich zu entspannen und zeigte nun eine offenere, sinnliche Seite von sich, so wie ich ihn aus unseren Gesprächen kannte.

Er stand auf, um grösser zu wirken, und sah mir tief in die Augen. «Zieh dich aus», forderte er. Ich zögerte kurz, tat es dann aber. Als ich nackt vor ihm stand, liess er seinen Blick über meinen Körper gleiten, drehte mich um und schlug mir leicht auf das Gesäss.

«Hm … was ich da sehe, gefällt mir sehr. Bück dich nach vorne», sagte er.

Er begann, mein Gesäss mehrfach zu schlagen, zunehmend kräftiger, bis ich unwillkürlich Laute von mir gab. Dann spürte ich seine Hand zwischen meinen Beinen. Er merkte, wie schnell ich dabei feucht wurde. Danach führte er seinen Finger an meinen Anus, drang kurz ein und zog ihn langsam wieder heraus.

Ich hörte sein tiefes Atmen, als er seine Hose öffnete. Dann packte er meine Hüften und zog mich an sich, sodass ich seinen erregten Penis spürte. Mein Körper wurde weich, meine Knie begannen zu zittern. Seine Hände griffen meinen Hals und zogen mich hoch.

«Ich werde dich jetzt in den Arsch ficken», sagte er leise. Doch in mir stieg plötzlich Unsicherheit auf. «Nein», sagte ich. «Was nein?», entgegnete er und drückte meinen Oberkörper wieder hinunter. Er spuckte auf seinen Penis und wollte ihn einführen.

Ich wehrte mich. «Nein!», rief ich lauter. Doch er hörte nicht auf. Als ich merkte, dass meine Worte ihn nicht stoppten, drehte ich mich hastig um und sah ihn entsetzt an.

«Ich sagte nein!» Dann sprach ich das vereinbarte Codewort aus: «Tiger!»

Sofort stoppte er und schaute mich irritiert an. «Was ist los? Du wolltest es doch auch. Wir haben so lange darüber geschrieben und waren uns doch einig.»

Ich nickte leicht und versuchte, ihm ruhig zu erklären, dass ich erschrocken sei, dass es mir plötzlich zu viel wurde.

«Okay, und was jetzt?», fragte er. «Es tut mir wirklich leid, dass es nicht geklappt hat. Bitte geh jetzt.»

Er schüttelte den Kopf, zog seine Hose hoch und ging wortlos.

Realisieren

In dieser Nacht hatte ich keinen Traum. Nach dem Geschehen hätte ich es zwar erwartet, aber irgendwie auch nicht. Es hätte ja sein können, der sehnlichst erhoffte innere Feldzug. Was war nur los mit mir? Wieso zögerte ich? Hatte ich Angst? Mein so gross gedachter Mut war nirgends zu spüren. Ich stellte mir gleich am Morgen nach dem Aufstehen zu viele Fragen, weil ich enttäuscht von mir selbst war. Es fehlte an nichts, und doch passte mir irgendetwas nicht.

Wie üblich machte ich mir einen Kaffee an meinem freien Sonntag und setzte mich auf den Balkon. Der Ausblick auf den frühen Sonnenaufgang und die ruhige Morgenstimmung war wieder herrlich. Kein Autolärm, kein anderer Krach, nur ein paar Spatzen und Krähen. Nach dem ersten Schluck flog eine Krähe vorbei und setzte sich auf die nächste Strassenlaterne. Sie war auf Augenhöhe mit mir und beobachtete mich. Ich sah sie ebenfalls an und fragte sie innerlich, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sie starrte mich weiter an. Ich schüttelte den Kopf und ging in die Küche.

Dort griff ich zur obersten Schublade des Küchenschranks, nahm eine Walnuss heraus, knackte sie und brachte sie meinem gefiederten Freund. Ich schaute die Krähe noch einen Moment an, bevor ich die Nussstücke zu Boden warf. Als ich sah, wie sie hinunterflog und zwischen den Stücken hin- und her hüpfte, fühlte ich mich auf einmal wieder sehr wohl. Ob Mensch oder Tier, helfen war schon immer mein Glück.

Ich holte mein Handy hervor und öffnete die E-Mail eines Autors, der mir täglich interessante Beiträge über Selbstbewusstsein schickte. Vielleicht fand ich dort einen Hinweis auf meine Zurückhaltung. Und tatsächlich schrieb er über ein Thema, das genau den Punkt traf:

«Vor nicht allzu langer Zeit war ich auf einem Pornofilmfestival. Eine interessante Veranstaltung, vor allem, weil das Motto BDSM war. Etwas, wovon man als ‹normaler Mensch› im ‹normalen Leben› meist nicht viel mitbekommt. Und das hat mir eines wieder ganz deutlich gezeigt:

Es gibt tausende Realitäten da draussen. Tausende von Vorlieben. Und tausende von Hoffnungen und Sehnsüchten. Meine Realität ist nur ein winziger Teil davon. Diese Erkenntnis hat mich erneut sensibilisiert für das, was andere Menschen leben. Wie sie fühlen, was sie mögen. Denn viel zu oft handeln wir aus unserer eigenen Realität heraus. Wir denken, der andere denkt genauso wie wir.

Und wenn er dann anders handelt, als wir es für ‹richtig› halten, stossen wir uns daran. Im schlimmsten Fall lassen wir uns sogar davon runterziehen. Zu Unrecht. Denn: Jeder hat seine eigene Realität, und soll sie auch haben dürfen. Und der kosmische Witz dabei ist: ‹Je mehr du andere einfach so sein lassen kannst, wie sie sind, desto besser wird dein eigenes Leben.›*»

Diese Einsicht war für mich nichts Neues. Ich war schon immer tolerant. Jeder durfte bei mir so sein, wie er wollte. Vieles gelang mir, meine Lebensweise machte mich zu einem glücklichen Menschen. Die meisten mochten mich, wegen meiner aufgestellten Art, meiner Hilfsbereitschaft, meiner Offenheit. Manche sagten, ich sei lustig und gleichzeitig etwas verrückt.

Ich dachte darüber nach, was ich mir früher als Kind gewünscht hatte, damals, als ich mich von allem zurückzog. Ich war sehr introvertiert, traurig und hatte keine Freunde. Die ganze Klasse mobbte mich. Auch meine Mutter konnte ich irgendwann nicht mehr ernst nehmen. Die Gedankenflüsse vor dem Einschlafen waren damals meine einzige Rettung, um der Einsamkeit zu entkommen. Wenn ich glücklich war, konnte ich mich selbst wieder wahrnehmen, mein Erscheinungsbild formen und daran arbeiten, wie ich als Frau später sein wollte.

Ich hatte dabei klare Bilder vor mir: intelligent, hübsch und vor allem beliebt, das war mein grösster Wunsch. Und dieser erfüllte sich auch. Doch die schweren Phasen überrollten mich immer wieder und rissen an meinem Selbstwertgefühl. In diesen wütenden Zeiten war mein eigenes Wohlbefinden das Wichtigste. Und das waren es auch, diese Gedanken, die mich dorthin führten.

* Zitat von Moritz Bauer Schon seit ich denken konnte, lauerte eine andere Welt in mir. Vor Traurigkeit hatte ich oft Nasenbluten, und viele Momente brachten mich zum Weinen. Ich erkannte früh, dass mich das reale Leben nicht zum Ziel führte. Also verwandelte ich meine Gedanken in eine dunkle Geschichte, die mich gleichzeitig mit Euphorie erfüllte. Das verschaffte mir Ruhe, liess mich besser einschlafen und die Energie ins Positive wandeln.

Diese Fantasien, auch in Bezug auf Sexualität, verankerten sich tief. Ich empfand diese emotionale Welt als wohltuender als Wut, Hass oder Trauer. Aber ich war damals ein Kind, ich konnte nicht wissen, welche Auswirkungen das im Erwachsenenalter haben würde.

Im Lauf der Jahre lernte ich, dass meine Träume mehr waren als nur Träume. Sie wurden zu inneren Erfahrungen, die mich geistig und seelisch erfüllten. Sie lösten jedes Mal ein warmes Kribbeln im Sakralchakra aus. Ich kam an den Punkt, an dem ich wusste: Ich muss diese Bürde verarbeiten. Es war an der Zeit, weiterzugehen.

Nach all den Überlegungen entschied ich mich, Karsten zu schreiben. Viele Sätze musste ich immer wieder umformulieren, denn ich war mir bei der Sache so unsicher, und zudem auch sehr nervös. Aber anders konnte ich nicht herausfinden, ob diese Erlebnisse wirklich für mich bestimmt waren. Aller Anfang ist schwer, und ich hatte einfach die Schnauze voll vom Denken. Ich wollte es spüren. Also löschte ich die Nachricht und rief ihn an.

«Hallo, Karsten, können wir nochmals einen Versuch starten? Ich weiss, Frauen sind schwer zu verstehen. Auch ich verstehe mich gerade nicht. Ich weiss nicht, warum es gestern nicht geklappt hat. Ich möchte dich fragen, ob du dem Ganzen eine zweite Chance gibst.»

Am anderen Ende war nur sein Atem zu hören. «Natürlich war das von mir sehr dumm. Diese Entfernung, die Fahrt, alles umsonst. Es tut mir wirklich leid.»

Dann kam nur ein knappes: «Ok.» Ich überlegte kurz und redete weiter. «Ich kann dir das Geld fürs Benzin überweisen, das du wegen mir verbraucht hast.»

«Die Zeit kannst du mir aber nicht zurückgeben. Und die ist für mich sehr kostbar.»

Ich erstarrte. Mir fehlten die Worte. «Na gut», sagte er nach einer Pause. «Ich erwarte dich heute Abend bei mir zu Hause. Ich habe kinderfrei, und könnte gerade etwas zum Benutzen gut gebrauchen. Du wirst ohne Widerworte meine Figur sein, mit der ich machen kann, was ich will.»

Seine Stimme klang ernst. Mein Hals schnürte sich zu bei dem Gedanken, was an diesem Abend geschehen würde. Doch ich durfte nicht wieder davonlaufen.

«Neunzehn Uhr, in Ordnung. Wie soll ich mich anziehen?», fragte ich schüchtern.

«Komm leger in Trainingshosen. Bring aber etwas mit, du weisst schon, was mir gefällt.»

Er legte auf und ich atmete mal tief durch. Nun gut, so soll es sein. Um mich abzulenken, rief ich meine Cousine an. «Kannst du es glauben, dass sie alle unsere Aktivitäten für die nächsten drei Monate storniert haben? Und ich als Verantwortliche dieser Events muss nun geimpft oder getestet sein!»

Sie war wütend über all die Massnahmen, die sich in unserem Land ausgebreitet hatten. Die Situation war alles andere als einfach. Es war eine Zeit, in der sich die Menschen zu spalten begannen. In den Medien sprach man nur noch über das eine Thema, wie gefährlich das Virus sei und wie vorsichtig wir sein müssten. Abstandsregeln, Plexiglaswände, Bodenmarkierungen, all das etablierte sich rasant in unserem Alltag.

Für viele brach die Welt zusammen. Unzählige durften ihre Eltern oder Grosseltern nicht mehr umarmen. Das Gefühl von Nähe, von Liebe, wurde systematisch blockiert. Viele Menschen auf der ganzen Welt litten unter demselben Schicksal, alte Menschen, die ihre Liebsten nicht mehr sehen durften. Ich fand die Einschränkungen in diesem Bereich am schlimmsten. Wie konnte man nur? Man hatte uns die Liebe verboten.

In den öffentlichen Verkehrsmitteln sah man fast nur maskierte Gesichter. Kinder fragten ihre Väter, ob der Mann ohne Maske ein böser Mensch sei. Was auch immer der Vater darauf antwortete, diese Worte würden sich im Unterbewusstsein des Kindes einprägen und seinen Blick auf die Welt mitformen. Ich vermute, dass dieses Kind später schneller Angst um seine Sicherheit entwickeln wird, und sich vielleicht leichter unterwerfen lässt. Vielleicht irre ich mich. Doch ich sah gerade in dieser Zeit die grösste Stärke bei jenen, die sich nicht unterkriegen liessen. Die standhaft blieben. Die niemals den Mut verloren. Würden wir auch in Zukunft den Mut bewahren? Würden wir es wagen, Nein zu sagen? Nein zur Unterdrückung. Nein zum Hass. Und auch Nein zur Wut? Würden wir das schaffen?

«Anya, das wird sich schon beruhigen. Lass dem Ganzen Zeit, und der Moment kommt, in dem sich alles wieder richtet. Du wirst sehen, in zwei Jahren spricht kaum noch jemand darüber.»

Natürlich konnte sie sich über meine Meinung nicht wirklich freuen.

«Ich muss irgendwie krank werden. Dann habe ich ein Attest für drei Monate. Die Impfung können sie sich sonst wohin schieben, aber sicher nicht zu mir.»

Nach dem Telefonat wollte ich einen Herbstputz machen und füllte einen Eimer mit Wasser. Währenddessen drehte ich die Musik laut auf, um meine Gedanken nicht hören zu müssen. Immer wieder überschlugen sie sich mit denselben Fragen. Was soll ich anziehen? Welches Teil reizt ihn am meisten? Rot oder schwarz? Als wären das die entscheidenden Fragen. Nein. Die eigentlichen lauteten: Wie hart wird er zuschlagen? Wird er mit mir achtsam umgehen können? Würgt er mich bis zur Ohnmacht?

Je mehr ich darüber nachdachte, desto schneller schwang ich den Lappen über die Fenster. Dann warf ich ihn aus Wut zu Boden und schrie mich selbst an:

«Hör jetzt endlich auf damit! Beruhige dich!» Ich atmete mehrmals tief ein und aus. Danach ging es etwas besser. Ich zog mir eine Jeans an, warf mir ein Hoodie über den Kopf und spazierte durch das Dorf, um mich zu entspannen. Diese Angst wollte ich endlich überwinden, ich wollte mich der Sache stellen, ohne Panik, ohne Zweifel. Dass es so schwer werden würde, hätte ich mir nicht einmal im Traum vorgestellt.

Es war ein langer Spaziergang, und ich sah, wie die Sonne langsam unterging. Auf dem Rückweg erhielt ich eine Nachricht von meinem Exmann: ein Foto von einem Haus im Dorf. Das oberste Dach war komplett ausgebrannt, und ich erkannte sofort, dass es sich um das Wohnhaus von Natalia und ihrer Familie handelte. Ich rief sie sofort an.

«Keine Sorge, uns geht’s gut. Wir waren gar nicht zuhause, als es passiert ist», sagte sie beruhigend.

Ich fragte, wie das geschehen konnte. «Tja, wenn man Psychopathen einziehen lässt», meinte sie trocken.

Es hatte in der Dachwohnung einen Mann gegeben, der nicht ganz sauber war. Als er seine Wohnung anzündete, rannte er raus und schrie: «Ihr werdet alle sterben!»

Die Eigentümerin stand zufällig draussen, hörte es und alarmierte sofort die Rettungskräfte. Zum Glück konnten alle Bewohner frühzeitig gerettet werden.

«Die Feuerwehr war da, die Polizei auch. Riesenchaos bei uns im Dorf.»

Der Täter wurde gefasst, doch Natalias Wohnung war für die nächsten Wochen unbewohnbar. Der Wasserschaden war enorm. Und sie hatte ohnehin schon genug zu tragen, mit ihrer eingeschränkten Beweglichkeit im Arm. Früher war sie eine der stärksten Frauen, die ich kannte. Drei Kinder, ein Vollzeitjob, immer alles im Griff. Und trotzdem verlor sie nie ihr Lächeln.

Dann kam alles anders. Sie war plötzlich wie ausgewechselt. Die Corona-Situation verschärfte alles: verschobene Arzttermine, nur noch Notfälle wurden angenommen. Wohin sie auch ging, Tests waren Pflicht.

Wie immer fuhren sie mehrmals im Jahr ins Ausland, sei es für die Ferien oder wegen Todesfällen in der Familie. Da ihre Kinder ein gewisses Alter erreicht hatten, mussten auch sie regelmässig Antigen- Tests machen.

«Du kannst dir nicht vorstellen, wie teuer das Ganze für uns alle ist», sagte sie am Telefon, als sie mir gestand, dass sie sich habe impfen lassen.

Die Spaltung der Gesellschaft hatte begonnen. Mittlerweile sogar unter Gleichgesinnten. Die Menschen hatten sich während der Pan demie verändert. Wer Maske trug, blickte feindselig auf jene ohne. In Restaurants gab es Streit: Warum keine Impfung? Wieso gehst du überhaupt raus?

Komplettes Ausgangsverbot. Weltweiter Lockdown. Was war nur geschehen?

Im Ausland kauften sich Menschen Hunde, nur um für eine halbe Stunde das Haus verlassen zu dürfen. Andere bauten mit dem Verkauf von Masken ein Riesenbusiness auf. Die Pharmaindustrie machte Milliarden, während kleine Geschäfte schliessen mussten. Die psychiatrischen Kliniken füllten sich. Die Intensivstationen waren überlastet. Menschen starben am Virus, und später auch an den Impfungen. Eine kollektive Psychose erfasste die Welt und nährte die Angst. Aber wovor eigentlich? Angst zu sterben? Weshalb? Der Tod ist etwas ganz Natürliches.

Doch das System hat uns so geprägt, dass der Tod mit Schmerz verbunden ist. Sicher, er kann schmerzhaft sein, aber er ist nur eine Etappe, die jeder früher oder später durchschreitet. So ist es erschaffen, und so wird es weitergehen. Wir sollten ihn nicht fürchten, sondern als Teil der Hingabe begreifen. Und lernen, ihn zu verstehen.

Als hätte ich begriffen, dass auch meine Angst einen Platz in meinem Leben verdient. Ich spürte sie in diesem Moment klarer denn je. So stark ich im Leben sonst war, so mutig ich oft voranschritt, in Gedanken an das, was mir bevorstand, fühlte ich mich klein, verletzlich, entwaffnet. Ich beendete das Gespräch mit Natalia und machte mich auf dem Heimweg. Es war später Nachmittag, der Himmel in blassem Herbstlicht getaucht. Ich war nervös, kribbelig, aber zugleich freudig aufgeregt.

Kurz bevor ich zu Hause ankam, hielt plötzlich ein Auto neben mir. Ich sah einen fremden Mann am Steuer, der mich nicht ansah. Die hinteren Scheiben waren getönt. Ich lief weiter, das Fahrzeug rollte langsam neben mir her. Es beunruhigte mich, aber ich wollte der Angst nicht nachgeben. Vielleicht war es nur ein Zufall. Vielleicht nicht. Als sich dann plötzlich die hintere Tür öffnete und zwei Arme mich packten, gab es keine Zweifel mehr.

Ich konnte nicht schreien. Eine Hand presste sich auf mein Gesicht, die andere zog mich mit einem Griff an den Oberkörper in den Wagen. Ich wurde gegen einen Sitz gedrückt. Der Fahrer fuhr los. Ich erkannte die Stimme des Mannes, der mich festhielt, Dejan. Ich erstarrte. Der Ehemann von Stefania war es. Den ganzen Weg hielt der Dreckskerl mich fest, sodass ich mich nicht rühren konnte. Ich spürte nach zehn Minuten Fahrt, wie die Strasse holprig wurde und mir war sofort klar, dass wir in einem Wald fuhren. Meine Arme wurden mit einem Kabelbinder zugeschnürt, mein Mund mit einem Tuch. Als wir anhielten, zog er mich raus und stellte mich gerade auf. Voll verweint und zitternd stand ich da und wusste nicht, was passieren würde. Dejan stand vor mir, mit Wut überströmt und gab mir eine richtige Ohrfeige. Die war so stark, dass ich mich nicht halten konnte. Er hielt mich fest, als ich fast zu Boden fiel und richtete mich wieder.

«Dein Spielchen mit meiner Frau war keine gute Idee. Was hast du dir dabei gedacht?»

Mir drehte der Kopf, weil der Puls meinen Hals überschlug. Ich hatte Panik, musste aber ruhig stehen. Dann kam eine zweite und wieder hielt er mich fest. Ich kniete mich vor ihm hin und versuchte ihn anzubeten, aufzuhören.

Mit grösster Mühe versuchte ich über das Tuch klar verständlich zu reden.

«Es war ein Fehler, es tut mir so leid. Bitte! Das kommt nie wieder vor!» Ich liess mein Kopf zu Boden gerichtet und sah, wie er sich mir näherte. Seine Füsse standen vielleicht zehn Zentimeter vor meinen Knien, ich blieb so unten und konnte meine Stellung nicht mehr bewegen, völlig in Angstzustand. Dann machte er seine Hosen auf und nahm seinen Penis hervor. Er zog an meine Haare und ich schaute gezwungenermassen nach oben.

«Du Miststück, Dafür hast du das verdient.» Er pinkelte über mein Gesicht und ich versuchte zu schreien mit meinem Verband über dem Mund. Die Angst blendete den ekel aus, sodass ich mir gar nicht überlegen konnte, wie abscheulich gerade die Situation war. Als er fertig wurde, hat er meinen Kopf wieder nach unten gedrückt und schüttelte den letzten Tropfen über mich. Dann zog er seine Hosen wieder an und rief nach dem Fahrer.

«Komm, jetzt gehört sie dir.» Bevor ich irgendwie reagieren konnte, packte er mich schon hoch und riss mich zur Haube. Da stiess er meinen Oberkörper darauf, drückte meinen Kopf an und hielt ihn fest. Der Fahrer stieg aus und lief auf mich zu. Ich sah einen grossen Mann mit prächtigen Armen, was gerade über die Jeans sein Teil richtete. Meine Augen glänzten, vom Weinen und von dem riesigen Ding, was gerade über die Hosen quetschte. Er lief zu mir, direkt hinter mir und stand davor. Ich zappelte ein wenig, aber Dejan presste meinen Kopf noch mehr an der Haube.

«Sei still, kleine Göre. Was hast du das Gefühl? Du kannst meine Familie zerstören? Bevor ich zu dir gekommen bin, habe ich die andere Hure verarbeitet.»

Ich versuchte mit Tönen etwas herauszuschreien, es ging aber nicht.

«Keine Sorge, sie lebt noch. Ich wäre ja dumm, wenn nicht. Sie wird gebraucht, für meine Kinder und auch für was anderes.»

Mir wurde richtig übel bei seiner Aussage. «Und bei dir, du kleines verlogenes Ding bin ich mir nicht so sicher, ob du es überleben wirst.» Ich spürte plötzlich an meinem Po eine leichte Reibung. Es entfaltete sich schnell, dass der Penis vom Fahrer richtig gross war. Dejan lachte.

«Genau deswegen meinte ich, bin mir nicht ganz sicher.» Dann riss der Fahrer ruckartig meine Hosen runter und spreizte meine Pobacken voneinander.

Was dann geschah, ist schwer in Worte zu fassen. Ich erinnere mich an den Wald, an das kalte Licht, an Kabelbinder um meine Handgelenke. An Worte, die wie Peitschenhiebe auf mich einschlugen. Vorwürfe, Erniedrigungen, Gewalt. Ich hatte keine Kontrolle. Keine Luft. Keine Orientierung. Ich war gefangen, im Moment, in meinem eigenen Körper.

Was mir dort angetan wurde, geschah unter Zwang. Unter dem Vorwand von Eifersucht, Macht, Rache. Ich weiss noch, wie ich dachte: Warum habe ich immer versucht zu helfen? Jetzt war niemand da, um mir zu helfen. Ich war allein. Weit weg. Und ausgeliefert.

Es gab einen Moment, in dem ich glaubte, dass es zu Ende sei. Dass ich nicht überleben würde. Und doch, irgendetwas in mir blieb wach. Mein Bewusstsein. Mein innerer Wille, durchzuhalten. Ich hörte mich innerlich sagen: So wahr Gott mir helfe.

Am Ende wurde ich zurückgelassen. Ich weiss nicht, ob aus Kalkül oder aus Gnade. Dann hörte ich plötzlich eine Sirene.

Die Männer zuckten zusammen, schrien einander etwas zu und rannten in Panik zum Auto. Ich stand auf, zog mit gefesselten Händen meine Hose hoch und rannte so gut ich konnte in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Das Fahrzeug der beiden raste davon.

Wenig später war die Polizei da. Als sie mich sahen, verknotet, verweint, zitternd, stiegen sie sofort aus.

«Geht es Ihnen gut? Was ist passiert?», rief einer der Beamten und lief auf mich zu.

Sie machten mich frei, gaben mir eine Decke. Ich begann zu sprechen. Zögerlich zuerst, dann fester. Ich erzählte, was geschehen war. Der eine Polizist hörte aufmerksam zu, während der andere bereits mit dem Funkgerät Informationen abglich.

«Keine Sorge», sagte der Beamte ruhig, «gegen ihn läuft bereits eine Fahndung. Seine Ehefrau schaffte es, auf den Balkon zu flüchten. Ein Nachbar hörte sie schreien und hat uns alarmiert.»

Ich versuchte, mich zu beruhigen, mein Zittern zu kontrollieren. «Wie zum Teufel haben Sie gewusst, wo ich war?», fragte ich leise. Er sah mich an und sagte: «Frau Natalia Kovac hat uns kurz danach ebenfalls angerufen. Sie hatte ein seltsames Gefühl, weil Sie, Frau Ilic, den Hörer nicht aufgelegt hatten. Wir konnten Ihr Handy orten und fanden es an einem Waldstück. So fügten wir eins und eins zusammen, und sind losgefahren.»

Ich spürte eine Welle der Erleichterung. Mein Gebet war erhört worden.

Sie waren meine Retter. Ich war unendlich dankbar. Ich umarmte den einen Polizisten aus dem Reflex des Überlebens. Erst zögerte er, dann erwiderte er die Geste sanft.

«Keine Sorge, Frau Ilic. Sie sind nun in sicheren Händen.» Während der Fahrt zum Revier wurde mir plötzlich bewusst, dass ich nach Urin roch. Ich wandte mich ab, hustete.

«Alles in Ordnung? Sollen wir anhalten?», fragte der Beamte. «Nein, es geht schon. Aber… haben Sie vielleicht eine Dusche? Ich halte den Gestank einfach nicht mehr aus.»

Er drehte sich zu mir um, ich sass hinten auf dem Rücksitz. «Was hat er mit Ihnen gemacht?», fragte er vorsichtig. Ich nickte nur, schaute beschämt auf meine Hände. Er wollte mich aufmuntern: «Sie müssen sich keine Sorgen machen. Mit diesen Masken riechen wir sowieso kaum etwas.»

Ich musste grinsen. «Von mir aus können Sie die Maske gerne abnehmen. Ich gehöre nicht zu den ängstlichen Leuten.»

Er warf mir einen Seitenblick zu und sagte: «Ja, das sehe ich. Ihre Tränen sind getrocknet, und nach all dem, was gerade erst passiert ist, blühen Sie schon wieder auf.»

Er zog kurz seine Maske nach unten, schenkte mir ein Lächeln, dann setzte er sie wieder auf. Ich sah in seinem Blick etwas Respekt, vielleicht sogar Bewunderung.

«Leider gelten bei uns Maskenpflichten gegenüber Klienten. Aber danke für die ehrliche Rückmeldung.»

Beim Revier begleitete er mich bis zur Tür. «Bis ich den Bericht fertig habe und Ihnen noch ein paar Fragen stellen muss, dürfen Sie sich gerne frisch machen», sagte er freundlich. Er reichte mir ein grosses Handtuch und zeigte mir die Dusche in der Umkleidekabine.

«Wir haben leider nur Männerduschgel, hier arbeiten kaum Frauen. Aber keine Sorge, alle haben heute Dienstschluss.»

«Alles ist besser als das, was ich gerade an mir trage», entgegnete ich, und er musste lachen, fast verlegen.

«Entschuldigung. Aber Sie erzählen das, als wäre es nichts Schlimmes.»

Ich schenkte ihm ein müdes Lächeln. «Es hat ja nicht weh getan», sagte ich leise. Dann bedankte ich mich für seine Hilfe und ging duschen.

Endlich roch ich wieder normal. Ich fühlte mich sauber. Und besser denn je.

Als ich mich abtrocknete und in den Spiegel blickte, sah ich, wie stark meine Wange gerötet war.

«Das waren zwei heftige Schläge», dachte ich. Dann fiel mir plötzlich etwas ein: Karsten.

«Fuck. Ich muss ihn anrufen.» Frisch geduscht und wieder angezogen ging ich zurück in den Revierposten. Der Beamte sass vor dem Computer und tippte den Bericht. Als ich näher trat, sprach er mich gleich an.

«Ich bin gleich fertig. Sie wurden gefesselt an der Waldhausstrasse fünf aufgefunden … Sagen Sie mal: Wollten diese Männer auch in die Waldhütte mit Ihnen? Die liegt nämlich gleich dahinter.»

Die Erinnerung traf mich wie ein kalter Luftzug. Meine Stimme wurde leiser.

«Ich … ich weiss es nicht.» Er drehte sich mit dem Stuhl zu mir. Die Maske hatte er nicht mehr auf.

«Frau Ilic …» «Jijo», unterbrach ich ihn und schenkte ihm ein verlegenes Lächeln.

Er zögerte kurz, dann fuhr er mit ernster Stimme fort. «Im Ernst jetzt: Die Männer hatten wohl noch mehr mit Ihnen vor. Ich habe überprüft, ob die Hütte reserviert wurde, und tatsächlich, heute ist sie gebucht. Auf den Namen Faru Gonzalo.»

Der Name liess mich innehalten. War das der Fahrer gewesen? «Kennen Sie den Mann?», fragte er und drehte seinen Laptop zu mir.

Ich erkannte das Gesicht sofort. Doch ich spürte gleichzeitig die Bedrohung, die von diesem Menschen ausging. Wenn ich ihn jetzt identifizieren würde, würde er vielleicht eines Tages zurückkommen. Ich sah ihn vor mir, dieses Mal nicht im Wald, sondern in einer Strasse, in einem Flur, vielleicht vor meiner Wohnungstür. Ich wusste: Wenn er mich suchte, würde er mich finden.

«Nein. Das war er nicht», sagte ich schliesslich mit fester Stimme. Der Polizist liess nicht locker. «Schauen Sie nochmals genau hin.» Ich tat es, zwang mich dazu, die Augen nicht abzuwenden. Ich spürte, dass er meine Angst sah.

«Ich bleibe bei meiner Aussage», sagte ich. «Gut. Wir haben die Hütte trotzdem untersuchen lassen. Herr Gonzalo besitzt eine Jagdlizenz, deshalb waren dort all diese Werkzeuge. Es ist Jagdsaison», erklärte er nüchtern.

Er lehnte sich zurück. «Mein Vater war auch Jäger. Ich konnte nie viel damit anfangen. Ich töte nicht, ich schlage nur.» Er zeigte mit einem Lächeln auf den Schlagstock an seinem Gürtel. Ich erschrak innerlich, blieb aber ruhig.

«Was ist los, Frau Ilic? Denken Sie etwa, ich würde …?» Ich zögerte, und spielte mit dem Gedanken, ihm zu antworten. «Wieso nicht?», sagte ich und zwinkerte. Er hielt inne, atmete hörbar durch, stand auf und kam langsam auf mich zu. Den Schlagstock drehte er gedankenverloren in der Hand.

«Dieser Tonfa ist für Notfälle. Kein Spielzeug», sagte er ruhig. Seine Stimme war ernst, aber nicht bedrohlich.

Ich ärgerte mich über mich selbst. Wieso konnte ich nicht einfach mal den Mund halten?

«Es war nur ein Spass. Mussten Sie den schon mal einsetzen?» «Ja. Marvin Jay», antwortete er knapp und reichte mir die Hand. «Bei einer Demo, es ging um Menschenrechte, Corona-Massnahmen. Es wurde brenzlig. Ich musste meinen Kollegen schützen.»

Das Gespräch nahm einen sachlicheren Ton an. Ich fragte ihn nach meinen Sachen, die ich beim Eingang abgegeben hatte, und ging dann in den Warteraum, um zu telefonieren. Ich wollte Karsten informieren, dass ich nicht kommen konnte.

Als ich die App öffnete, sah ich: Er hatte mich blockiert. «Na gut, das war’s dann wohl», dachte ich. Trotzdem schickte ich ihm eine Sprachnachricht, vielleicht würde er sie irgendwann hören.

«Hallo, mein Herr. Dass ich heute nicht mehr kommen konnte, um deine Sklavin zu sein, lag nicht in meiner Hand. Ich weiss, du willst wahrscheinlich keinen Grund hören. Und du bist jetzt wohl noch wütender. Aber bitte, lass mich es dir irgendwann erklären. Ich wünsche dir eine gute Nacht.»

Ich steckte das Handy zurück in die Tasche. Als ich mich umdrehte, stand plötzlich der Polizist vor mir. Er versperrte den Weg zur Tür, seine Haltung aufrecht, sein Blick streng. Er hatte eine Hand am Gürtel, wo noch immer der Schlagstock hing.

Ich war überrascht, vielleicht sogar irritiert. «Meine Schicht ist zu Ende. Ich gehe jetzt nach Hause», sagte er ruhig.

Ich lächelte erleichtert. «Dann bin ich froh, dass wir den Tag vollendet haben», meinte ich und wollte an ihm vorbei. Doch er wich nicht zur Seite. Ich blieb stehen, näher an ihm als beabsichtigt.

Er sah mich durchdringend an. «Soso … ‹Sklavin›? Weisst du überhaupt, was das bedeutet?» Seine Worte trafen einen empfindlichen Nerv. Ich spürte, wie etwas in mir weich wurde. Und gleichzeitig ärgerte ich mich über mich selbst, schon wieder.

«Ja, mein Herr. Stets zu dienen», sagte ich leise und blickte zu Boden.

Er seufzte, machte das Licht aus. Ich zuckte kurz zusammen. Dann hob er mit der Hand mein Kinn an.

«Das Revier schliesst jetzt», sagte er ruhig. «Okay», antwortete ich. Meine Stimme war brüchig, ein Rest Zittern lag darin.

Dann sagte er: «Ich nehme dich mit nach Hause, Jijo. Meine Kleine.» Er beugte sich vor und küsste mich. Ich schloss die Augen und fiel in seine Arme.

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